Kolumne "Ende der Reise":Den Winter ehren

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Kolumne "Ende der Reise": Wilde Gesellen: Die Buschos in der ungarischen Stadt Mohács wollen den Winter austreiben und in die Donau werfen. Fragt sich nur: welchen Winter?

Wilde Gesellen: Die Buschos in der ungarischen Stadt Mohács wollen den Winter austreiben und in die Donau werfen. Fragt sich nur: welchen Winter?

(Foto: imago stock&people/ZUMA Press)

Viele Faschingsbräuche wollen den Winter vertreiben. Dabei ist der heute meist so schwachbrüstig, dass man ihn eigentlich herbeiwünschen müsste. Ein neues Szenario.

Glosse von Hans Gasser

Der Winter ist auch nicht mehr, was er einmal war. Bis auf ein paar Stürme bringt er im Flachland nichts mehr zuwege. Schnee fällt nur noch ab 1500 Meter, und im Tal ist es so mild, dass schon Anfang Februar die Bienen ausschwärmen, um sich an Krokussen und anderen Blumen gütlich zu tun.

Nun ist der Winter das eine, die unvermeidlich mit ihm verknüpften Winterbräuche aber das andere. Obwohl Ersterer ausbleibt oder zumindest in samtenem Kleid daherkommt, beruhen die meisten Faschingsbräuche darauf, den Winter zu vertreiben. Von der Schweiz bis nach Ungarn ziehen in Fell gewandete Gestalten mit schreckenerregenden, gehörnten Masken durch die Dörfer, um den garstigen Gevatter zu verjagen, oft wird er symbolisch als Strohpuppe verbrannt.

In Mohács wird der Winter gleich zwei Mal beerdigt. Hat er das verdient?

Ungeachtet des Klimawandels wirbt derzeit etwa die ungarische Stadt Mohács wieder mit ihrem sechstägigen Winteraustreibungs- Fasching, zu dem Zehntausende Besucher erwartet werden. Bei der 2009 von der Unesco zum immateriellen Welterbe ernannten Veranstaltung ziehen die sogenannten Buschos, also besagte Fellgestalten, in großer Zahl durch die Stadt, um den Winter gehörig zu erschrecken. Begleitet werden sie von maskierten Frauen in traditioneller Tracht, sowie in Lumpen gekleideten Figuren, den Jankelen. Sie werfen mit Mehl und Asche und halten den Buschos all zu neugierige Kinder vom Leib. Das Ganze gipfelt darin, dass am Faschingssonntag ein Sarg mit dem symbolischen Winter in die Donau geworfen wird und, um ganz sicherzugehen, wird am Faschingsdienstag nochmals ein Sarg mit dem Winter verbrannt. Zweimal umbringen hält besser.

Jetzt muss man sich natürlich fragen, ob solche schönen Bräuche angesichts schwächelnder Winter nicht im Sinne lebendigen Brauchtums fortentwickelt werden sollten. Welchen Sinn macht es, den Winter in die Donau zu werfen, wenn man ihn eigentlich wieder zum Leben erwecken müsste, weil die Erderwärmung ja zum Wohle aller gestoppt werden muss? So, wie man schon vor Jahren in Fiesch in der Schweiz beim Papst erfolgreich um Genehmigung gebeten hat, künftig bei einer Bittprozession für das Wachsen der Gletscher beten zu dürfen, statt, wie Jahrhunderte lang, für ihr Abschmelzen.

So ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis die erfindungsreichen und feierlustigen Mohácser künftig den Sarg aus der Donau auffahren lassen, und heraus käme eine Art bärtiges Väterchen Frost, der dann auf dem Hauptplatz bejubelt wird, unter Darbringung jeder Menge Speise- und sonstigem Eis. Die Unesco wird bestimmt nichts dagegen haben.

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