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Design:So entsteht ein Reisepass

Pässe müssen fälschungssicher sein - doch nicht langweilig. Das liegt allerdings an den Ländern selbst, wie der Reisepass von Lettland zeigt.

Von Katja Schnitzler

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Quelle: Veridos Identity Solutions

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Wie sieht eigentlich ein Reisepass von innen aus? Wer an den deutschen Pass denkt, wird antworten: ziemlich unspektakulär, jedenfalls bis spannende Stempel aus aller Welt aus dem Einheitsdokument ein offizielles Erinnerungsstück machen. Doch wie ist das mit Pässen anderer Länder? Und wer entscheidet eigentlich über das Design eines neuen Passes?

"Das Thema geben die Behörden der Auftragsländer selbst vor", erklärt Andreas Kuba. Er ist bei der Münchner Veridos GmbH unter anderem für internationale Identifikationsdokumente zuständig. Veridos ist ein Joint Venture von Giesecke+Devrient, einem Konzern für Sicherheitstechnologie, der auch Banknoten herstellt, sowie der Bundesdruckerei, bei der deutsche Reisepässe gefertigt werden. Schreibt ein anderes Land den Auftrag für einen neuen Pass aus, bewirbt sich Veridos - und erhielt etwa von Lettland den Zuschlag. 2015 wurde dort das neue Dokument erstmals ausgegeben. Wer beim Durchblättern genau hinsieht, erkennt: Keine Seite sieht genau wie die andere aus.

Doch frei sind die Passdesigner in der Gestaltung nicht. "Die hängt sehr von den Vorgaben des Kunden und von internationalen Normen ab", erklärt Kuba. Schließlich muss ein Pass nicht nur für Menschen, sondern vor allem auch für Maschinen lesbar sein, egal ob diese in Alaska oder in Tobago stehen. Und fälschungssicher sollte das Reisedokument natürlich auch sein. Trotzdem muss sicher nicht langweilig heißen, wie die Entwicklung von Lettlands Pass zeigt.

Latvian Song and Dance Celebration Litauen Sing und Tanz Fest 2018

Quelle: Aivars Liepins/Latvian National Centre for Culture Archive

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Als Thema für den neuen Pass wählte Lettland das traditionsreiche Gesangs- und Tanzfest, das alle fünf Jahre in Riga stattfindet. Wer sich nun kleine Chorgrüppchen vorstellt, hat ein völlig falsches Bild vor Augen: Bei der größten Veranstaltung zum Abschluss der Sommerwoche singen 12 000 Menschen auf der Mežaparks Open-Air-Bühne, nach drei Stunden Konzert darf das Publikum mit einstimmen und bis zum Sonnenaufgang wird gemeinsam weitergesungen (einen kurzen Eindruck vom Konzert bekommen Sie hier auf Youtube).

Im Jahr 2018 nahmen mehr als 40 000 Singende und Tanzende an der Festwoche teil, als Zuschauer und -hörer waren etwa 500 000 Letten in Riga. Das ist etwa ein Viertel der Bevölkerung, etliche reisen für das gemeinsame Singen aus dem Ausland an. So steht das Singfest, das erstmals 1873 zelebriert wurde, für Reisen und die lettische Identität - ideal also für ein kulturelles Thema im Pass. Andere Länder geben sich da mit Sehenswürdigkeiten aus Stein zufrieden.

Den lettischen Pass ziert nun auf der Aufschlagseite eine Figur, die als Patron auch auf den Festival-Fahnen der Singenden zu sehen ist und für das Festhalten der Letten an ihren eigenen Werten steht: "Lihgo" ist der Gott des Frühlings und der Liebe, er sollte eigentlich durch den christlichen Johannes der Täufer ersetzt werden - nun wird in Lettland einfach beiden zugleich gehuldigt.

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Quelle: Veridos Identity Solutions

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Von dieser Aufschlagseite gab es mehrere Versionen, bis die Entscheider in den lettischen Behörden damit zufrieden waren: Erst war das ganze Wappen mit "Lihgo" in der Mitte abgebildet, links und rechts schwebten Noten. Dann trat der Heilige/Gott aus dem Wappen, neben ihm wurden Sterne und unter ihm ein Band platziert - nun alle im selben Rot wie das lettische Wappen auf der Nachbarseite. In früheren Versionen waren die drei Sterne am linken Rand auch mal rot, türkis und fliederfarben. Da die Passhersteller mit Sonderfarben arbeiten, sind die Motive pastellfarben und nicht so kräftig.

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Quelle: Veridos Identity Solutions

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Auch das Band, das sich über die Innenseiten des Passes zieht, ist in der lettischen Kultur von großer Bedeutung: "Lielvārdes josta", der Gürtel aus Lielvārde, wird traditionell in Rot-Weiß mit 22 Symbolmustern gewebt. Die Ornamente findet man bei genauerem Hinsehen überall auf den Passblättern wieder, etwa im Himmel über dem Foto auf dieser Doppelseite, das beim großen Umzug der Chöre und Tanzgruppen durch Riga entstanden ist. "Wir verwenden nur die Bilder, die uns die Behörden der Länder zur Verfügung stellen", betont Andreas Kuba. Ansonsten sei das Risiko zu groß, mit der Fotowahl aus Versehen in ein nationales Fettnäpfchen zu treten, etwa ausgerechnet ein Motiv einer umstrittenen Region oder Veranstaltung zu wählen.

Auch von den Tänzern gab es während der Designphase mehrere, durchaus auch farbkräftigere Varianten - am besten kam in Lettland aber das dezente Bild der Parade an, das hinter den wie hingeworfen wirkenden Gürtel zurücktritt. "An diesen Windungen haben wir viel gearbeitet, sie sind nie gleich", sagt Andreas Kuba - auch das gehört zum Schutz vor Fälschungen.

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Quelle: Veridos Identity Solutions

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Das Sicherheitskonzept wird für alle Pässe in drei Stufen unterteilt: 70 Prozent der Kontrollmerkmale sind mit bloßem Auge erkennbar, etwa die unterschiedlichen Gürtelschlaufen, 20 Prozent sind nur mit Lupe und UV-Lampe sichtbar und zehn Prozent der Sicherheitsdetails sind nur mit Laborausrüstung überprüfbar. Schon das Papier des Passes ist besonders: Es leuchtet im UV-Licht nicht selbst, anders als gewöhnliches Papier. Und wer sich die Bilder mit einer Lupe betrachtet und dann Rasterpunkte sieht, hat eine Fälschung vor sich: Der Sicherheitsdruck besteht aus Linien.

Auch dieser Stern, typisch für die lettische Tracht, taucht immer wieder im Dokument auf: In den Volksliedern stehen die Reisenden unter dem Schutz des Sterns - dieses Exemplar hatten die Passdesigner von Veridos als Textilmuster aus Lettland erhalten.

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Quelle: Veridos Identity Solutions

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Manche Elemente sind aber nicht auf den ersten Blick zu erkennen, sondern nur unter einer UV-Lampe; andere, wenn man den Pass leicht schräg gegen das Licht hält. Dann erst reflektiert die erste Strophe der lettischen Nationalhymne, die über die Wappenseite geprägt und mit den Fingerspitzen fühlbar ist. Ein verstecktes Design, das nicht nur für Fälschungssicherheit sorgt, sondern auch zur Geschichte Lettlands passt: "Dievs, svētī Latviju" (Gott, segne Lettland) wurde von Kārlis Baumanis geschrieben, der erstmals den neuen Begriff Lettland verwendete - eine Provokation im Russischen Kaiserreich, das eine Abspaltung fürchtete. Auch in der Sowjetunion war das Lied verboten und wurde erst bei der "Singenden Revolution" am 23. August 1989 wieder öffentlich von einer protestierenden Menschenkette durchs Baltikum gesungen. Das erste Mal vor Publikum wurde die spätere Nationalhymne übrigens beim Liederfest 1873 vorgetragen.

Im Pass tauchen auf anderen Seiten im UV-Licht Noten aus der Hymne auf und das Abbild des traditionellen Zupfinstruments Kokle. Sogar die so nüchtern wirkende Datenseite, auf der das im Chip gespeicherte Porträtfoto sowie Name und Anschrift des Passbesitzers zu sehen sind, birgt Überraschungen: Darunter erscheint ein tanzendes Paar, das zudem als Wasserzeichen auftaucht. Und in der Ecke springen je nach Neigung des Passes Musiknoten hin und her. "Andere Länder haben da gern Flaggen, die zu wehen scheinen", meint Andreas Kuba. Und weil die Geschmäcker auch international verschieden sind, gebe es etwa sehr bunte asiatische Pässe, auf deren Visaseiten berühmte Gebäude gedruckt sind. Wer diese mit UV-Licht anstrahlt, sieht dieselben Gebäude - mit Silvesterfeuerwerk darüber.

Und im deutschen Pass? Ist auf den Mittelseiten das Brandenburger Tor zu sehen - allerdings nur für die Glücklichen, die eine UV-Lampe zur Hand haben. Da ginge doch mehr ...

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Quelle: Bildbearbeitung: Jessy Asmus

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Der deutsche Pass sollte schließlich nicht nur für Einreisebeamte, sondern für die Reisenden selbst aufgehübscht werden - mit Motiven aus der Heimat. SZ.de hat den deutschen Pass komplett überarbeitet, einen ersten Eindruck sehen Sie im Bild, alle Seiten finden Sie hier: So schön könnte der deutsche Reisepass sein.

© SZ.de/edi/dd
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