Nachtleben auf Städtereisen:Verspielt, versteckt, verrückt durch die Nacht

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Ein paar neonröhrig erhellte Stände mit einsam vor sich hinrotierenden Dönerspießen erhellen die Straßen, vor den Diskotheken Coyote, Muzak und Alibi stehen einsame Türsteher in tarnfarbenen Hosen. Die Klubs sind nicht zu übersehen - und auch nicht, dass niemand drin ist.

Das umgekehrte Prinzip funktioniert offenbar besser. Verspielt, versteckt, verrückt. Unter den Individualisierungstrend der Nachtszene fallen auch die neuen Speakeasy-Lokale. Zur Prohibitionszeit entstanden sie als geheime Bars in den USA. In ihnen konnte man trotz des Verbots Alkohol konsumieren. In Rom hat man den Eindruck, dass hier Genussmenschen oder solche, die sich dafür halten, ungestört von grölenden Erasmus-Studenten-Horden, Touristen und allgemein uncoolem Volk ihre Edeldrinks zu sich nehmen wollen. Wunderbar zu sehen ist das im Circolo Coda di Gallo, einer Bar direkt am Campo de' Fiori.

Wie lautet der Code?

Hier ist an der Via del Pellegrino 13 ein lautes Semesterfest im Gange. Hängehosenträger stehen mit Weinflaschen in der Hand auf dem Pflaster, während der Kenner - schon damit vermittelt die Bar dem Gast ein erstes Hochgefühl - das richtige Klingelschild eines Mehrfamilien-Palazzos bedient und ein Codewort in die Sprechanlage flüstert. Durch einen dunklen Hausgang geht es zum Empfang, wo man sich mit E-Mail-Adresse ausweisen muss, ehe man über eine Wendeltreppe in das Kellergewölbe darf.

Die Einrichtung: Klassenzimmerstühle, Flohmarktmöbel, nackte Glühbirnen. Die Einrichtung entspricht dem derzeitigen Barcode in den angesagten Modelokalen, ob in Rom, London, New York, München oder Mailand. Für das Circolo Coda di Gallo bekommt man monatlich ein neues Codewort zugeschickt, im seit 2010 bestehenden Jerry Thomas nur 200 Meter weiter wird die Geheimhaltung noch stärker zelebriert.

Draußen Altstadtflair, im Jerry Thomas empfängt einen das New York der zwanziger Jahre.

Durch diese dunkle Gasse muss er kommen: Draußen Altstadtflair, im Jerry Thomas empfängt einen das New York der zwanziger Jahre.

(Foto: Philipp Crone)

Das goldene Klingelschild in einer winzigen Nebengasse trägt die Aufschrift "Prof. Jerrj Thomas". Das Schild rutscht zur Seite, Augen werden dahinter sichtbar. "Das Passwort?" Das hat man sich auf der Webseite durch das Lösen eines Rätsels erarbeitet.

Drinnen empfängt einen das New York der zwanziger Jahre. Streng genommen ist das nicht ganz richtig, denn Jerry Thomas, der 1832 geboren wurde und in New York zum ersten modernen Barkeeper in der ersten modernen Bar wurde, lebte 100 Jahre früher. Aber sonst stimmt hier alles, die Mustertapete, Kerzen, Tischlampen, Vitrinen, ein Piano und Regalecken mit alten Bildern. Barkeeper mit Hut, Bart und Weste. Und mit einer großen Auswahl möglichst ursprünglicher Spirituosen.

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