bedeckt München 24°

Rheinland-Pfalz:Der streng geheime Milliarden-Bunker

Ein beleuchteter Gang im Bundesbank-Bunker in Cochem.

Tief in den Fels unterhalb von Cochem wurde der Bunker für das Reservegeld der Deutschen gebaut.

(Foto: Bundesbank Bunker Cochem)

Im idyllischen Moseltal hatte die Bundesbank ein Gelddepot. Nur wenige Eingeweihte kannten den Ort. Heute dürfen Besucher hinein - und erleben eine Zeitreise in die Jahre des Kalten Kriegs.

An Bargeld dachte hier niemand, als die Bundesbank Anfang der Sechzigerjahre den Schacht in den Berg sprengen ließ. Im Moselort Cochem, gleich neben der Brücke, führt rechts des Flusses die Bergstraße hinauf in den Ortsteil Cond, reines Wohngebiet, schöner Ausblick, gepflegte Hecken. Ein Arzt hatte hier gewohnt, hier war seine Praxis, dahinter ein großes Grundstück, das bis in den Wald hineinreichte. Man werde es zum Schulungsheim ausbauen, ließ die Bundesbank wissen, nachdem sie das Areal Anfang der Sechzigerjahre gekauft hatte, und dazu einen Luftschutzbunker errichten, denn man sei ja die Bundesbank und habe Fürsorgepflichten.

Kein Anwohner schöpfte Verdacht. Mehr als zwei Dekaden lang blieb eines der größten Staatsgeheimnisse der Bundesrepublik unter dem Berg verborgen, vor den Bürgern Deutschlands und den Einwohnern des Touristenorts Cochem, vor dem Feind im Kalten Krieg und vor den meisten Mitarbeitern der deutschen Zentralbank.

Alfred Breitbach öffnet die Panzertür, von der so lange kaum jemand wusste. Vier Tonnen Stahl schwingen zur Seite, der Blick wird frei auf die vergitterten Lagerboxen links und rechts des Ganges, nummerierte Kisten, 20 000 D-Mark pro Karton, umwickelt mit Stahlband. 15 Milliarden hier, neun Milliarden in den Tresoren der Bundesbank in Frankfurt. Eine Handvoll Eingeweihte kannte diese Scheine, weit weniger hatten die passenden Schlüssel.

Bundesbank Bunker Cochem

15 Milliarden D-Mark wurden im Bundesbank-Bunker aufbewahrt, um die Währung bei einer Falschgeldattacke aus dem Ostblock zu stabilisieren.

(Foto: Bundesbank Bunker Cochem)

"Das hier war das größte Geheimnis der Bundesrepublik in Sachen Geld überhaupt", sagt Breitbach und hält einen Bogen mit nachgedruckten Scheinen der Währung hoch, die es offiziell nie gegeben hat. Seine Augen leuchten. 10-, 20-, 50- und 100-Mark-Scheine, intern getauft "BBk II" - die zweite Serie der Bundesbanknoten, eine Ersatzwährung für den Ernstfall, zwischen 1966 und 1988 an diesem Ort unter 30 Metern Schiefergestein versteckt.

Die Ersatzwährung hatte auf der Rückseite geometrische Formen anstelle von Denkmälern

Breitbach, die Haare weiß und die Brille randlos, wohnt um die Ecke, mit seiner Frau, die hier aufwuchs. Seit drei Jahren ist er im Ruhestand, und seither geht er fast täglich durch die "Tarnhäuser" zum Eingang der Gedenkstätte, zieht sich eine neongelbe Jacke mit Reflektorstreifen und dem Schriftzug "Bundesbank Bunker Cochem" an und führt Gruppen von bis zu 30 Personen durch die Anlage. Besucher lässt er spüren, wie fasziniert er ist von diesem Ort und seiner Geschichte, von der Akribie, mit der diese Anlage einst geplant wurde. Er schildert, wie Deutschlands Bevölkerung tickte zur Zeit des Kalten Krieges, wie staatsgläubig man nicht nur hier oben war in den Sechzigerjahren.

Während Westdeutschland das Wirtschaftswunder erlebte und die Angst vor einem Atomkrieg groß war, bereitete sich das Direktorium der Bundesbank auf den Verteidigungsfall vor. Was, wenn der Feind aus dem Osten den Westen Deutschlands mit Falschgeld flutet und so binnen Tagen das Vertrauen in die Währung vernichtet? Wenn keiner mehr sicher sein kann, ob er echtes Geld in der Hand hält, nimmt keiner mehr welches an: Stillstand, Krise, Zusammenbruch. Auch im Fall eines Kriegs sollte die Bundesrepublik solvent bleiben, und weil eine atomare Druckwelle theoretisch über das Moseltal hinweggefegt wäre, war das Wohngebiet oberhalb von Cochem der vermeintlich ideale Ort für das Geld.

Und so schrieben die Oberen der Bundesbank Pläne, wie im Ernstfall die Währung auszutauschen sei. Ließen die geheimen D-Mark-Scheine drucken, vorn die Dichter und Denker, hinten geometrische Formen statt Denkmäler, damit sie unverwechselbar waren. Beauftragten Hochtief, 6000 Kubikmeter Schiefergestein aus dem Berg zu holen und den Schacht mit Stahlbeton auszukleiden. Arbeiter schufen Büroräume und Schlafkabinen, eine Dekontaminationskammer an jedem Ein- und Ausgang, eine Küche und eine Wendeltreppe, die noch heute hinauf in den Wald führt. Eine autonome Versorgungsanlage mit zwei Dieselgeneratoren stand für die Stromversorgung unter Tage bereit, ein eigener Tiefbrunnen und ein 40 000-Liter-Wassertank.

Das meiste ist noch erhalten. "Hier hätten 80 Bundesbankmitarbeiter Platz gefunden", sagt Breitbach, als er Tür um Tür öffnet und die Besuchergruppe durch die beständig zwölf Grad kalten Räume führt, nachträglich ausgestattet mit Tischen, Schreibmaschinen, Fernschreibern. "Sie hätten vor allem Formulare ausgefüllt und Pakete gepackt: dieser Betrag an diese Bank, jener Betrag an die andere, und in wenigen Wochen wäre die Währung ausgetauscht gewesen." Oder, und so hat man damals die vom Baulärm genervte Bevölkerung in Cond besänftigt: Etwa 175 Menschen hätten Schutz gefunden vor einem neuen Krieg.