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Postkartenfotografie:Wie auf Mallorca alles begann

Der Fotograf Josep Planas hat den touristischen Aufbruch auf Mallorca dokumentiert und das Image der Insel geprägt. Nicht nur zu ihrem Vorteil.

Von Brigitte Kramer

Marina Planas dreht den Schlüssel um. Die Tür öffnet sich mit einem lauten Knarzen. Geübt macht die 36-Jährige die Lichtschalter an der Wand an, nach und nach erhellen sich Räume im Neonlicht. Deckenhohe Wandregale sind zu sehen, altmodische Büromöbel. Alles ist voll mit Kartons und in Plastik verpackten Objekten. Hier, in einem gesichtslosen Stadtteil Palmas, ist auf 700 Quadratmetern das "Planas-Archiv" untergebracht. Es ist eine einzigartige Sammlung von Fotos und Postkarten, die Mallorca in den 1950er- bis 1970er-Jahren zeigen - zu einer Zeit, als der Tourismus auf der Insel begann.

Die Aufnahmen stammen vom Fotografen Josep Planas i Montanyà (1924-2016), der damit das Mallorca-Bild der Deutschen entscheidend mitgeprägt hat. Marina Planas ist seine Enkelin. Die Künstlerin und Kulturmanagerin verwaltet das Archiv ihres Großvaters. In dem Gebäude ist neben dem Archiv ein Kulturzentrum mit Veranstaltungsräumen eingerichtet, es gibt Werkstätten für Künstler und Arbeitsplätze für Freiberufler. Auch ein Radiosender hat sein Studio in dem Haus. Doch nur, wer den Schlüssel zum Archiv hat, kann im hinteren, abgeschlossenen Teil in aller Stille Mallorcas Vergangenheit entdecken.

Der Fotograf hat so lange gewartet, bis die Wolke an der richtigen Stelle war

Der gebürtige Katalane Josep Planas i Montanyà war ein Sammler. Kameras aller Epochen, Bauarten und Funktionsweisen liegen bis heute im Archiv. Pappschachteln sind befüllt mit Daguerreotypien, Ambrotypien, Kontaktbögen, Negativen, Farbauszügen. In den Schubladen stapelt sich vergilbtes Papier mit verpackten, belichteten Filmrollen. Es gibt hier Hängeordner voller Ansichtskarten, wie man sie einst an Mallorcas Zeitungskiosken und in den 15 Fotogeschäften des Familienbetriebes kaufen konnte. In vielen deutschen Haushalten landeten diese Postkarten im Briefkasten. Man sieht darauf Kiefern an der Küste im Sonnenuntergang. Und frisch gebaute Hotelklötze direkt am Strand, im Hintergrund stehen Kräne und Rohbauten.

Marina Planas schätzt allein die Zahl der Fotos, die ihr Großvater und seine fünf Fotografen selbst aufgenommen haben, auf 2,5 Millionen Stück. "Samstags ist er mit dem Stativ losgezogen, um Motive zu fotografieren. Er hat solange gewartet, bis die Wolke an der richtigen Stelle war", erzählt Marina Planas, "Postkartenfotos sind definitiv keine Schnappschüsse." Da stehen Paellapfannen auf karierten Tischdecken, blonde Touristinnen spielen im Bikini Minigolf. Dann wieder Einheimische: konzentriert blickende Toreros in der Stierkampfarena, ein Mann und eine Frau, die er eigens bat, sich in Tracht unter blühende Mandelbäume im Grünen zu stellen - so, wie der Urlauber sein Urlaubsland gern sehen wollte. Und für die Urlauber tat Mallorca damals fast alles: Schließlich ermöglichten sie den Mallorquinern den Weg aus der Armut.

Die Orte wählte Josep Planas aus anhand der Bücher und Bilder, die die ersten Mallorca-Reisenden veröffentlicht hatten: Schriftsteller wie Lord Byron oder Impressionisten wie Joaquín Sorolla. Und er fuhr dorthin, wo Hotels gebaut wurden. Zu den eigenen Fotos kommen rund eineinhalb Millionen aufgekaufte Postkarten von anderen Urlaubsorten, schätzt Planas. Und sie erzählt, dass ihr Großvater sich in den 1960er-Jahren schon einen Helikopter kaufte, um "als Erster in Europa Luftaufnahmen zu machen. Mein Großvater war der Erste, der Fotos im industriellen Stil fertigte", sagt sie, "seine Fotografie entwickelte sich parallel zum Tourismus."

Planas-Archiv Mallorca

Fotograf Josep Planas.

(Foto: Planas-Archiv)

Josep Planas war wohl ein Mann mit Leidenschaft und Geschäftssinn. Bis zu 150 Leute arbeiteten bei der Firma Casa Planas, viele davon im Labor. Mit seiner Arbeit prägte er Mallorcas Außenwahrnehmung über Jahrzehnte - allerdings war es ein eindimensionales Bild einer Insel, auf der Orangen reifen und Mandeln blühen, wo junge Frauen helle Kopftücher tragen, die den gesamten Hals bedecken, wo fliegende Händler mit Eseln am Strand Wassermelonen und Kokosnüsse feilbieten. Es war das Bild einer Insel, die sich noch über ihre Besucher freute und sie mit echter Gastfreundschaft bedachte.

Diese idyllische Außenwahrnehmung kippte, als in den 1980er-Jahren die ersten deutschen Privatsender kamen, um halbnackte Touristinnen beim Tanzen auf den Tischen zu filmen. Auf einmal wurden Betrunkene gezeigt, die am helllichten Tag am Strand ihren Rausch ausschliefen. Zu diesem Zeitpunkt war Planas schon ausgestiegen aus dem Postkartengeschäft und hatte das Fotohaus dem Sohn übergeben. Der führte es weiter, gab im Jahr 2000 allerdings auf, weil niemand mehr Filme entwickeln wollte. Auch die alten Postkarten ließen sich nicht mehr verkaufen.

"Mein Großvater war kein Tourismuskritiker", sagt Marina Planas. "Aber er sah, dass sich vieles zum Schlechten verändert hatte. Und dass er seinen Teil dazu beigetragen hatte."

Öffentlich zugänglich ist die Sammlung bislang nicht. Dank einer Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut haben Künstler aus Deutschland die Möglichkeit, im Archiv zu arbeiten und seine Bestandteile für ihre Projekte zu nutzen. "So wird es wenigstens von ein paar Leuten besucht", sagt Planas, "es ist ja Teil unseres Kollektivgedächtnisses. Die Fotos einfach zu vergessen, das wäre furchtbar."

Das Erbe des Großvaters ist für Marina Planas ein Schatz und eine Last zugleich. Sie würde sich finanzielle Unterstützung wünschen, hat dazu Gespräche mit Vertretern der Stadtverwaltung von Palma, mit Mallorcas Inselregierung und der Regionalregierung der Balearen geführt. Bislang vergebens. Sie wünscht sich, dass die Sammlung einmal zentraler Bestandteil eines Museums über die Insel wird, das es erstaunlicherweise noch nicht gibt. "Der Massentourismus wurde hier erfunden, und die Fotos meines Vaters dokumentieren die Entwicklung. Man könnte die Entwicklung weiter dokumentieren, mit zeitgenössischen Projekten zum Tourismus", sagt Planas, und man merkt ihr an, dass sie sehr viele Ideen im Kopf hat. "Man könnte zeigen, wie er das Leben der Insulaner bis heute prägt."

Die Sammlung zeigt auch, wie die Mallorquiner gefeiert und sich in Szene gesetzt haben

Josep Planas hat aber nicht nur Strände und Touristen fotografiert und gezeigt, wie die Küsten nach und nach zugebaut wurden. Planas' Mitarbeiter wurden auch als Fotografen bei Hochzeiten oder Tauffeiern engagiert, die Sammlung zeigt, wie die Mallorquiner gefeiert haben, ihren Lebensstil, ihre Art, sich in Szene zu setzen. Und es gibt Aufnahmen von Alltagsszenen aus Palma, gelangweilte Jugendliche in Hauseingängen, elegante Städterinnen, Kinder, Händler auf teils noch nicht asphaltierten Straßen. "Die Postkarten zeigen, wie schön die Insel einmal war", sagt die Enkelin, "und wie sehr wir sie zerstört haben." Das wäre eine Erkenntnis, die auch ein Tourismus-Museum vermitteln würde. Vielleicht wagt sich deshalb keine öffentliche Institution an das Projekt.

© SZ vom 09.07.2020/edi
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