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Reisebuch "Berg and Breakfast":Komödie mit Knödel

Maria Platzgummer, Großmutter der Autorin Selma Mahlknecht, betrieb das Zimmervermieten als Nebenerwerb.

(Foto: Archiv Selma Mahlknecht)

Eine Tour im Teufelskreis: Selma Mahlknecht schildert die übersteigerten Erwartungen im Geschäft mit dem alpinen Tourismus.

Von Stefan Fischer

"Um festes Schuhwerk wird gebeten", schreibt Selma Mahlknecht im Vorspann ihres Buches "Berg and Breakfast". Denn es geht sowohl hoch hinauf als auch tief hinab, und meistens ist es unterwegs steinig. Insofern: Wer sich auf die Tour durch dieses Buch macht, soll sich wappnen. Mitunter hagelt es Steinschläge oder der Untergrund ist instabil. Festes Schuhwerk im übertragenen Sinn also ist das mindeste.

Manchmal wird Mahlknecht bei ihren gedanklichen Wanderungen hinter die Kulissen des Tourismus grundsätzlich und argumentiert global. Doch im Wesentlichen kapriziert sie sich in ihren Überlegungen auf die Alpen und speziell auf Tirol, Schwerpunkt Südtirol - Selma Mahlknecht stammt aus Plaus im Vinschgau; inzwischen lebt sie in Graubünden.

Das Geschäft mit den Ferien ist eines des Täuschens und Tarnens

"Ein Panorama der touristischen Sehnsüchte und Ernüchterungen" nennt sie ihren Band im Untertitel. Darin befasst sie sich auf essayhafte Weise mit der Geschichte und der Gegenwart des alpinen Tourismus, und das sehr häufig an konkreten Beispielen. Die Autorin begreift den Tourismus als von allen Seiten mit großen Erwartungen aufgeladen. Zwangsläufig führe das zu Reibungen mit der Realität, weshalb genauso zwangsläufig das Geschäft mit den Ferien eines des Täuschens und Tarnens sei, immer wieder auch des Selbstbetrugs. "Im Urlaub sollen mitgebrachte Phantasien befriedigt werden", schreibt Mahlknecht: "Und ein Teil dieser Phantasien ist es, dass der pragmatische Austausch zwischen Dienstleister und Kunden am besten nicht als solcher erkennbar sein sollte."

Drei Perspektiven nimmt Selma Mahlknecht in ihren Schilderungen ein: die der Gäste, die der Gastgeber und die der Bewohner einer touristischen Region, welche selbst nichts zu schaffen haben mit den Urlaubern und doch nicht außen vor bleiben.

So sah Südtirol-Tourismus in den 70er-Jahren aus: Die Frühstückspension Kressbrunn, betrieben von der Großmutter der Autorin.

(Foto: Archiv Selma Mahlknecht)

In einem zentralen Kapitel schildert die Autorin das Leben ihrer Großmutter, die in der Nachkriegszeit begonnen hat, Zimmer mit Frühstück zu vermieten. Ein Nebenerwerb, der wie in vielen anderen Südtiroler Familien wesentlich zur Emanzipation der Frauen beigetragen hat, weil sie plötzlich einen Teil zum Familieneinkommen beigesteuert haben. Mahlknecht berichtet, wie die Gäste am Familienleben teilgenommen haben und gerade dieses vermeintlich Echte und Urige daran sehr genossen haben.

Der Großvater spielte Zither, und die Gäste schauten im Wohnzimmer Fernsehen

Schon damals aber ist Komödie gespielt worden. Wenn Gäste im Wohnzimmer sitzen und das Fernsehprogramm bestimmen oder die politischen Debatten, wenn der Großvater in der Küche Zither spielt für die Urlauber - zumeist Deutsche - und die Kinder auf Zehenspitzen durchs Haus huschen, um die zahlende Kundschaft nicht zu stören, dann ist das eben genau nicht mehr das Echte, Unverfälschte. "Was in der Retrospektive so traulich klingt, erforderte in Wahrheit eine gewaltige Anpassungsleistung", schreibt Mahlknecht. Und zwar vor allem der Gastgeber. Reisen mache weltoffen und tolerant - in diesem für den Alpenraum beispielhaften Fall vor allem die Gastgeber.

Inzwischen funktioniert das Geschäftsmodell von Selma Mahlknechts Großmutter ohnehin kaum noch. Der Gast hat es inzwischen gerne um vieles luxuriöser. Und er ist es inzwischen auch, dem die Ferien in den Bergen eine große Anpassungsleistung abverlangen, will er denn eine wildromantische Idee von Ursprünglichkeit aufrechterhalten. Angesichts der slowenischen Kellnerin im Dirndl und dem Albaner, der die Speckknödel rollt.

Gäste auf der Terrasse der Pension Kressbrunn in den 70er-Jahren.

(Foto: Archiv Selma Mahlknecht)

Der Schein des Ursprünglichen muss schon deshalb eine Illusion sein, weil ansonsten der Urlaubsregion jede Form von Entwicklung und Modernisierung versagt bleiben müsste. Das würde auch den Gästen nicht gefallen, wenn es kein fließend Wasser gäbe, keinen Strom und kein Internet. Die Natur, das Bergerlebnis müssen konsumierbar sein, weshalb eine Erschließung mit Bergbahnen unerlässlich ist und zur Not auch der Helikopter der Bergwacht parat steht. Sie sind nur solange attraktiv, wie die unberechenbare und bedrohliche Seite der Wildnis nicht zum Vorschein kommt. Deshalb, so Mahlknecht: "Gämsen, Steinböcke, Murmeltiere ja, Wölfe und Bären nein."

Die Folgen des Tourismus nur den Touristen zuzuschreiben, greife jedoch zu kurz. Sie sind "hier letztlich ein willkommener Sündenbock, hinter dem man die eigene Gier, Gleichgültigkeit und Feigheit verstecken kann", tadelt Mahlknecht die Gastgeber und Investoren. Was nicht selten dazu führe, dass nicht der Tourist in der Touristenfalle sitze, sondern der Einheimische. Weil er sich in der eigenen Heimat in der Schlange hinten anstellen muss.

Selma Mahlknecht: Berg and Breakfast. Ein Panorama der touristischen Sehnsüchte und Ernüchterungen. Edition Raetia, Bozen 2021. 232 Seiten, 22 Euro.

© SZ
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