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Italien:Sardiniens kleine Schwestern

Nido d'Aquila, La Maddalena, Italy Sardinien sardegna beach strand

Der Strand Nido d'Aquila auf dem La-Maddalena-Archipel

(Foto: Tommy Krombacher/Unsplash)

Die Inseln des La-Maddalena-Archipels bieten Wanderern großartige Ausblicke. Viele Höhenmeter sind nicht zu bewältigen, dafür aber andere Herausforderungen.

Erzählt Rina Sanna von früher, beginnt sie zu strahlen. Früher, das ist ihre Kindheit auf dem Inselchen Santa Maria, zusammen mit den Eltern und drei Geschwistern. "Wir hielten Hühner, Kühe und eine Schafherde. War bei uns alles abgeweidet, transportierte Papa das Vieh mit seinem Kahn auf die Nachbarinseln - so ging es das ganze Jahr über." Auf Santa Maria hätten damals in den 1960er-Jahren auch die Familien der Leuchtturmwärter gewohnt, einsam sei es nicht gewesen, sagt Sanna. Man habe zusammen Karten gespielt, sich Geschichten erzählt. "Es war das Paradies. Wir hatten wenig, an heutigen Maßstäben gemessen, fühlten uns aber nicht arm. Jetzt haben die Leute alles, und sind doch unzufrieden!"

Jetzt lebt die Anfangssechzigerin in La Maddalena. So heißt die Hauptinsel des gleichnamigen Archipels aus 60 kleinen und kleinsten Inseln vor der Nordostküste Sardiniens, zu dem auch Santa Maria gehört. So gut wie alle der 10 000 Einwohner des Archipels leben hier. Sannas Haus befindet sich hinter dem Hafen, wo sich die würfelförmigen Gebäude an einem steinigen Hang stapeln. Aus Felsritzen ragen die runden, stacheligen Triebe der Feigenkakteen hervor wie grüne, fleischige Hände. Das Altstadtzentrum Maddalenas zieren palmenumsäumte Palazzi, die Gassen um die Pfarrkirche sind mit dunklen, eckigen Steinplatten gepflastert: Zeichen des Wohlstands, der sich der militärischen Bedeutung der Inselgruppe verdankt.

Im Mittelalter von nur einer Handvoll Mönchen und Hirten bewohnt, wurden auf dem Archipel im 18. und 19. Jahrhundert zuerst von den Piemontesern, dann vom Königreich Italien Festungen erbaut, die immer noch die Inselspitzen krönen. Nach dem Zweiten Weltkrieg unterhielten hier die Nato und die italienische Marine Stützpunkte. Als sich die Nato 2006 zurückzog, gingen viele Arbeitsplätze verloren. Bereits 1994 wurde der Archipel zum Nationalpark erklärt. Ehemalige Hirtenpfade wurden ausgeschildert. Seither kommen immer mehr Touristen, angezogen vom Duft der Macchia und dem Südseecharme smaragdfarbener Buchten.

Das Luxushotel, das Berlusconi hier für den G-8-Gipfel bauen ließ, wurde nie eröffnet

Etwa auf Caprera. Hinter der Brücke, die nach Maddalena hinüberführt, hat Valentina Gilioli ihr Auto im knappen Schatten von Baumheide geparkt. Hier steht auch das Ex-Marinekrankenhaus, das Silvio Berlusconi für den G-8-Gipfel 2009 in ein Luxushotel umbauen ließ, das aber weder dafür genutzt noch je eröffnet wurde. "Eine 100-Millionen-Kathedrale in der Wüste" nennt Gilioli das Protzhotel. Mit einer Zwei-Liter-Wasserflasche im Rucksack wandert sie los. Gilioli folgt dem Weg Nummer 15, im Slalomkurs am zerklüfteten Meeressaum entlang Richtung Norden. Die höchste Erhebung von Caprera ist der Monte Teialone mit nur 212 Metern, höher hinauf geht es auf dem ganzen Archipel nicht.

Die Herausforderungen für Wanderer sind andere: Es gibt auf den Inseln keine Quellen, kaum Bäume, die Macchia reicht einem höchstens bis zur Schulter, während vom Himmel die Sonne herunterbrennt. Valentina Giliolis zu einem Pferdeschopf zusammengebundenes Haar hüpft bei jedem Schritt hin und her. "Genau das habe ich gesucht", sagt sie und zeigt ringsherum. Gilioli stammt aus einem Dorf in der Po-Ebene. "Dort ist es im Winter kalt und nebelig, im Sommer feucht und voller Mücken. Hier blinzle ich beim Aufwachen über das Meer in einen stets wolkenlosen Himmel."

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Die Biologin kam wegen der Liebe nach La Maddalena. Die Liebe ging, sie blieb und arbeitet jetzt als Wanderführerin. Gilioli beherrscht inzwischen den Dialekt der Einheimischen - er soll dem Korsischen verwandt sein - und kennt sämtliche Macchia-Gewächse. Die Mittelmeerstrohblume etwa soll entzündungshemmend wirken, Wunden und Verbrennungen heilen. Aufgrund ihres intensiven Geruches könnte man die sonnengelb leuchtende Pflanze sogar mit geschlossenen Augen finden.

Grandios ist der Blick auf in allen Blauschattierungen daliegende Buchten. An diesen Farben, sagt Gilioli, könne sie sich nicht sattsehen. "Der Hauptfaktor auf La Maddalena ist allerdings der Wind. Ich studiere mehrmals täglich die Wettervorhersagen, um, wenn er etwa nordseitig zu stark weht, auf die Südseite auszuweichen."

Spektakulär sind die Felsen, an denen der Wanderweg entlangführt. Zu feinen Körnern zerriebener Granit knirscht unter den Sohlen. Türme aus demselben Gestein ragen wie rostzerfressene Schwerter empor, bilden gekrümmte Rücken wie Schildkrötenpanzer, liegen herum wie gigantische Boule-Kugeln, in die Wind und Salz runde Löcher genagt haben. Klettert man auf eine dieser Kugeln abseits des Pfades hinauf - die Beine sind ohnehin längst zerkratzt -, breitet sich zu Füßen das geriffelte Meer mit den vielen Inseln aus. Einziger Wermutstropfen beim Wandern auf Caprera: Über die Insel führen mehrere Asphaltstraßen, die die Wanderwege immer wieder kreuzen, doch man kann sie gut auf Pfaden umgehen. Bis zu den schönsten Badebuchten ist es hier ohnehin nie weit.