Uruguay:Hier sind die Villen nicht von Sicherheitsmauern umgeben, ungewöhnlich für Lateinamerika

"Dieses Tal heißt Valle Edén, der Garten Eden", erklärt Ramón. Trotz tief hängender Wolken ist der Anblick bezaubernd, auf saftige Weiden und bestellte Felder. Hier soll Gardel nach der uruguayischen Version seine Kindheit verbracht haben - als Sohn von Carlos Escayola, einem Oberst im Ruhestand, und María Lelia Oliva, der minderjährigen Schwester seiner Frau. Dass ein unverheiratetes Mädchen aus bester Familie schwanger wurde, war in der damaligen Gesellschaft nicht akzeptabel. Deshalb sei María Lelia auf das Landgut des Oberst im Valle Edén gebracht worden, um das Kind unbemerkt zur Welt zu bringen. Nach der Geburt wurde der Junge, so geht diese Version weiter, einer Französin übergeben, die in der Gegend lebte, an Berta Gardes. Sie zog mit dem kleinen Carlos nach Montevideo, später ohne ihn nach Frankreich, wo sie selbst einen Sohn bekam, mit dem sie zweieinhalb Jahre später nach Montevideo zurückkehrte.

Eine abenteuerliche Geschichte, für die es keinen wirklichen Beweis gibt. Und die ähnliche viele Ungereimtheiten aufweist, wie die offizielle. Warum hat Berta Gardes den Jungen nicht mit nach Frankreich genommen, wo sie doch dafür bezahlt wurde, für ihn zu sorgen? Warum ist sie nach Montevideo zurückgekehrt? Und vor allem: Was in aller Welt hatte sie nach Tacuarembó verschlagen? Zumindest darauf hat Ramón Larossa eine Antwort: Oberst Escayola war Kunstliebhaber und Mäzen eines Theaters. Dort sei Berta Gardes aufgetreten.

Auch für Lambaré Méndez ist Carlos Gardel ein Uruguayer, "ohne jeden Zweifel". Lambaré ist Künstlerin und selbstverständlich eine Tanguera. Lambaré Méndez lebt in Punta del Este. Während Montevideo von einer tiefen Melancholie umweht ist und das Landesinnere erst langsam aus dem touristischen Dornröschenschlaf erwacht, gilt Punta, wie die Uruguayer sagen, als Saint-Tropez Südamerikas. Die Rambla Lorenzo Battle Pacheco, die Strandpromenade, ist gesäumt von herrschaftlichen Villen, gerne etwas protzig. Und nicht von Mauern umgeben - in den Nachbarländern Argentinien und Brasilien mit ihren Sicherheitsproblemen undenkbar.

In den Monaten Januar und Februar, dem südamerikanischen Hochsommer, schwillt Punta an. Zu den knapp 10 000 Einwohnern gesellen sich 200 000 Touristen. Es finden Schönheitswettbewerbe statt und Golfturniere. Und im Hafen ankert eine Luxusyacht neben der anderen. Auch für Lambaré Méndez ist der Sommer Hochsaison: Dann verkauft sie ihre Bilder und Skulpturen. Ihr Herz aber gehört Frühling und Herbst, wenn die Temperaturen schon oder noch angenehm sind und die Restaurants nicht überfüllt. Oft setzt sie sich in ihren klapprigen Wagen und fährt die Küste entlang. Ins Surfernest Cabo Pollonio. Der kleine Ort liegt inmitten einer Dünenlandschaft, ist nur über eine Erdpiste erreichbar und bis heute nicht ans Stromnetz angeschlossen - paradiesisch. Sagt Lambaré Méndez.

Abends im Boliche del Caballo in Maldonado, Puntas Nachbarstadt. Eine Bar in einem windschiefen Holzhaus, benannt nach dem Inhaber, José Roberto Pérez, den alle nur El Caballo nennen, das Pferd. El Caballo, das war sein Künstlername als Tangosänger. In seiner Bar wird nur Tango aufgelegt - für ein junges Publikum. Es ist brechend voll, wie jeden Abend. Lambaré schwebt mit ihrem Señor über die Tanzfläche, mit ihrem Lebensgefährten. Eng umschlungen, Wange an Wange. Carlos Gardel hat in einem Interview auf die Frage nach seiner Herkunft einmal geantwortet: "Wir Künstler gehören dem Volk, keiner Nation." So gesehen muss er Uruguayer gewesen sein: Nirgends sonst auf der Welt lebt der Tango so wie hier.

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

Reiseinformationen

Anreise: z. B. mit Iberia von München nach Montevideo, hin und zurück ab 965 Euro, www.iberia.com

Übernachten: Hyatt Centric Montevideo, stylish, direkt am Río de la Plata, DZ ab 113 Euro, https://montevideo.centric.hyatt.com; Alma Histórica Boutique Hotel, charmantes und elegantes Hotel in der Altstadt. Die Zimmer im obersten Stock sind im Stil von Carlos Gardel dekoriert. Doppelzimmer ab 126 Euro, www.almahistoricahotel.com; Estancia Guardia del Monte, historisches Landgut mit abenteuerlicher Anreise, DZ ab 75 Euro, www.guardiadelmonte.com

Reisearrangements: Gateway Lateinamerika hat Gruppen- und Individualreisen durch Uruguay im Programm, eine neuntägige Rundreise mit dem Mietwagen kostet ohne Flüge 2035 Euro p. P., www.gateway-lateinamerika.de

Weitere Auskünfte: www.turismo.gub.uy

© SZ vom 28.12.2017/ihe
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