Eine Stadt zu bereisen, bedeutet nicht nur Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Sondern einen Blick in ihre Seele zu werfen - und dabei schöne Orte kennenzulernen, die auch Einheimische lieben. Wir haben unsere SZ-Korrespondenten in Deutschland gebeten, ihre Stadt anhand eines Fragebogens zu präsentieren. Diesmal erklärt Ulrike Nimz, warum Leipziger auf einer Parkbrücke feiern und weshalb man nicht immer nur Goethe zitieren sollte.
Was ist das Besondere an Leipzig?
Zunächst muss mit einem Missverständnis aufgeräumt werden: "Mein Leipzig lob' ich mir!", dieser satte, selbstzufriedene Satz stammt nicht von Goethe selbst, sondern von einer seiner Figuren. Es ist der ironische Kommentar eines sauflustigen Studenten aus "Faust". In gewisser Weise passt das sogar besser. Leipzig hat keinen großen Fluss, keine Berge, die höchste natürliche Erhebung der Region ist die Mülldeponie nahe der Messe. Trotzdem ist die Stadt in den vergangenen Jahren vor allem für junge Leute zu einem Ort der Verheißung geworden. Der Hype verspricht: in billigen Lofts teure Kunst machen, in vernebelten Kellerspelunken Momente der Klarheit erleben. Die Bullen rufen? Nur im Fußballstadion.
Und wie ticken die Einwohner?
Das hängt vom Viertel ab. Klischees in Kürze: Der linke Süden schießt im Kampf gegen das "Schweinesystem" manchmal übers Ziel hinaus. Im gefährlichen Osten essen sie kein Schwein und schießen aufeinander. Im reichen Westen zeugen sie wahlweise Kinder in ihren SUVs oder züchten in Stadtgärten vergessene Pastinakensorten. Über den Norden spricht eigentlich nie jemand. Was stimmt: Die meisten Leipziger glauben, anders zu sein als der Rest der Sachsen. Nicht so blasiert wie die Dresdner, nicht so bräsig wie die Chemnitzer. Nicht so bescheiden, schließlich hat hier die Friedliche Revolution begonnen!
Wie kommt man am besten mit Leipzigern in Kontakt - und wo?
Am Cospudener See. Wenn sich im Sommer die Hitze in den nicht mehr ganz so billigen Lofts staut, zieht es Snobs und Plebs, Hipster und Hooligans ans geflutete Tagebaurestloch im Süden der Stadt. Sie haben hier einen beeindruckenden Strand aufgeschüttet und eine Marina gebaut. Wer die Augen schließt, wähnt sich am Mittelmeer. Bei Eis und Alkopops wird trotz Strukturwandel hart gebaggert. Das Leipziger Comedy-Duo "Fuck Hornisschen Orchestra" hat diesen verschwenderischen Tagen mal die unsterbliche Zeile gewidmet: "Meine Schwester ist ein Luder und ein Nazi ist mein Bruder, aber wir baden gemeinsam an der Costa Cospuda."
Wohin gehen Leipziger ...?
- zum Frühstücken: Der Brauch des Brunchens wird in Leipzig eher nachlässig gepflegt. Ein klassisches Frühstück ohne Buffet und Bohei gibt es im Café Maître - ein 100 Jahre altes Kaffeehaus mit traumhaftem Jugendstil-Dekor. Hinter der Tür hat der Lyriker Andreas Reimann seinen Stammplatz. Keiner hat die Leipziger Ambivalenz so schön bedichtet wie er: "Ein paar Minuten an jedem Tag / wenn das natürliche Licht / sich zurückzieht nach nebenan / und die Sensoren der Straßenlaternen / die Lage noch gar nicht begriffen haben / ist die Stadt ehrlich". Also bitte nie wieder Goethe zitieren.
- zum Mittagessen: Eine Thüringer auf die Hand reicht aus - von einer dieser menschlichen Bratwurstbuden, die mit Bauchgrill durch die Einkaufsmeile wanken und sich am Ende des Tages vermutlich fühlen wie ein schlechtes Steak: total durch.
- am Feierabend: in den Clara-Zetkin-Park auf die Sachsenbrücke. Dort treffen sich all jene, die das Leipzig-Märchen bei einem Bordstein-Bier wahr werden lassen wollen. Irgendeiner stellt immer ungefragt sein neues Freak-Folk-Album vor oder zettelt einen Handy-Rave an. Wer sich dazugesellt, erlebt Abende voller Zauber und Wiesen voller Pfandflaschen.
- in der Nacht: Das öffentliche Vorglühen findet meist in einer dieser Leipziger Wohnzimmerkneipen seine Fortsetzung, in denen so schonungslos geraucht wird, dass hier nur sitzt, wer in bester Gesellschaft nicht alt werden will. Wer lieber das Leben feiern möchte, kann das in einer der vielen Clubs der Stadt tun. Im Institut für Zukunft zum Beispiel, das sich immer wieder Vergleiche mit dem Berghain gefallen lassen muss. Das mag daran liegen, dass der Dancefloor ein ehemaliger Kühlraum ist und die Nacht erst mittags zu Ende. Die Tür ist allerdings nicht so streng und der Geruch auch nicht und der Bass... ach, bleibt am besten alle in Berlin.
Was finden die Leipziger gar nicht komisch?
Wenn man sie daran erinnert, dass die erste Großdemonstration des Wendeherbstes, die nicht von der Staatsmacht aufgelöst wurde, in Plauen im Vogtland stattfand.
Und wofür werden sie die Urlauber lieben?
Wenn diese beim Anblick der ersten Schnörkelfassade nicht sofort ihren Anlageberater anrufen.