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Seekühe in Florida:Das sind alles Muskeln

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In Crystal River ist Schnorcheln mit Seekühen ein lukratives Geschäft. Die Tiere dürfen allerdings nur berührt werden, wenn sie von sich aus auf die Menschen zukommen.

(Foto: Miami Herald/Getty)

Seekühe sehen fett aus, sind es aber nicht. Jedes Jahr treffen sich am Golf von Mexiko Freiwillige, um ein paar Hundert der Tiere aus dem Wasser zu heben - das dient der Forschung und erfreut Touristen.

Miles Saunders schlägt den Kragen seiner Allwetterjacke hoch und zieht den Reißverschluss bis oben zu. Er streift sich Handschuhe über. "Bin ich so gewohnt", erläutert Miles, "ich komme aus Buffalo, New York. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt trage ich Handschuhe." Es ist acht Uhr morgens und empfindlich kühl in Crystal River. Nicht so kalt wie Anfang Dezember im Staat New York. Dies ist schließlich Florida.

Aber nicht die Atlantikküste mit ihrem gemäßigten Klima, sondern der Nordwesten des Staats, am Golf von Mexiko. In Winternächten sinkt das Thermometer hier schon mal auf minus fünf Grad.

Miles nimmt eine Thermoskanne aus dem Kofferraum seines Geländewagens. Er verstaut sie in seinem Rucksack und schlendert auf eine Wiese. Dort haben sich an die hundert Frauen und Männer versammelt. Alle dick angezogen, in Fleece und Goretex, manche mit Wollmützen. Die meisten sind jung, Schüler und Studenten.

Mit Anfang fünfzig ist Miles Saunders hier ein Oldie. Wie alle anderen arbeitet er heute als Freiwilliger bei einem Gesundheitstest für Seekühe mit. Der findet einmal im Jahr statt, an zwei Tagen im Dezember.

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Crystal River ist eine kleine Stadt mit etwas mehr als 3000 Einwohnern. Und ein Tierschutzgebiet. Das einzige in den USA, das sich nur auf eine Tierart konzentriert, wie Miles hervorhebt: auf Seekühe. Die Westküste Floridas ist Karstgebiet. Regenwasser versickert im porösen Gestein und sprudelt später wieder hervor. An die 200 Quellen, Springs genannt, gibt es hier. Sie speisen ein weit verzweigtes System von Wasserarmen, die in den Golf von Mexiko münden. Weil die Wassertemperatur in den Springs nie unter 23 Grad sinkt, überwintern die Seekühe hier.

Ohne Neoprenanzug geht hier niemand ins Wasser. Sonst friert man beim Streicheln

In der Mitte der Wiese steht ein Lastwagen. Ein weißhaariger Mann klettert auf die Ladefläche. Bob Bonde ist Biologe und ein Veteran in der Erforschung von Seekühen. Besser gesagt: der Veteran.

Als erster Wissenschaftler überhaupt hat er sich vor mehr als 40 Jahren auf Seekühe spezialisiert. Seit 2006 organisiert Bob Bonde die Gesundheitstests in Crystal River. Anfangs mit einem Dutzend Biologiestudenten, die er an seinem Lehrstuhl an der University of Florida in Gainesville rekrutiert hatte. Heute ist die Anzahl der Freiwilligen für jeden der beiden Tage auf 100 begrenzt.

An die 300 Tiere werden sie fangen - 300 von insgesamt vielleicht 1000, die in Crystal River überwintern. "Damit können wir repräsentative Aussagen zur Gesundheit, zur Fitness und zum allgemeinen Zustand der Tiere machen", sagt Bonde.

"Anfangs wusste niemand, wie man eine Seekuh fängt"

Miles Saunders ist den Fängern zugeteilt. Er legt die Schwimmweste an, das ist Vorschrift. Andere Helfer schlüpfen in Neoprenanzüge. Mit dem Kahn geht es hinaus in die King's Bay, einen Wasserarm von den Ausmaßen eines Fjordes. Zu beiden Seiten des Ufers Villen, mal bescheidener, meist nicht. Auf einer Brücke stehen Späher - sie halten Ausschau nach Seekühen und dirigieren die Boote. Von oben sind die grauen Körper der Tiere im kristallklaren Wasser weithin zu sehen.

"Netz auswerfen!", kommandiert der Kapitän. Miles und seine Mitstreiter gehen in Position. Ausgewachsene Seekühe wiegen mehr als 700 Kilogramm. Es braucht ein Dutzend Helfer, um ein Tier an Bord zu hieven. "Anfangs wusste niemand, wie man eine Seekuh fängt", sagt Miles. "wir mussten uns das alles selbst beibringen. Hat eine Weile gedauert, bis wir's raushatten, aber jetzt wissen wir, was zu tun ist."

Die erste Seekuh ist im Netz. Die Helfer ziehen es immer enger, während Miles eine riesige Isoliermatte auf dem Boden des Bootes ausbreitet. Der Skipper senkt die Ladeklappe ab - und die Helfer ziehen die Seekuh an Bord. Sofort wickelt Miles sie in die Isoliermatte ein; Temperaturen unter 20 Grad vertragen die Tiere nicht.

Nur die Nase mit den Barthaaren lugt aus der Verpackung heraus. Ruhig liegt die Seekuh da, kein Anflug von Panik. Normal, findet Miles: "Die Seekühe kommen oft mit der Flut irgendwohin, bei Ebbe aber nicht mehr weg. Sie warten dann einfach auf die nächste Flut. Außerdem wurden sie nie gejagt, sehen uns also nicht als Bedrohung." Der Skipper wendet und steuert das Boot um eine Landzunge zu einem schmalen Strand. Darauf zwei Zelte. Dort finden die Untersuchungen statt, während das Boot der Fänger mit Saunders an Bord wieder ablegt.

Bob Bonde schaut vorbei. Früher hat er die Untersuchungen selbst vorgenommen, heute koordiniert er sie nur noch. "Ein Jungtier", sagt er mit Kennermiene, "vier, fünf Jahre alt. Die meisten haben Narben von Kollisionen mit Booten, dieses nicht. "Solche Unfälle werden von Jahr zu Jahr mehr, weil hier immer mehr Boote zugelassen werden." Andererseits wächst der Bestand. Man schätzt, dass an Floridas Küsten 7000 Seekühe leben, allein 1000 kommen zum Überwintern nach Crystal River.

Eine Helferin vermisst die Seekuh: Körpergröße, die Länge der Schwanz- und Armflossen, den Umfang des Kopfes. Eine andere nimmt Blut ab, eine dritte reicht die leeren Röhrchen an und nimmt volle in Empfang. Haut- und Gewebeproben werden genommen, Schläuche in Nase und Anus eingeführt. Jeder Handgriff sitzt, alles ist koordiniert.

Probleme mit Inzucht? Nicht in Crystal River

"Wie in der Notaufnahme im Krankenhaus", scherzt Bob Bonde. Per Ultraschall wird untersucht, ob die Seekuh innere Verletzungen hat. Ein Chip wird eingepflanzt, um das Tier später identifizieren zu können. "Außerdem machen wir DNA-Tests, um zu erfahren, welche Tiere miteinander verwandt sind und ob es Probleme mit Inzucht gibt."

Die gibt es nicht, jedenfalls nicht in Crystal River. Gott sei Dank, sagt Bob Bonde. Er schaltet sein Tablet an und ruft die Ergebnisse dieser Untersuchung auf, so weit sie bisher vorliegen. "Diese Seekuh ist in exzellenter Verfassung. Gut genährt, wie alle, die wir bislang untersucht haben. Wir sehen, dass die jungen Seekühe sich gut entwickeln. Das sind Ergebnisse, wie wir sie uns wünschen."

An einer Seilwinde wird das Tier gewogen. 886 amerikanische Pfund, etwas mehr als 400 Kilogramm. Damit ist sie ein Leichtgewicht. Vergleichsweise. Vor ein paar Jahren haben die Forscher um Bob Bonde ein Gerippe gefunden. Und am Computer das Gewicht des Tieres berechnet: Es muss anderthalb Tonnen gewogen haben.