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Streit um das Schweizer Dorf Andermatt:Gegeneinandermatt

Ein ägyptischer Milliardär will den Schweizer Kurort Andermatt in ein Luxus-Skigebiet verwandeln - doch ein Teil der Dorfbewohner fürchtet ein Touristenghetto.

Der Winter ist lang in Andermatt, erst seit ein paar Tagen können sie wieder bauen. Am Bahnhof entsteht das Fundament für The Chedi, das "einzige Fünf-Stern-Superior-Hotel Europas", entworfen von Architekten aus Malaysia. Auf dem ehemaligen Waffenplatz am Eingang des Urserntals treiben Maschinen Pfähle in den Boden. Bald wird hier der Betonsockel gegossen, auf dem Neu-Andermatt ruhen soll: fünf Hotels, 42 Häuser mit 490 Wohnungen, bis zu 30 Villen, Kongress- und Konzertsäle, ein 18-Loch-Golfplatz, das größte Tourismus-Resort der Schweiz, ein 1,8 Milliarden-Franken-Projekt. Ein kompletter Neuanfang.

A general view shows the central Swiss town of Andermatt

So kann Andermatt noch im April aussehen.

(Foto: Reuters)

"Der Zug fährt jetzt", sagt Gemeindepräsident Roger Nager in seinem Büro, "wir haben Reisetempo erreicht." Der 41-Jährige, der einen Ring in jedem Ohr trägt, ist seit 100 Tagen im Amt - und der Erste, der es in Vollzeit ausübt. Anders wäre die Last nicht mehr zu bewältigen. Er muss neue Wasser- und Stromquellen erschließen, denn der Energiebedarf im Tal wird sich mindestens verdoppeln.

Er bespricht sich mit den Bauherren, der Kantonsregierung, hält Info-Abende für die Einwohner ab. Daneben wird er von Journalisten bestürmt, Wissenschaftlern, Abgesandten aus anderen Schweizer Gemeinden, die alle wissen wollen, wie es läuft mit Samih Sawiris, dem Finanzier aus Ägypten, der aus Andermatt ein zweites St. Moritz machen will.

"Ohne ihn wäre es mit dem Dorf bachab gegangen", sagt Nager. Er präsentiert die Einwohner-Statistik. 1589 waren es im Jahre 1970, 200 weniger im Jahr 2000. Vor allem die Jungen zogen fort, weil sie keine Perspektive sahen. Jetzt ist die Zahl stabil bei 1360. Tatsächlich war Andermatt noch vor fünf Jahren ein friedliches, aber verschlafenes Nest mit ein paar hübschen, von den typischen Holzschindeln bedeckten Häusern und schroffen Bergen ringsum.

Eine Handvoll Bauern bewirtschaftete die Weiden im Tal. In manchen Hotels roch es muffig, Liftanlagen rosteten. Allein das verfallende Grandhotel erinnerte ans ausgehende 19. Jahrhundert, als Andermatt ein mondäner Touristenort war, den besonders die Engländer schätzten.

Hundert Jahre später kamen nur noch Familien hierher, die wenig Geld ausgeben wollten, weder Schwimmbad noch Eishalle vermissten und sich mit der einzigen kulturellen Attraktion zufriedengaben: dem Talmuseum, in dem einmal der berühmte Marschall Suworow übernachtete. Vor allem aber lebte Andermatt von der Armee.