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Österreich:"Forschungsnächte" im Skigebiet

Skifahrer im Skigebiet Hochhäderich

Skifahren kann man am Hochhäderich bereits. Damit das Hotel im Skigebiet trotz Lockdown Gäste empfangen kann, hat der Betreiber es zum Vereinshaus erklärt.

(Foto: Alexander Rochau/imago images)

Im Bregenzerwald versucht ein Hotelier-Ehepaar mit einem angeblich wissenschaftlichen Projekt den Lockdown zu umgehen. Das Thema: "Alpenluft schnuppern".

Von Marija Barišić und Hans Gasser

Je länger der Lockdown dauert, desto deprimierter werden die einen und desto kreativer die anderen. Besonders in der arg gebeutelten Tourismusbranche, die in Österreich von fast staatstragender Wichtigkeit ist, kommt so mancher Hotelier und Skischulbetreiber auf durchaus bauernschlaue Einfälle, wie der Lockdown zu umgehen sei. Nachdem sich in Jochberg bei Kitzbühel herausstellte, dass 38 junge Briten, die sich dort angeblich zur Skilehrerausbildung befanden, wohl doch eher Skianfänger waren, die sich beim Partymachen mit dem Coronavirus ansteckten, schlägt jetzt ein anderer Fall hohe Wellen.

Im Bregenzerwald, der für seine Innovationsfreudigkeit bekannt ist, kam ein Hotelier-Ehepaar auf die Idee, das eigene Viersterne-Hotel kurzerhand in ein Vereinsheim umzuwandeln. Auf der Homepage verkünden die Hotelbetreiber seit einiger Zeit "WUNDER-bare Neuigkeiten" für ihre Gäste: "Gesundheits-Forschung" sei "zum Thema am Hochhäderich" und das Hotel "ein Vereinshaus geworden", es sei "somit nur noch für Vereinsmitglieder geöffnet, die am Gesundheits-Forschungsprojekt 'Aktiv sein & Alpenluft schnuppern' teilnehmen".

Die beiden Vereine, die als Leiter des "Forschungsprojektes" angeführt werden, heißen "Alpenarena Gesundheitsinstitut" und "Alpenarena Sportakademie". Sie wurden, wie sowohl die zuständige örtliche Behörde als auch Hotelbetreiberin Isolde Steurer bestätigen, im Sommer 2020 "unter anderem von der Familie Steurer gegründet".

Der Zweck des "Forschungsprojektes" sei laut eigener Beschreibung, herauszufinden, wie sich "Regierungsmaßnahmen auf Wohlbefinden, die Lebensqualität, das körperliche Befinden und die allgemeine Gesundheit" auswirken. Zum Beispiel: "inwieweit" die Maskenpflicht "gesund ist oder nicht". Die Teilnehmer dürften "eigenverantwortlich handeln und nachher mitteilen, wie sie sich damit fühlen". Die Mitgliedschaft ist günstig, sie kostet 20 Euro pro Person und kann ganz simpel online beantragt werden. Wer Mitglied ist, darf buchen - ungeachtet des Lockdowns, der in Österreich bis mindestens 7. Februar gilt. Für sechs "Forschungsnächte" im Doppelzimmer verlangt das Almhotel 1254 Euro, "Zusatzleistungen" wie Entspannungsbäder, Yoga oder Akupressur-Massage-Workshops sind auch im Angebot.

Das Skigebiet ist zum Vereinsgebiet geworden

Nun wird den Betreibern vorgeworfen, die Corona-Maßnahmen mittels Gründung von Schein-Vereinen und unter einem Vorwand zu umgehen. Denn dass das sogenannte "Forschungsprojekt" womöglich nicht ganz so hehren wissenschaftlichen Zielen dient, lässt sich spätestens dann vermuten, wenn es auf der Vereins-Website heißt: "Was wäre, wenn aus deinem geplanten Urlaub eine Teilnahme am Forschungsprojekt wird, an dem du SELBST-bestimmt und FREI mitwirken kannst? Was wäre, wenn Reiseeinschränkungen, Quarantäne etc. DIR NICHTS anhaben können und DU schöne und gesundheitspflegende Tage am Hochhäderich erleben kannst?" Zum Hotel gehört auch das Skigebiet am Hochhäderich, und das sei natürlich "zum Vereins-Skigebiet geworden" und somit nur noch für Teilnehmer des "Gesundheits-Forschungsprojekts" geöffnet. Auch ein "Passierschein für den ungehinderten Grenzübertritt" wird den Forschungsteilnehmern angeboten.

Die zuständige Bezirkshauptmannschaft Bregenz teilt auf Anfrage mit, dass sie schon Anfang November über den Internetauftritt des Hotels auf das ominöse "Forschungsprojekt" und die beiden Vereine gestoßen sei: "Daraufhin haben wir eine Mail an die Hotelbetreiber abgesetzt, wo wir ganz klar gesagt haben: Die Gründung eines Vereins, die Widmung eines Vereinshauses oder 'Forschung' entbindet einen nicht davon, die Corona-Regeln einzuhalten." Parallel dazu habe die Polizei begonnen, "regelmäßig" Kontrollen vor Ort durchzuführen und sich vor dem Hotel "auf Indiziensuche" wie etwa "parkende Autos oder Licht im Hotel" zu begeben. Bisher sei "nichts Auffälliges" zutage getreten.

Die Hotelbetreiber wollen weitermachen, natürlich

Und weil Tourismus in Österreich eben staatstragend ist, schalteten sich auch Tourismusministerin Elisabeth Köstinger und Innenminister Karl Nehammer ein. In einer Pressemitteilung weisen sie auf "mehrere Kontrollen des Betriebs" in den vergangenen Wochen hin, "auch durch die Finanzpolizei", außerdem sei Ende Dezember eine Liftanlage der "Alpenarena" kontrolliert worden, bei der aber keine Verstöße gegen die Maskenpflicht oder das Abstandhalten festgestellt werden konnten. Gegen die Betreiber seien mehrere Verwaltungsstrafverfahren anhängig.

Die wollen den Vorwurf, das Hotel würde Corona-Maßnahmen umgehen, um sich zu bereichern, nicht auf sich sitzen lassen. In einer E-Mail an die SZ schreibt Inhaberin Isolde Steurer: "Zu der Fantasie, wir wollen uns damit bereichern...??!!! Naja, sind eben Spekulationen." Die Vereine würden ihr Forschungsprojekt "natürlich weiterhin umsetzen", mit dem Gewerbe habe das schließlich "nichts zu tun". Außerdem sei sie "sehr, sehr froh über die ganze Corona Geschichte, durch diese ist uns erst so richtig bewusst geworden, das wir im Gewerbe schon von Beginn an in der falschen Vereinigung waren... unser Tun war nie wirklich der Gewinnerzielung und dem Wirtschaftswachstum zugeordnet, an sich war es immer schon unser purer Idealismus, Menschen zu natürlicher und gesundheitsfördernder Lebensfreude zu begleiten".

Die Mail endet mit dem Hinweis: " Falls Sie ehrliches Interesse an dem Forschungsprojekt haben, laden wir Sie gerne ein, Fördermitglied zu werden und sich aktiv daran teilzunehmen und zu beteiligen."

© SZ
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