E-Mobilität:Aufgeschmissen in den Bergen

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E-Mobilität: Zwischen Hotel und Skipiste: Auf der Suche nach der nächsten Ladestelle.

Zwischen Hotel und Skipiste: Auf der Suche nach der nächsten Ladestelle.

(Foto: Polestar)

Ski fahren und währenddessen das E-Auto laden? Das klappt nicht überall. Ein Projekt im Wintersportgebiet Silvretta Montafon soll zeigen, wie es geht.

Von Joachim Becker

Neulich an einer Bergbahn in Vorarlberg. Wohin das Navigationssystem einen eben führt, wenn man gerade Strom für sein E-Auto braucht. Möglichst viel Strom in kurzer Zeit, man will bis zur Rückfahrt ja nicht ewig warten. Die Echtzeit-Anzeige des Testwagens besteht darauf, dass im Halbdunkel des Hinterhofs ein freier Ladeplatz mit immerhin 22 kW Leistung stehen müsse. Genug, um ein ausgepowertes E-Auto in wenigen Stunden komplett aufzutanken. Zu sehen sind zunächst aber nur Unimog-Utensilien zum Schneeräumen, ein Haufen Ballaststeine und die Dorfjugend auf dem Rückweg vom Fußballplatz. Erste Frage: "Was kostet der?" Zweite Frage: "Braucht man für den jetzt neue Kernkraftwerke?"

Zugegeben: In der Bergkulisse mit alten Holzhäusern wirkt der Mercedes EQS wie ein Raumschiff. Ein glatt geschliffenes Ufo mit einer kühnen Vision: vollelektrisch in den Urlaub fahren, schnell und bequem mit einer großen Batterie. Doch der Traum vom lokal emissionsfreien Langstreckenfahrzeug hat einige Haken: Die Autos sind teuer, die Umweltbilanz wird mit zunehmender Batteriegröße immer schlechter, und der Energiebedarf lässt sich nicht so einfach stillen, zumindest nicht mit der aktuell weit verbreiteten Ladeinfrastruktur.

"Sie können hier nicht stehen, weil es keine Beleuchtung gibt", mault der herbeigeeilte Parkplatzwächter, "wer haftet, wenn nachts etwas passiert?" Mit einem missmutigen Blick auf den Mercedes fügt er hinzu: "So ein teures Auto, aber ein Parkticket haben Sie nicht." Dass der Eindringling mit seiner Ladekarte natürlich für den Strom bezahlen will, ist nicht weiter von Interesse: "Davon können wir uns auch keine neue Bergbahn leisten, den Profit macht bloß das Elektrizitätswerk."

In den Bergen verteilen Kommunen, Hoteliers, Energieversorger und Bergbahnbetreiber unkoordiniert langsame Ladestellen übers Land

Ist das nur eine weitere E-Episode - oder symptomatisch für die Infrastruktur im ländlich geprägten Alpenraum? Während an Autobahntankstellen und großen Passstraßen in rascher Folge neue Schnelllader entstehen, sind die Netzdichte und vor allem die Ladeleistung auf den Nebenstrecken eher gering. In Österreich sind zwar mehr als 100 000 E-Pkws unterwegs, aber in den Bergen verteilen Kommunen, Hoteliers, Energieversorger und Bergbahnbetreiber weitgehend unkoordiniert einzelne zumeist eher langsame Ladestellen übers Land.

Meistens mangelt es an einer klaren Vision und/oder Investorengeldern für größere Ladeparks mit genügend Anschlussleistung. Wer als Tagestourist zum Wandern oder Skifahren in die Berge fährt, sollte bei Bedarf zwischenladen und nicht mit der letzten Batteriereserve ankommen. Denn die Ladeplätze an den Hotels sind meist für die Hausgäste reserviert, und an vermeintlich freien Ladestellen ist man nicht immer vor Überraschungen gefeit - siehe oben.

Eine Ausnahme ist der neue Silvretta Park Montafon an der Talstation der Valisera-Bahn in St. Gallenkirch mit 35 Ladeplätzen in der Tiefgarage, perspektivisch können weitere der 592 Stellplätze umgerüstet werden. Hinzu kommen 15 öffentlich zugängliche Ladestationen inklusive zweier Schnelllader mit jeweils 150 kW. In Vorarlberg gibt es genügend Wasserkraft für eine klimaneutrale Stromversorgung, der Ausbau der Photovoltaik auf den Dächern der Liftstationen liefert zusätzlichen Ökostrom. "Wir sind Vorreiter mit der größten Ladegarage überhaupt in einem Skigebiet", stellt Peter Marko selbstbewusst fest: "Wir gehen davon aus, dass in zwei bis drei Jahren mehr als die Hälfte unserer Kunden mit Elektroautos zu uns kommen werden", so der Geschäftsführer der Silvretta Montafon Holding.

Das Buchungssystem erkennt das Nummernschild und weist dem Auto den Weg zum reservierten Ladeplatz

Schnell, bequem und umweltfreundlich auf die Piste, lautet das Versprechen. Die Gäste erwartet neben den Ladeplätzen auch eine nagelneue Umlaufbahn mit Zehner-Kabinen und ein Online-Buchungssystem, das das Nummernschild des Kundenfahrzeugs automatisch erkennt und den Weg zum reservierten Ladeplatz freigibt. Attraktiv wirkt auch der Ganztagespreis. Inklusive AC-Ladestrom mit bis zu 22 kW Leistung kostet der Parkplatz aktuell 25 Euro, Skipässe gehen extra. Wer mit fast leerer Batterie vorfährt, bekommt das Parken nahezu umsonst: Billiger ist das Volltanken an vielen Schnellladern entlang der Autobahnen auch nicht.

Ein Publikumsmagnet ist die neue Silvretta-Anlage jetzt schon für die Abgesandten aus anderen Skigebieten. "Wir hatten im ersten Jahr 68 Delegationen aus dem gesamten Alpenraum hier", erzählt Peter Marko: Das ganze Nachhaltigkeitskonzept, das auch ein dichtes Netz von Skibussen und eine Mitfahrplattform für jüngere Leute umfasse, sei noch längst kein Standard in den Alpen. "Wie man zur Skipiste kommt, das ist der wichtigste Teil des CO₂-Fußabdrucks beim Skifahren. Darauf versuchen wir Einfluss zu nehmen", so Marko. Also alles im grünen Bereich?

Die E-Offensive ist nicht zuletzt ein schickes Marketing-Instrument. Man will die solvente Klientel gezielt ansprechen, die sich neben dem Skifahren auch ein modernes Elektroauto leisten kann. Zum Einzugsgebiet von Vorarlberg gehören neben Baden-Württemberg und Bayern auch die deutschsprachige Schweiz, nur 20 Prozent der Ski-Gäste kommen aus Österreich. Insgesamt haben die neuen Bergbahnen im Skigebiet Silvretta Montafon mehr als 70 Millionen Euro gekostet. Der Ausbau der Ladeinfrastruktur für 1,3 Millionen Euro fällt da kaum ins Gewicht - wenn es zur Auslastung der Skilifte beiträgt.

"Wir haben von Jahr zu Jahr mehr direkte Buskooperationen mit Städten in Deutschland", sagt Peter Marko. Aber eine große Zahl der (Tages-)Touristen komme weiterhin mit dem Auto, weil es halt bequemer sei. Ausgebucht war die sogenannte "Moon Lounge" mit 35 Ladeplätzen bislang noch nicht. Deshalb warten viele Ski-Destinationen noch ab, wie es bei der Antriebswende weitergeht.

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