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Natureisbahn in der Schweiz:Auf Bossis Bahn

Switzerland Winter

Es läuft! Seit 18 Jahren wird die drei Kilometer lange Eisbahn von Alvaneu nach Surava im Winter präpariert.

(Foto: Schweiz Tourismus)

Immer der Biegung des Flusses nach: In Graubünden kann man drei Kilometer lang auf der Skateline Albula eislaufen - wenn der Winter mitmacht.

Die Handgelenke. "Wenn sich jemand bei uns verletzt, dann häufig an den Handgelenken", sagt Giorgio Bossi, nachdem er sich wieder gesetzt hat. Ein Paar ist an seinen Tisch getreten, wie, um Entwarnung zu geben. Der Präsident des Vereins Skateline Albula freut sich dementsprechend, dass die Frau, die er vor drei Wochen selbst ins Krankenhaus gefahren hat, schon wieder hier ist, mit einer Manschette um das Gelenk, um Schlittschuh zu laufen.

Eine herzliche Begrüßung, ein kleiner Plausch: Auch wenn die Natureisbahn in Graubünden, auf halbem Weg zwischen Chur und St. Moritz, inzwischen so bekannt ist, dass an einem Tag mehrere Hundert, zu Spitzenzeiten sogar bis zu 1800 Schlittschuhläufer kommen, ist die Atmosphäre am Ziel in Surava nach wie vor familiär. Ein längeres Gespräch mit Giorgio Bossi zu führen, ist jedoch nicht einfach. Er ist für alle da, kümmert sich, nimmt sich für jeden ein paar Minuten Zeit. Besonders gerne für Stammgäste, die sich von einem Malheur nicht entmutigen lassen.

Es ist auch beileibe nicht so, dass sich unentwegt jemand verletzen würde. "Aber es ist eben eine Natureisbahn", sagt Bossi. Das bedeutet: Es gibt keine Geländer oder Banden, an denen man sich festhalten könnte. Das Gelände ist auch nicht komplett eben, es gibt immer wieder kleine Anstiege und Abfahrten, auch kurvige. In der Regel laufen Stürze glimpflich ab, auch weil eine Helmpflicht besteht. Aber wem es die Füße wegzieht, der fängt den Sturz eben reflexhaft mit den Händen ab.

Weil die Skateline eine Natureisbahn ist, hängt auch alles von der Witterung ab. Im vergangenen Winter war die Bahn an mehr als 60 Tagen geöffnet, in diesem sind es nur reichlich halb so viele. Aufgrund von Wärmeeinbrüchen musste die Saison, die normalerweise bis Mitte März geht, heuer vorzeitig beendet werden. Seit wenigen Tagen ist die Eisbahn endgültig nicht mehr zu befahren.

Sie zu präparieren, ist aufwendig. Zu Beginn der Saison wird Kunstschnee ausgebracht auf dem drei Kilometer langen Wanderweg von Alvaneu nach Surava entlang dem Fluss Albula. "Der Kunstschnee wird dann gewalzt, bis wir eine feste, gute Unterlage haben", sagt Giorgio Bossi. Auf dieses Fundament wird Wasser gespritzt. Es gibt drei Pumpstationen an dem Weg. Als Bossi, der damals noch bei den Baustoffwerken am Ort gearbeitet hat, und seine Mitstreiter vor 18 Jahren den Weg erstmals vereisten, haben sie selbst eine Vorrichtung konstruiert, die das Wasser von einem Tank gleichmäßig auf die Bahn verteilt.

Jeden Tag wird die Bahn hergerichtet. Mit Pflug und Besen wird sie von Schnee, Tannen- und Fichtennadeln gesäubert. Auch eine Eismaschine hat der Verein, wie sie auch in Eisstadien eingesetzt wird. "Aber die haben wir in diesem Jahr nur zwei- oder dreimal gebraucht", so Bossi. Er selbst ist in diesem Winter überhaupt nicht zum Skaten gekommen. "Normalerweise fahre ich immer Dienstagabend mit meinen Musikkollegen", sagt er. Aber in diesem Winter war die Bahn entweder nicht befahrbar - oder Bossi war zu stark eingespannt.

Er lenkt selbst häufig einen der Kleinbusse, mit denen die Schlittschuhläufer vom Kassenhäuschen in Surava, bei dem es auch eine Umkleide und eine Imbissstube gibt, zum Start der Skateline in Alvaneu gebracht werden. Bis zu fünf dieser Busse sind gleichzeitig im Einsatz. Der Verein ist nicht auf einen Gewinn aus. Die Einnahmen benötigt er, um alle Helfer bezahlen zu können - knapp drei Dutzend sind im Schichtbetrieb im Einsatz. Und um Geräte und Fahrzeuge instand halten oder aber ersetzen zu können.

Am Start herrscht eine gewisse Zögerlichkeit vor. Unter Ästen hindurch, in einer Linkskurve, geht es in den Wald hinein. Die wenigsten Schlittschuhläufer nehmen schnell Tempo auf. Die meisten rücken noch einmal ihren Helm zurecht, ziehen sich Handschuhe über, überblicken die Bahn, so weit sie eben zu sehen ist. Die weniger Geübten kämpfen mit der Standfestigkeit auf der glatten Unterfläche. Erst einmal geht es jedoch eben dahin, die Gruppe ist bald keine mehr, pärchen- und familienweise gleiten, rutschen oder eiern die Freizeitsportler durch den Wald, alle in ihrem Tempo. Bald geht es direkt am Fluss entlang, und über die Albula hinüber sieht man die Bahnstrecke der Albulalinie, hier fährt die Rhätische Bahn von Chur über Bergün und den Albulapass ins Engadin. Die Straße über den Pass ist im Winter für Autos gesperrt, wer mit der Bahn von Bergün nach Preda fährt, kann sie mit dem Schlitten hinunterfahren. Hier, einige Hundert Höhenmeter oberhalb der Skateline, ist es noch kalt genug, das Ende der Saison noch fern.

Auch wenn viel los ist auf der Skateline: Gedränge herrscht nie. Dennoch muss man aufpassen. Viele Schlittschuhläufer bleiben stehen, zum Fotografieren oder zum Verschnaufen. Und auch das Gelände wird anspruchsvoller: Es braucht nur eine geringe Neigung, um ordentlich Fahrt aufzunehmen. Und wer sein Körpergewicht nicht weit genug nach vorne verlagert, sitzt schnell auf dem Hosenboden.

Viele Kinder sind unterwegs, viele junge Leute, den wenigsten geht es darum, sich auszupowern. Früher hat der Skateline-Verein manchmal Rennen veranstaltet. "Aber das ist jetzt nicht mehr möglich", sagt Giorgio Bossi, inzwischen herrscht zu viel Betrieb auf der Bahn.

Dann muss er los, der Parkplatz füllt sich wieder nach einer ruhigeren Phase über Mittag. Jetzt braucht es wieder zwei Busse. Helme und Schlittschuhe werden unentwegt über den Tresen gereicht. Selfies werden gemacht. Bald geht es los, hinein in den Wald, auf ungewohntes Terrain.

Reiseinformationen

Anreise: Z. B. mit der Bahn nach Chur und weiter nach Filisur, von dort mit dem Bus nach Surava, bahn.de, sbb.ch; mit dem Auto sind es von München bis nach Surava gute vier Stunden.

Skateline Albula: Von Dezember bis Mitte März. Die Saison 2019 / 20 ist wegen zu hoher Temperaturen jedoch bereits beendet. Einzelfahrt 8 Franken (ca. 7,50 Euro). Schlittschuhe, Helm, Ellbogen-, Knie- und Handgelenkschoner sowie Stirnlampen können ausgeliehen werden.

Aktuelle Informationen zu den Öffnungstagen: Tel.: 0041 / 79/4 57 37 04, E-Mail: info@skateline.ch, skateline.ch

Weitere Auskünfte: graubuenden.ch, myswitzerland.com

© SZ vom 27.02.2020/ihe
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