Trentino Dörfer mit Gütesiegel

Ein Geflecht aus steilen, engen Gassen mit blumengeschmückten Häusern: Canale di Tenno zählt zu den "schönsten Dörfern Italiens".

(Foto: mauritius images/Udo Bernhart)

Sechs Gemeinden im Trentino dürfen sich als "schönste Dörfer Italiens" bezeichnen. Der Titel ist vor allem ein Wiederbelebungsversuch.

Von Stephanie Schmidt

Silbrig-grün schimmern die Hügel der Landschaft zwischen der Stadt Trento und Riva del Garda an der Nordspitze des Gardasees. Denn Tausende Olivenbäume haben sich auf ihnen eingewurzelt. In den Tälern zu ihren Füßen wachsen Weinreben, Pflaumen- und Apfelbäume, auch Kiwis werden hier kultiviert. "Wir besitzen eine doppelte Identität - die mediterrane und die alpine", sagt Giulio Bonomi auf der Fahrt durch diese fruchtbare Gegend und zeigt auf die Kletterfelsen in der Nähe des Städtchens Arco.

Bonomi ist Inhaber des kleinen Transportunternehmens Ingoviaggi. Vorzüglich sei der Grappa, der in der Umgebung destilliert werde, sagt er mit schwärmerischem Blick. Einer, der seine Heimat wirklich liebt, denkt man sich. Über steile Straßen mit Haarnadelkurven fährt er Touristen, die mehr über die Kulturgeschichte der Region erfahren möchten, hinauf zu den mittelalterlichen Dörfern, die sich mit dem Prädikat "I borghi più belli d'Italia" - "Die schönsten Dörfer Italiens" - schmücken: Canale di Tenno, Rango und San Lorenzo in Banale. Ihre Gebäude stammen aus dem 14. oder 15., manche sogar aus dem 13. Jahrhundert. Ganz Italien zählt knapp 300 dieser "schönsten Dörfer", sechs von ihnen befinden sich im Trentino.

Gerade mal 40 Menschen wohnen in Canale di Tenno. Der Ort zieht Künstler und Wanderer an

Kühl und klar ist die Luft an diesem sonnigen Frühlingstag in Canale di Tenno. Eingebettet in Olivenhaine liegt es auf einer Höhe von 600 Metern. Von hier blickt man auf die markanten Gipfel der Pichea-Gruppe, sie tragen noch Häubchen aus Schnee. Urkundlich erwähnt wurde der Ort erstmals im Jahr 1221 - einige Gemäuer blieben bis heute so gut wie unversehrt. Ein Geflecht aus steilen, engen Gassen führt durch das Dorf mit seinen Häusern aus Kalkstein, Bogengängen und kleinen Innenhöfen. Hier fahren keine Autos, Souvenirläden und Restaurants gibt es nicht, aber vor ein paar Jahren eröffnete eine Bed&Breakfast-Herberge.

Still ist es hier, umso lauter hallen die Absätze einiger Besucher auf dem gepflasterten Weg. Sie wollen zum Künstlerhaus, der Casa degli Artisti Giacomo Vittone, um sich die Ausstellung "Arte Donna" anzusehen. Sie widmet sich bis 16. Juni speziell italienischen Künstlerinnen, die mit ihren Gemälden und Skulpturen das Novecento, also das 20. Jahrhundert, prägten. In der Casa degli Artisti werden regelmäßig Workshops für Musiker und Künstler veranstaltet.

In einem der Räume befindet sich eine historische Feuerstelle mit Sitzbänken. "Hier saßen die Familien früher zusammen und aßen Polenta", sagt Reiseführerin Carmen Picciani. "Im Mittelalter wohnten die Menschen teils gemeinsam mit ihren Tieren", fügt die Trentinerin hinzu und weist auf die auffallend breiten Eingangstore einiger Häuser hin: Auch das Vieh und hölzerne Karren für den Warentransport mussten hindurchpassen. Picciani kennt sich in der Geschichte der Region bestens aus und begleitet regelmäßig Besucher in "I borghi più belli d'Italia" des Trentino.

Hinter dem Titel steckt eine private, im Jahr 2001 gegründete Vereinigung mit Sitz in Rom, deren Ziel es ist, Ortschaften mit herausragender historischer und kultureller Bedeutung zu erhalten. Dafür hat dieser Klub Kriterien definiert. "Fördermittel vergeben wir nicht, aber wir machen Werbung für die Dörfer", sagt Monica Gillocchi, die für die Öffentlichkeitsarbeit der Vereinigung zuständig ist. Der Titel zieht Touristen an. Auch Geldgeber und Veranstalter gewinnt man damit leichter. Schließlich gilt es zu verhindern, dass die mittelalterlichen Dörfer verlassen werden.