Urlaub in Baden-Württemberg:Gute Aussichten im Schwarzwald

Aussichtsturm Himmelsglück

Himmelsglück heißt der neue Turm im Nordschwarzwald. Er ist 55 Meter hoch. Bei guter Wetterlage soll die Aussicht bis zur Burg Hohenzollern auf der Schwäbischen Alb reichen.

(Foto: Uli Deck/picture alliance/dpa)

Mehr als hundert Aussichtstürme gibt es in Baden-Württemberg. Die kleine Gemeinde Schömberg hat jetzt noch einen hinzugefügt. Verbunden mit einem Glücksversprechen.

Von Claudia Henzler

Vollmundige Versprechen gehören in der Tourismuswerbung ja zum Geschäft. Und doch verwundert es ein wenig, dass die Schwarzwaldgemeinde Schömberg Besuchern ihres neuen Aussichtsturms "Himmelsglück" gleich so viel verspricht: "völlig neue Glücksmomente" nämlich. Der ist mit seiner schlanken Taille architektonisch zweifellos ansprechend, die Grundidee ist trotzdem nicht gerade originell: Schon vor fast 150 Jahren hat ein badischer Wanderverein im Schwarzwald erste Aussichtstürme gezimmert, um Erholungssuchenden jenes Gipfelerlebnis zu verschaffen, das man im Mittelgebirge so oft vermisst. Allein im Schwarzwald stehen heute etwa 60 Aussichtstürme unterschiedlichster Bauweise. Was also ist so besonders an dem neuesten Exemplar, das die Gemeinde Schömberg auf einem Höhenzug im Nordschwarzwald errichtet hat, gut eine Stunde von Stuttgart und Karlsruhe entfernt?

Zunächst muss gesagt werden, dass Anmaßung in Schömberg Konzept ist. Der kleine Ort mit seinen knapp 8000 Einwohnern hat sich 2009 selbst zur "Glücksgemeinde" ernannt und diese Bezeichnung markenrechtlich schützen lassen. Selbstbewusst nahm sie damals Kontakt mit dem buddhistischen Königreich Bhutan auf, wo die Regierung das "Bruttonationalglück" des Landes misst - und damit angeblich auch das Wohlbefinden seiner Bürger. Daheim im Schwarzwald arbeitete eine Gruppe aus Lokalpolitikern, Kirchenvertretern und Verwaltung an einem Konzept, das nicht weniger als die Grundlagen für ein "sinnerfülltes, gutes und gelingendes Leben in all seinen Facetten" für die Einwohner der Gemeinde legen sollte. Die Bürgermeisterin reiste als Glücksbotschafterin umher und wurde 2012 sogar auf eine Konferenz der Vereinten Nationen nach New York eingeladen.

Der damalige Tourismuschef hatte nur eine Werbeidee gesucht, damit aber einen Prozess angestoßen. Das bescherte dem Ort zwar überregional Aufmerksamkeit, nach einigen Jahren stellte sich jedoch heraus, dass nicht alle Bürger glücklich über die kollektive Sinnsuche mit ihren auch esoterischen Facetten waren. Als es 2015 einen Wechsel an der Rathaus-Spitze gab, reduzierte der neue CDU-Bürgermeister Matthias Leyn den Titel "Glücksgemeinde" auf ein nützliches Marketing-Instrument. Heute ergänzt der Titel die offizielle, aber etwas spaßbefreite Bezeichnung "staatlich anerkannter Heilklimatischer Kurort", mit der sich Schömberg ebenfalls schmückt, auf pfiffige, nur manchmal etwas penetrante Weise: Die Gästeinformation heißt hier "Glückszentrale", das Büchlein mit den Tourenvorschlägen "Wanderglück", der neue Aussichtsturm "Himmelsglück".

Eröffnung des Aussichtsturms Himmelsglück

300 Stufen führen hinauf, es gibt aber auch einen Aufzug - und dann: weiter Blick über Bäume ins Land.

(Foto: Uli Deck/dpa)

Schömberg hat immer wieder Wandlungsfähigkeit bewiesen, nachdem es vor 130 Jahren unversehens von einem Bauerndorf zu einem bedeutenden Luftkurort aufstieg. Auslöser dieser Entwicklung war ein Erfurter Kaufmann, der sich anno 1884 einige Monate im Schömberger Pfarrhaus aufgehalten haben soll. Kuren in der Schweiz hätten ihm keine dauerhafte Besserung gebracht, heißt es - in Schömberg aber sei er von seinem Lungenleiden geheilt worden. Der Mann war geschäftstüchtig und erwarb den Gasthof Zum Hirsch, den er in ein ,,Luftkurhaus" umwandelte und 1888 eröffnete. Bald darauf entstand ein erstes Sanatorium, bis zum Ersten Weltkrieg waren es schon vier.

In den Wirtschaftswunderjahren nach dem Zweiten Weltkrieg folgte ein weiterer Bauboom. 1961 und 1962 erreichten die Gästezahlen ihren Höchststand. Kurz darauf aber blieben in den vielen privaten Sanatorien und Krankenanstalten die Betten leer. Dank Penizillin gab es kaum noch Tuberkulosefälle. In den Siebzigerjahren beschloss Schömberg deshalb, sich neu zu orientieren. Die Gemeinde baute ein Wellenbad (das vor einigen Jahren unter Wehklagen vieler Einwohner wieder abgerissen wurde). Die Klinken stellten sich auf andere Zielgruppen um. Private Investoren finanzierten ein Kurmittelhaus. Als der damalige Gesundheitsminister Horst Seehofer in den Neunzigerjahren das kassenfinanzierte Kurwesen in eine tiefe Krise stürzte, traf das auch Schömberg.

Heute sorgen eine Reha-Klinik für Orthopädie und Lungenkrankheiten, eine psychosomatische Fachklinik und eine Kinderklinik für eine stabile Basis in der Übernachtungsbilanz. Auf dem Reisemarkt positioniert sich der Ort als "heilklimatische Naturerlebnisgemeinde" - mit geführten Wanderungen, Seminaren und Angeboten für Familien, alles versehen mit einem augenzwinkernden Glücksversprechen. Es gibt ein gut ausgeschildertes Rad- und Wanderwegenetz und mehrere Themenpfade, darunter einen für Kinder, die spielerisch etwas über die Weißtanne lernen wollen, die hier die Landschaft prägt.

Bei der Eröffnung des Aussichtsturms präsentiert sich der kleine Ort mit gepflegten Blumenbeeten und leuchtend grünen Liegestühlen und Sonnenschirmen mit Glückslogo vor den erstaunlich vielen Fachgeschäften im Ort. Im Kurpark spielen Familien Minigolf, Kinder toben auf dem Spielplatz und Wanderer kühlen im Kneipp-Becken ihre Beine.

Der Turm kann als weiterer Dreh im Tourismuskonzept gelten: die Verbindung von Natur und Event. Er hat 3,8 Millionen Euro gekostet und wurde hauptsächlich aus öffentlichen Mitteln finanziert. Für Besucher ist der Zugang nur mit einer Eintrittskarte möglich. Die Gemeinde habe sich bei den Preisen (Erwachsene 7,50 Euro, Familienticket 22 Euro) an anderen Attraktionen in der Umgebung orientiert, sagt Marina Moser, Leiterin des kommunalen Eigenbetriebs Touristik und Kur. Der Baumwipfelpfad in Bad Wildbad ist nur zwanzig Minuten Fahrzeit entfernt.

Bei guter Wetterlage soll die Aussicht vom Himmelsglück bis zur Burg Hohenzollern auf der Schwäbischen Alb reichen. Am Eröffnungswochenende war der Fernblick allerdings von Wolken verhangen, und auch mit dem Aufzug hatten die Betreiber nicht so recht Glück: Er war noch nicht einsatzbereit. Wer auf die oberste Plattform wollte, musste 300 Stufen hinaufsteigen - und wieder hinab. Dazu immerhin soll es ab Frühjahr 2022 Alternativen geben. Entweder lässt man sich gemütlich in einer Art Seilrutsche hinabtragen, die durch den Wald Richtung Ort führt. Oder man wagt sich an den schnelleren Flying Fox. Adrenalinausstoß ist garantiert. Möglicherweise auch der ein oder andere Glücksmoment.

Informationen: schoemberg.de

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