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Tour auf den Hochwanner neben der Zugspitze:Einsame Spitze

Blick vom Hochwanner auf die Zugspitze

Blick vom Hochwanner zur Zugspitze. Vom Trubel dort drüben bekommt man hier nichts mit.

(Foto: Dominik Prantl)

Der Hochwanner ist Deutschlands zweithöchster Berg. Nach einer Mountainbike- und Wandertour hat man auf seinem Gipfel den Blick auf die Zugspitze ganz für sich allein. Diese wirkt wie aus einer anderen Welt.

Von Dominik Prantl

Als Zweiter ist man einer alten Sportweisheit zufolge nur der erste Verlierer, jedenfalls einer, der schnell in Vergessenheit gerät. Tatsächlich wäre die folgende Frage hundsgemeiner Bestandteil eines bundesweiten Wissenstests, mindestens aber eine Viertelmillion-Euro-Hürde bei Günther Jauchs Millionenspiel wert: Wie heißt der zweithöchste Berg Deutschlands? Watzmann? Alpspitze? Oder vielleicht sogar Mädelegabel?

Vor einer Antwort müsste man freilich herausfinden - und hier würden Jauch und sein Team wenn nicht ins Rotieren, so zumindest in Erklärungsnöte geraten - wann ein Berg eigentlich ein Berg ist. Das ist gar nicht so einfach, und einige Bergexperten der Alpenländer haben sich darüber bereits den Kopf für seitenlange Aufsätze zerbrochen.

Mit Begriffen wie Schartenhöhe, Dominanz oder Eigenständigkeit wird dann hantiert, die aber alle im Grund das Ziel verfolgen, eine klare Trennbarkeit zwischen zwei Erhebungen zu schaffen. Der Schneefernerkopf zum Beispiel bildet mit seinen 2875 Metern zwar einen markanten Brocken. Doch sehen ihn die meisten nicht als eigenständigen Berg, weil er letztlich nur an das Zugspitzmassiv angedockt ist. Das Urteil: Gipfel ja, Berg nein.

Als zweithöchster Berg Deutschlands gilt - so jedenfalls der Konsens in der detailverliebten Szene - ein gewisser Hochwanner, 2744 Meter hoch. Er steht - oder sagen wir: er gipfelt - exakt auf der deutsch-österreichischen Grenze, und zwar etwa fünf Kilometer Luftlinie von der berühmten Zugspitze entfernt. Auf den ersten Blick hat er nichts von der Aura und Anziehungskraft, die den größeren Nachbarn auszeichnen.

An dieser Stelle sei ein argwöhnischer Blick auf die Zugspitze geworfen, deren entstelltes Antlitz sich vom Hochwanner-Gipfel wunderbar studieren lässt. Früh den nimmersatten Geldgeiern im Tal zum Fraß vorgeworfen, führen schon seit der Weimarer Republik mehrere Bahnen zum Gipfel, ober- und unterirdisch. Am höchsten Punkt steht dann ein mehrstöckiger und selbst noch vom Hochwanner unübersehbarer Betonbunker, der wahrscheinlich einen Atomkrieg, ganz sicher aber jeden Klimawandel überdauern wird.

Nach Süden erstreckt sich wie eine steinerne Zunge die schottrige Hochfläche namens Zugspitzplatt. Sie hätte einen fantastischen Drehort für das Herr-der-Ringe-Schattenreich Mordor abgegeben. Paradoxerweise ist eine Zugspitz-Besteigung durch das Höllental wiederum mit das Abwechslungsreichste, was der deutsche Alpenraum zu bieten hat.

Der Weg führt erst durch eine Klamm zu einer traumhaft schön gelegenen Hütte, quert schließlich eine Steilwand, erreicht über ein Kar den Gletscher und schließlich den per Klettersteig durchsteigbaren Felsriegel. Wem das nicht ausgesetzt genug ist, der folgt knapp unterhalb des Gipfels dem Jubiläumsgrat bis zur Alpspitze.

Böse Zungen wenden nun ein: Die Klamm ist überlaufen, das Hüttenpersonal unfreundlich, das Kar die reine Qual, der Gletscher am Wegschmelzen, der Fels nur in einer Warteschlange zu durchsteigen. Außerdem ist der Jubiläumsgrat auch nicht mehr das, was er mal war, weil die neue, von einem Schuhhersteller gesponserte Biwakschachtel heute fast schon für den Massenbetrieb ausgelegt ist.

Wenn sich bei der Zugspitze herausstellt, dass vor der offiziellen Erstbesteigung durch Josef Naus im August 1820 möglicherweise schon ein paar Schafhirten am Gipfel standen, ruft der Deutsche Alpenverein (DAV) eine bundesweite Pressekonferenz ein, was vor einigen Jahren tatsächlich der Fall war. Der Hochwanner wurde erst 50 Jahre später von dem famosen Wetterstein-Pionier Hermann von Barth erstbestiegen, und kein Mensch würde sich die Mühe machen, diesen Fakt zu überprüfen oder gar die Medien vorzuladen.

Während über die Zugspitze wahrscheinlich noch die Praktikanten des Garmischer Tourismusbüros einen abendfüllenden Vortrag halten könnten, gibt über die Nummer zwei kaum jemand Auskunft.

Einer der wenigen, der mehrere Worte über den Hochwanner verliert, ist der Wettersteinführer des Bergverlags Rother. Er tut es in seiner sachlichen Unaufgeregtheit, was manchmal etwas antiquiert wirkt: "Vom S her ist er leicht, aber mühsam zu erreichen, während seine 1400 Meter hohe N-Wand lange, zum Teil äußerst schwierige Anstiege aufweist." Bei der leichten Route vom S, also Süden her, hat man erstens den Vorteil, das wunderbare Gaistal zu durchqueren und zweitens die Möglichkeit, die Hälfte des Anstiegs per Mountainbike auf sich zu nehmen.

Drittens radelt vielleicht ein Einheimischer vorbei, der kurz das Tempo drosselt und dann meint: "Was, auf den Hochwanner wuist? Dann schau, dass du die richtige Abzweigung dawischst." Wenig später ist er enteilt, trotz 42 Marlboro am Tag, wie er noch versichert hat. Allerdings hat sein Mountainbike einen Elektromotor. "Sonst komm' ich da nimmer hoch."

Es ist aber auch eine Qual, und wer im Sommer zu spät startet, den bestraft die Hitze am oft baumlosen Hang. Auf dem Weg gibt es keine kühle Klamm, keinen kalten Gletscher, keinen Klettersteig zur Ablenkung, später nicht einmal einen vernünftigen Weg, erst recht keinen beschilderten. Dafür gibt es eine traumhaft gelegene Hütte mit freundlichem Personal.

Allerdings liegt die Rotmoosalm (2030 m) gut 100 Höhenmeter oberhalb der Abzweigung Richtung Hochwanner, ist aber jeden Umweg wert. Siegmund Neuner bewirtschaftet die Alm seit 26 Jahren und kann ebenfalls etwas über den Berg erzählen.

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