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USA:Rakete im Koffer

Mehr als 5000 Gegenstände landen momentan täglich in der Lagerhalle des Unclaimed Baggage Center. Vor Corona waren es noch viel mehr. Auch in den USA fliegen noch deutlich weniger Menschen als zuvor. Also geht auch weniger verloren.

(Foto: Jeffrey Isaac/mauritius images)

Im Unclaimed Baggage Center in Alabama wird Gepäck verkauft, das Reisende auf USA-Flügen verloren haben. Erstaunlich, was dabei alles auftaucht.

Von Steve Przybilla

Eric Rebarchik kann sein Glück kaum fassen. Eigentlich wollte der 47-jährige Familienvater nur ein Geburtstagsgeschenk für seine Tochter finden. Doch dann das: ein Unterhemd mit verstärkter Innentasche. "Das ist ja der Wahnsinn", freut sich der Mann, der mit seinen sorgsam frisierten grauen Haaren dem Autor Frank Schätzing ähnelt. "Ich wusste gar nicht, dass es solche Klamotten gibt", sagt er euphorisch. Die Innentasche sei "superpraktisch für alle, die verdeckt eine Waffe tragen möchten". Und damit auch für ihn.

Solche Sätze, die für europäische Ohren befremdlich klingen, gehen Rebarchik leicht über die Lippen. Er lebt in Scottsboro, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Alabama, in der Waffen zum Alltag gehören. An diesem Tag - unser Besuch fand kurz vor Inkrafttreten der Corona-Einschränkungen statt - ist der Mann auf der Suche nach einem Schnäppchen im Unclaimed Baggage Center. So heißt ein lagerhallengroßer Komplex, in dem verloren gegangenes Fluggast-Gepäck verkauft wird.

Statistisch gesehen gehen in den USA nur 0,03 Prozent aller Rollkoffer, Rucksäcke und Tragetaschen verloren, die Passagiere mit an Bord nehmen. Doch in einem Land, in dem zu Nicht-Pandemiezeiten täglich fast drei Millionen Menschen ein Flugzeug betreten oder verlassen, ergibt selbst ein Promillewert eine riesige Menge. 90 Tage haben Passagiere normalerweise Zeit, ihre Habseligkeiten bei der Airline geltend zu machen und wieder abzuholen. Alles, was danach noch übrig ist, landet in Scottsboro.

Das Unclaimed Baggage Center ist ein unspektakulärer Flachbau mit angeschlossenem Parkplatz. Drinnen reihen sich Kleiderständer, Bücherregale und Glasvitrinen aneinander, ein Anblick wie in einem Secondhand-Kaufhaus, inklusive leicht müffelnder Kleidung. Trotzdem hat es die Firma, die 1970 gegründet wurde, inzwischen zu internationaler Bekanntheit geschafft. Schon viele Kilometer vor Scottsboro künden Werbetafeln, die meisten schon ausgeblichen, von dem ungewöhnlichen Einkaufserlebnis.

"Wir empfehlen immer einen Besuch unter der Woche", sagt Brenda Cantrell, die Sprecherin des Unternehmens. Am Wochenende werde es eng. "An besonderen Aktionstagen campieren die Menschen sogar auf dem Parkplatz." Den meisten gehe es darum, ein Schnäppchen zu ergattern, ein gut erhaltenes Hemd, ein Paar Turnschuhe oder einen Laptop. Die eigentliche Faszination liege aber in der Vorgeschichte der Gegenstände: Welche Gespräche wurden wohl einst auf dem nie abgeholten Handy geführt? Hat die verspiegelte Sonnenbrille vielleicht mal ein Mafia-Boss getragen? Und wem gehörte dieses stilvolle Kleid?

Wer dieses Kleid wohl früher getragen hat? Die Faszination beim Einkauf im Unclamed Baggage Center liegt für viele Käufer auch im Mysterium der Vorgeschichte.

(Foto: mauritius images)

Am häufigsten landen Jacken, Sonnenbrillen, Kopfhörer, Bücher und kleine Elektrogeräte im Unclaimed Baggage Center - Gegenstände, die Fluggäste als Handgepäck mit sich führen und beim Aussteigen vergessen. Erst danach folgen komplette Koffer, die in der Regel durch technische Probleme verloren gehen: Manche fallen vom Band, bei anderen löst sich der Griff, an dem der Barcode hängt. Wieder andere gelangen an ihr Ziel, werden dort aber trotzdem nicht abgeholt. Warum? "Das fragen wir uns natürlich auch oft", sagt Cantrell. In einigen Fällen spiele durchaus ein krimineller Hintergrund eine Rolle. "Sie glauben gar nicht, was wir so alles finden", sagt sie. "Drogen, Waffen, Bargeld - alles dabei. Solche Dinge übergeben wir natürlich den Behörden."

Bevor die Gegenstände in den Verkaufsraum gelangen, prüfe man sie eingehend, versichert Cantrell. Die Speicher von elektronischen Geräten würden gelöscht, rund 50 000 Kleidungsstücke pro Monat gereinigt. Aktuell treffen zwischen 5000 und 7000 neue Fundstücke pro Tag im Unclaimed Baggage Center ein - vor Corona waren es sogar noch deutlich mehr. Doch längst nicht alles davon ist verwertbar: "Ein Drittel kommt am Ende in den Verkauf", sagt Cantrell. Ein weiteres Drittel spende man karitativen Organisationen, den Rest müsse man leider entsorgen.

Und wer waren wohl die Vorbesitzerinnen dieser Kleider, Hüte, Schals und Bilder?

(Foto: Jeffrey Isaac/mauritius images)

Wenn man durch die Halle schlendert, fällt auf, wie gemischt das Publikum ist. Männer mit Tarnanzug und Trump-Mütze fachsimpeln über Angelruten, Highschool-Girls durchstöbern die Handtaschen-Kollektion. Zwei Männer, die spanisch sprechen, suchen Arbeitsschuhe. Lourie Castell hat es auf den Schmuck in der Vitrine abgesehen. "Ich komme bestimmt einmal pro Woche hierher", sagt die 54-Jährige. "Diese Woche habe ich eine Isomatte gekauft, letztes Jahr ein neues Handy für meinen Sohn. In einer Kleinstadt wie Scottsboro würde man so etwas sonst nie finden." Edith Carrington, 61, sucht bunte, afrikanische Kleider - und wird fündig.

Die Preise bewegen sich auf einem Niveau, wie man es von Secondhand-Läden kennt. Bücher gibt es ab fünf Dollar, Angeln ab 20 Dollar, Schlafsäcke kosten zehn Euro aufwärts. Doch es gibt Ausnahmen: Objekte, die ausschließlich hinter Sicherheitsglas ausgestellt werden. Der teuerste Artikel, der bisher verkauft wurde, ist eine Rolex-Uhr für 32 000 Dollar, gefolgt von einer Diamant-Halskette, die für 15 000 Dollar an eine neue Besitzerin ging.

"Gerade bei den Diamanten haben wir ab und zu Leute, die behaupten, es seien ihre", erzählt Center-Sprecherin Cantrell. "Die hätten sie dann natürlich gerne kostenlos zurück." Meist seien solche Sprüche nicht ernst gemeint. Doch in der Geschichte des Gepäckzentrums habe es tatsächlich schon zwei Fälle gegeben, in denen Personen in Scottsboro ihre rechtmäßigen Besitztümer wiederentdeckten. "Ein Mann hatte 2017 auf dem Rückflug von Paris seine drei Koffer verloren", so Cantrell. "Ein paar Monate später war seine Freundin durch Zufall hier. Sie hatte noch die Fotos seines teuren italienischen Maßanzugs auf dem Handy - genau der Anzug, der bei uns auf dem Bügel hing." In diesem Fall, sagt Cantrell, habe man die Kleidung zurückgegeben.

Ein Namensschild im Koffer, Fotos vom Inhalt: So bekommt man seinen Besitz leichter wieder zurück

Ein anderes Mal war ein Ehepaar von der Fluggesellschaft schon entschädigt worden, entdeckte dann aber Monate später ihre Ski-Ausrüstung im Unclaimed Baggage Center. "Sie haben sie uns wieder abgekauft, weil sie so sehr daran hingen", sagt Cantrell. Ihre Tipps für alle Reisenden: "Legen Sie immer ein Namensschild in den Koffer, fotografieren Sie Ihr Hab und Gut und notieren Sie Details und Seriennummern ihrer Geräte." Wer bei seiner Airline einen schwarzen Laptop als Verlust melde, habe schon verloren. "In den Fundbüros gibt es Hunderte, wenn nicht Tausende solcher Geräte. Sie ohne Seriennummer oder sonstige Angaben zuzuordnen, ist so gut wie unmöglich."

Die weltweiten Lockdowns und Reiseeinschränkungen haben sich derweil nur kurz auf das Warenhaus in Alabama ausgewirkt. Von März bis Mai 2020 musste das Geschäft auf behördliche Anordnung schließen. Seither hat es mit einem neuen Hygienekonzept (weniger Kunden, Abstandsregelungen, Maskenpflicht) wieder geöffnet. Wie das Unternehmen mitteilt, habe sich die Lage inzwischen stabilisiert, vor allem durch den wieder anlaufenden Inlandstourismus in den USA. Nur die Zusammensetzung der Fundstücke habe sich geändert: Ein größerer Anteil stamme mittlerweile aus Frachtflügen - Urlaubsflieger sind immer noch rar.

Was war das bizarrste Fundstück, das je im Unclaimed Baggage Center angekommen ist? "Eine Rakete", sagt Firmensprecherin Cantrell ohne zu zögern. Ausgestopfte Tiere und Bargeld-Bündel rangierten gleich dahinter. "Manchmal wünschte ich, dass diese Taschen sprechen könnten", sagt die Center-Mitarbeiterin. Sie überlegt kurz. "Am Ende ist es natürlich besser so, wie es ist. Das Mysterium gehört bei uns schließlich dazu."

Anreise: Von Deutschland aus am besten bis Atlanta (Direktflug), danach drei Stunden per Mietwagen bis Scottsboro. Das Unclaimed Baggage Center liegt an der 509 W. Willow Street, geöffnet täglich (außer sonntags). www.unclaimedbaggage.com

Unterkunft: Hampton Inn, 24747 John T. Reid Parkway, Scottsboro, DZ ab 120 Euro.

Rechtslage: Laut Montrealer Abkommen müssen Airlines für verspätetes, beschädigtes oder verloren gegangenes Gepäck haften, allerdings nur bis zu einer Summe von 1350 Euro. Für alles, was darüber hinaus geht, empfiehlt sich eine Gepäckversicherung. Der Verlust sollte sofort am Flughafen bei der Airline schriftlich gemeldet werden (Durchschlag aufbewahren!).

Ersatzkauf: Kommt das Gepäck am Zielort nicht oder verspätet an, darf Ersatzbedarf in angemessenem Umfang gekauft werden. Die Fluggesellschaft muss diese Einkäufe erstatten - Luxusartikel gehören Gerichtsurteilen zufolge nicht dazu.

© SZ/mai
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