272. Frankenderby:Zumindest das Schicksal zeigt Fingerspitzengefühl

272. Frankenderby: Auf zum Jubeln: Armindo Sieb rennt nach seinem zweiten Treffer los, Nürnbergs Johannes Geis hat sich hingegen hingesetzt.

Auf zum Jubeln: Armindo Sieb rennt nach seinem zweiten Treffer los, Nürnbergs Johannes Geis hat sich hingegen hingesetzt.

(Foto: Wolfgang Zink/Sportfoto Zink/Imago)

Die junge Mannschaft des 1. FC Nürnberg agiert in Fürth bisweilen zu ungestüm, schon nach 34 Minuten sieht Jens Castrop Gelb-Rot. In Überzahl fühlen sich die Fürther wohl - und gewinnen 2:1 durch zwei Treffer von Armindo Sieb.

Von Christoph Leischwitz

Armindo Sieb kam gerade in die Interviewzone, als Fürths Kapitän Branimir Hrgota die ersten Statements zum 272. Frankenderby abgab. "Ey, Armindo", rief der Routinier dem Jungspund zu, "die haben mich hier nach unserer Wette gefragt. Die bleibt geheim, okay?" Sieb grinste wissend. Worum es wohl geht? Wer von den beiden in der laufenden Zweitligasaison mehr Tore schießt? Oder vielleicht, ob Sieb mehr Tore erzielt als der 31-Jährige in seiner besten Saison für das Kleeblatt (16)? Die Öffentlichkeit wird es wohl erst zum Saisonende erfahren. Aber es ist schon ein vielsagender Umstand, dass es ausgerechnet nach dem Derby gegen den 1. FC Nürnberg um solche Luxusprobleme ging.

Hrgota ist vergangene Woche zum zweiten Mal Vater geworden, Fürths Trainer Alexander Zorniger meinte später, das habe ihn wohl zusätzlich beflügelt. Sieb ist vergangene Woche 21 Jahre alt geworden und sagt: "Ich habe mir in der Winterpause eine Menge vorgenommen." Seitdem hatte er schon vier Tore geschossen, am Sonntag im Derby kamen noch einmal zwei dazu (27., 56.). Fürth siegte nach Rückstand 2:1 (1:1) und ist trotz dreier Niederlagen vor dem Derby schon wieder nah dran an den Aufstiegsrängen. Und gemessen an Spielweise, Körpersprache und dem zur Schau gestellten Selbstvertrauen muss auf Rang vier noch nicht unbedingt Schluss sein.

Dass die Partie im ausverkauften Ronhof in der zweiten Halbzeit so einseitig zugunsten der Gastgeber verlief, hatte freilich noch einen anderen Grund. Nürnbergs Trainer Cristian Fiél hatte mal wieder vielen jungen Spielern das Vertrauen geschenkt, zum Beispiel stand der U17-Weltmeister von 2023, Innenverteidiger Finn Jeltsch, erstmals in der Startelf. Der 17-Jährige mit der Rückennummer 44 machte seine Sache gut, doch insgesamt wirkte der Nürnberger Auftritt gegen die spielerisch überlegenen Fürther bisweilen zu ungestüm. Und so sah Jens Castrop schon nach 34 Minuten die gelb-rote Karte, weil er ein zweites Mal Julian Green im Mittelfeld aufgehalten hatte.

Fiél sprach gleich in der Pause Schiedsrichter Robert Schröder darauf an. Ob fehlendes Fingerspitzengefühl des Unparteiischen oder mangelnde Erfahrung des Spielers nun überwogen? Für Fiél stand die Antwort fest. Und ihm war auch klar, dass seine Mannschaft nach dieser Szene weitgehend chancenlos war. Mit der Ausnahme in der dritten Minute der Nachspielzeit, als der eingewechselte Kanji Okunuki noch einmal einen Schuss aufs Tor abgab. Fürths Torwart Jonas Urbig klärte, alles andere wäre auch mangelndes Fingerspitzengefühl des Schicksals gewesen.

Sturmtalent Can Uzun muss zur Pause runter - seine Stärken liegen nun einmal klar "im Spiel mit dem Ball"

Während der Woche hatte Fürths Trainer Zorniger berichtet, seine Spieler hätten eine Weile gebraucht, um in Derbystimmung zu kommen. Am Spieltag war diese Stimmung aber zügig da. Die Club-Fans waren so früh angereist, dass das Stadion ein paar Minuten früher geöffnet wurde als geplant. Die Fürther Fans zeigten eine einfallsreiche Choreografie, die auch Zorniger gut gefiel. Und auf dem Platz dauerte es keine fünf Sekunden, da lag der Erste auf dem Boden, Fürths Tim Lemperle nach einem Pressschlag.

Auch das erste Tor ließ nicht lange auf sich warten: Nach einem Traum-Diagonalpass von Florian Flick flankte Benjamin Goller in Richtung des fernen Pfostens, der Ball wurde abgefälscht, und Sebastian Andersson köpfelte ihn per Aufsetzer unter die Latte (8.). Es war das erste Tor für den Routinier, der sich später aber nicht darüber freuen konnte. Entnervt und entkräftet wurde der 32-jährige Schwede nach 71 Minuten ausgewechselt. Das viel beachtete Sturmtalent Can Uzun musste schon zur Pause runter, Fiél sagte ohne Umschweife, Uzuns Stärken lägen nun einmal klar "im Spiel mit dem Ball".

Lange geschockt zeigten sich die Gastgeber vom Rückstand nicht, sie bestimmten das Spiel und kamen oft zu Abschlüssen. Vor dem Konterspiel der Nürnberger hatten sie aber sichtlich Respekt, und so hätte Robert Wagner mit einem versprungenen Ball am Club-Strafraum beinahe das 0:2 eingeleitet, doch der Schuss von Goller landete am Innenpfosten (25.). Keine zwei Minuten später fiel dann der Ausgleich, als Sieb bei einem Abpraller am schnellsten schaltete (27.).

Wenig später sah Castrop die gelb-rote Karte, sogleich hatten die Kleeblätter die Favoritenrolle inne und fühlten sich wohl damit. "Für meinen Geschmack war es am Ende ein bisschen zu viel 2:1 halten", sagte Zorniger, der aber insgesamt mehr als zufrieden war. Am Schluss meinte der 56-jährige Trainer noch, er nehme ja Spieler nicht so oft in den Arm, Sportdirektor Rachid Azzouzi kritisiere ihn manchmal dafür, dabei könne der das auch viel besser - doch heute, ja, da werde er vielleicht auch Armindo Sieb mal kurz in den Arm nehmen.

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