Süddeutsche Zeitung

Italien:Sardiniens kleine Schwestern

Die Inseln des La-Maddalena-Archipels bieten Wanderern großartige Ausblicke. Viele Höhenmeter sind nicht zu bewältigen, dafür aber andere Herausforderungen.

Erzählt Rina Sanna von früher, beginnt sie zu strahlen. Früher, das ist ihre Kindheit auf dem Inselchen Santa Maria, zusammen mit den Eltern und drei Geschwistern. "Wir hielten Hühner, Kühe und eine Schafherde. War bei uns alles abgeweidet, transportierte Papa das Vieh mit seinem Kahn auf die Nachbarinseln - so ging es das ganze Jahr über." Auf Santa Maria hätten damals in den 1960er-Jahren auch die Familien der Leuchtturmwärter gewohnt, einsam sei es nicht gewesen, sagt Sanna. Man habe zusammen Karten gespielt, sich Geschichten erzählt. "Es war das Paradies. Wir hatten wenig, an heutigen Maßstäben gemessen, fühlten uns aber nicht arm. Jetzt haben die Leute alles, und sind doch unzufrieden!"

Jetzt lebt die Anfangssechzigerin in La Maddalena. So heißt die Hauptinsel des gleichnamigen Archipels aus 60 kleinen und kleinsten Inseln vor der Nordostküste Sardiniens, zu dem auch Santa Maria gehört. So gut wie alle der 10 000 Einwohner des Archipels leben hier. Sannas Haus befindet sich hinter dem Hafen, wo sich die würfelförmigen Gebäude an einem steinigen Hang stapeln. Aus Felsritzen ragen die runden, stacheligen Triebe der Feigenkakteen hervor wie grüne, fleischige Hände. Das Altstadtzentrum Maddalenas zieren palmenumsäumte Palazzi, die Gassen um die Pfarrkirche sind mit dunklen, eckigen Steinplatten gepflastert: Zeichen des Wohlstands, der sich der militärischen Bedeutung der Inselgruppe verdankt.

Im Mittelalter von nur einer Handvoll Mönchen und Hirten bewohnt, wurden auf dem Archipel im 18. und 19. Jahrhundert zuerst von den Piemontesern, dann vom Königreich Italien Festungen erbaut, die immer noch die Inselspitzen krönen. Nach dem Zweiten Weltkrieg unterhielten hier die Nato und die italienische Marine Stützpunkte. Als sich die Nato 2006 zurückzog, gingen viele Arbeitsplätze verloren. Bereits 1994 wurde der Archipel zum Nationalpark erklärt. Ehemalige Hirtenpfade wurden ausgeschildert. Seither kommen immer mehr Touristen, angezogen vom Duft der Macchia und dem Südseecharme smaragdfarbener Buchten.

Das Luxushotel, das Berlusconi hier für den G-8-Gipfel bauen ließ, wurde nie eröffnet

Etwa auf Caprera. Hinter der Brücke, die nach Maddalena hinüberführt, hat Valentina Gilioli ihr Auto im knappen Schatten von Baumheide geparkt. Hier steht auch das Ex-Marinekrankenhaus, das Silvio Berlusconi für den G-8-Gipfel 2009 in ein Luxushotel umbauen ließ, das aber weder dafür genutzt noch je eröffnet wurde. "Eine 100-Millionen-Kathedrale in der Wüste" nennt Gilioli das Protzhotel. Mit einer Zwei-Liter-Wasserflasche im Rucksack wandert sie los. Gilioli folgt dem Weg Nummer 15, im Slalomkurs am zerklüfteten Meeressaum entlang Richtung Norden. Die höchste Erhebung von Caprera ist der Monte Teialone mit nur 212 Metern, höher hinauf geht es auf dem ganzen Archipel nicht.

Die Herausforderungen für Wanderer sind andere: Es gibt auf den Inseln keine Quellen, kaum Bäume, die Macchia reicht einem höchstens bis zur Schulter, während vom Himmel die Sonne herunterbrennt. Valentina Giliolis zu einem Pferdeschopf zusammengebundenes Haar hüpft bei jedem Schritt hin und her. "Genau das habe ich gesucht", sagt sie und zeigt ringsherum. Gilioli stammt aus einem Dorf in der Po-Ebene. "Dort ist es im Winter kalt und nebelig, im Sommer feucht und voller Mücken. Hier blinzle ich beim Aufwachen über das Meer in einen stets wolkenlosen Himmel."

Die Biologin kam wegen der Liebe nach La Maddalena. Die Liebe ging, sie blieb und arbeitet jetzt als Wanderführerin. Gilioli beherrscht inzwischen den Dialekt der Einheimischen - er soll dem Korsischen verwandt sein - und kennt sämtliche Macchia-Gewächse. Die Mittelmeerstrohblume etwa soll entzündungshemmend wirken, Wunden und Verbrennungen heilen. Aufgrund ihres intensiven Geruches könnte man die sonnengelb leuchtende Pflanze sogar mit geschlossenen Augen finden.

Grandios ist der Blick auf in allen Blauschattierungen daliegende Buchten. An diesen Farben, sagt Gilioli, könne sie sich nicht sattsehen. "Der Hauptfaktor auf La Maddalena ist allerdings der Wind. Ich studiere mehrmals täglich die Wettervorhersagen, um, wenn er etwa nordseitig zu stark weht, auf die Südseite auszuweichen."

Spektakulär sind die Felsen, an denen der Wanderweg entlangführt. Zu feinen Körnern zerriebener Granit knirscht unter den Sohlen. Türme aus demselben Gestein ragen wie rostzerfressene Schwerter empor, bilden gekrümmte Rücken wie Schildkrötenpanzer, liegen herum wie gigantische Boule-Kugeln, in die Wind und Salz runde Löcher genagt haben. Klettert man auf eine dieser Kugeln abseits des Pfades hinauf - die Beine sind ohnehin längst zerkratzt -, breitet sich zu Füßen das geriffelte Meer mit den vielen Inseln aus. Einziger Wermutstropfen beim Wandern auf Caprera: Über die Insel führen mehrere Asphaltstraßen, die die Wanderwege immer wieder kreuzen, doch man kann sie gut auf Pfaden umgehen. Bis zu den schönsten Badebuchten ist es hier ohnehin nie weit.

Mittags halten die Wildschweine Siesta

Marta D'Amico und Claudio Ciucci sind ein ungleiches Paar, er introvertiert, sie ununterbrochen redend. Zusammen organisieren sie für einen Freizeitverein Wanderausflüge. Begeistert, ihnen alles zu zeigen, begleiten sie manchmal auch auswärtige Besucher. "Oft sind wir mit 70 bis 80 Einheimischen unterwegs, die dann erklären, dass sie die Inselecken, zu denen wir sie lotsen, noch nie gesehen haben", erzählt Marta, während Claudio das Schlauchboot aus dem Hafen hinauslenkt, an der Fähre vorbei, die La Maddalena mit Sardinien verbindet.

Er passiert die Inseln Spargi und Budelli und steuert auf Razzoli zu, die am weitesten nördlich gelegene Insel. Hier ist es einsam. Von der fjordartigen Cala Lunga vorbei an einem verwitterten Lagerhaus und zwei Grabstätten, von denen niemand mehr weiß, wessen Gebeine sie bedecken, geht es über eine befestigte Militärstraße, die allmählich von der Macchia verschlungen wird, zum Leuchtturm hinauf. Am Wegrand wächst Wacholder, der Wind pfeift um die scharfkantigen Felsen. Vom Leuchtturm aus ist die korsische Steilküste zu sehen. Die Wanderung dauert hinauf und retour zum Boot gerade mal eine Stunde. Allerdings war das erst der Auftakt.

Claudio Ciucci manövriert das Schlauchboot nicht zurück in den Hafen von La Maddalena, sondern er quert vor der Hafeneinfahrt rechts hinüber zur wenige Hundert Meter entfernten Insel Santo Stefano. Weil es dort keinen Baum gibt, wird am Fuß eines Felsens gepicknickt. Für die Gäste baut Claudio aus Treibholz und seinem Bademantel ein schmales Schattendach. Er und Marta bleiben in der Sonne sitzen, eingecremt sind sie nicht.

Gegen 14 Uhr, wenn die Wildschweine, von denen es hier den Wühlspuren nach unzählige geben muss, unter einem Strauch Siesta halten, bricht die Gruppe zur Umrundung Santo Stefanos auf. Diese heiße Tageszeit muss sein, weil die Bootsfahrt nach Razzoli wegen des zu erwartenden starken Windes und hoher Wellen am Nachmittag nicht möglich wäre. Die hundert Höhenmeter hinauf zum Monte Zucchero sind aber auch bei der Hitze zu schaffen. Granit schimmert von Grau bis Braun, auf dem Meer rundherum spiegelt sich die Sonne, dass es blendet. Es geht vorbei an Stolleneingängen und Wachhütten, die mit runden Steinen auf den Flachdächern möglichst unsichtbar gemacht wurden: Während des Kalten Krieges, erzählt Claudio, hätten die Amerikaner im Berginneren Raketen versteckt. "Die Tunnel unter unseren Füßen sollen insgesamt 15 Kilometer lang sein."

Nach einem aufgelassenen Steinbruch, wo die Büste eines von Mussolini verehrten Helden des Ersten Weltkrieges liegen geblieben ist, endet die Wanderung an der Mole beim festgebundenen Schlauchboot. Marta und Claudio springen ins Meer, um sich abzukühlen. Sonnenverbrannt sehen sie jetzt ein wenig aus wie rot-weiß gestreifte Zebras. Was sie aber nicht hindern wird, wie der Rest des Inselvolkes beim abendlichen Flanieren durch die Hauptstadtgasse Bella Figura zu machen.

Reiseinformationen

Anreise: Flug nach Olbia, von dort mit dem Auto in einer Stunde nach Palau, wo im Sommer halbstündlich eine Fähre nach La Maddalena abgeht. Von Livorno bis Olbia mit der Autofähre in gut 6 Stunden.

Unterkunft: Z. B.: Hotel Villa del Parco, DZ mit Frühstück ab 68 Euro, www.villadelparco.com

Nationalpark: www.lamaddalenapark.it: Am besten im Hafen von La Maddalena ein Schlauchboot mieten, um zu den schönsten Buchten zu fahren.

Wanderrouten: www.parks.it, Exkursionen mit Wanderführerin Valentina Gilioli: 0039/347/18 486 89

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SZ vom 18.07.2019/edi
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