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Tren Crucero in Ecuador:Im Teufelszug

Tren Crucero - PR Material für Reise SE01  23.10.2014

Am schwierigsten Teilstück, der Teufelsnase, fährt der Zug im Zickzack den Hang hinunter - erst vorwärts, dann rückwärts.

(Foto: Tren Ecuador)

Der Tren Crucero fährt von Ecuadors Hauptstadt Quito bis hinunter an die Pazifikküste - auf einer der aussichtsreichsten und schwierigsten Bahnstrecken der Welt.

Bei der Landung in Quito haben die Passagiere aus Ecuador geklatscht, und jetzt auf dem Land winken die Leute sogar den Menschen im Zug zu. Wirklich alle winken: die Mutter vor der Wäscheleine, die Kinder auf dem Fußballplatz, und - nur etwas verhaltener - auch der Motorradfahrer an der Ampel. Als ob eine Landung oder ein Zug in Ecuador noch eine technische Sensation wären.

Der Zug ist es tatsächlich. Die Strecke von Quito, der Hauptstadt Ecuadors hoch oben in den Anden, bis hinunter nach Guayaquil am Pazifik gilt als schwierigste der Welt. Vier Tage dauert die Reise. Erst seit eineinhalb Jahren wird die Strecke wieder regelmäßig befahren.

Aber wie peinlich: Die Lokomotive gibt am Berg ihren Geist auf, es könnte nicht schlimmer kommen für die Zugbegleiter. Sie schämen sich vor den Passagieren in Grund und Boden. Isabel Caisaguano, die Reiseleiterin, verspricht Wein und Bier gratis für den Abend.

Die feuerrote Dampflok wurde erst im letzten Bahnhof vor den Tren Crucero, den Kreuzfahrtzug, gekoppelt, man will den Gästen damit auf einem Teil der Strecke etwas Nostalgie bieten. Aber kaum eine halbe Stunde später ist die Lok einfach stehen geblieben. Auf dem Weg zum höchsten Punkt auf 3600 Metern Höhe ist die beinahe hundert Jahre alte amerikanische Mogul 2-6-0 zu heiß geworden. Die Leute auf der Straße neben den Gleisen winken, bis sie merken, dass die Lok nicht absichtlich hält. "Mitten im Nirgendwo", sagt eine Amerikanerin leicht beunruhigt. Immerhin ein Nirgendwo mit frisch gepressten Fruchtsäften aus der Bar in Waggon drei.

Ecuador
(Foto: SZ Grafik)

Der Zug mit den vier Waggons muss zurückrollen, 200 Höhenmeter die Anden hinab. Im Bahnhof von Ambato wird wieder die Diesellok vorgespannt, die den Zug den größten Teil der Strecke zieht. Die ist nicht ganz so fotogen, aber sie schafft es den Berg hinauf. Die Zugpassagiere steigen in den Bus, der dem Zug seit Quito folgt. Der Tren Crucero ist langsam, 20 Kilometer pro Stunde macht er im Schnitt. Er und einige Brücken auf der Strecke sind zu schwach, um sämtliches Gepäck von 54 Passagieren zu tragen. Trifft sich gut, dass der Bus mit dem Gepäck in der Nähe war.

Von Beginn an lag ein Fluch auf der Verbindung. Die Strecke von Quito nach Guayaquil ist knapp 450 Kilometer lang. Quito liegt 2800 Meter hoch, unmittelbar unter dem Äquator. Eine Stadt mit vier Jahreszeiten an jedem Tag, was kühle Nächte und heiße Mittagssonne bedeutet. Guayaquil am Pazifik ist mit 2,5 Millionen Einwohnern etwas größer als Quito. Das Temperament soll hitziger sein, die Armut größer. Der Zug sollte das kühle Hochland mit der heißen Küste verbinden, damit Obst und Getreide aus den Bergen leichter verschifft werden konnten. Es dauerte 35 Jahre, bis die Strecke Anfang des 20. Jahrhunderts fertiggestellt wurde.

Nachdem die Diesellok angekoppelt worden ist, fährt der Tren Crucero nun seinem schwierigsten Teilstück entgegen, der Teufelsnase. Man kann sie aus großer Entfernung in der riesigen Felswand erkennen. Sie schien unüberwindbar zu sein, bis ein amerikanischer Ingenieur die ungewöhnliche Idee hatte, den Zug im Zickzack die Felswand herunterfahren zu lassen, mit zwei Spitzkehren: Aus der ersten fährt er rückwärts heraus, erst nach der zweiten fährt er wieder mit der Lok am Anfang des Zugs weiter. 400 Meter Höhenunterschied überwindet der Tren Crucero so auf nur etwa drei Kilometern Strecke, es sind die letzten Meter der auslaufenden Anden vor einer langen Ebene mit Reisfeldern, Bananen- und Kakaoplantagen. Von oben lassen die sich im Nebel nur erahnen.

Der Bus braucht zehn Stunden für die Strecke. Der Zug schafft es in gemütlichen vier Tagen

4000 Arbeiter aus Jamaika und Puerto Rico haben die Teufelsnase 1908 in den Felsen gehauen, allesamt schlecht bezahlt für den gefährlichen Job. Mindestens 2500 von ihnen sind beim Bau ums Leben gekommen, beim Sprengen der Trasse in den Fels, durch Erdrutsche, Malaria, Gelbfieber oder Schlangenbisse. Erdrutsche waren auch der Grund, warum der Staat Ecuador die Gleise jedes Jahr aufs Neue befestigen musste. Teilstrecken blieben gesperrt, wenn wieder Geld fehlte. 1980 stellte die Bahn den Verkehr zwischen Hauptstadt und Küste ein. Mit den Lastwagen und Bussen auf der neuen Straßenverbindung konnte die Bahn nicht mehr mithalten. Ende der neunziger Jahre kippte auch noch ein Zug um. Nur wenige Teilstrecken blieben geöffnet. Lange durfte man während der aufregenden Fahrt auf dem Dach sitzen. Das wurde 2007 verboten, als zwei Japaner durch herabhängende Elektrokabel stranguliert wurden. Der Zug war jahrzehntelang ein einziges Desaster.

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Atemlos am Rand des Abgrunds

Dennoch begann die Regierung unter Rafael Correa im Jahr 2008, die Prestigestrecke abermals zu renovieren. 235 Millionen Euro hat man in 500 Kilometer neue Gleise, vier neue Waggons und 30 Bahnhöfe investiert. Seit 2013 fährt der Tren Crucero wieder. Für das Fremdenverkehrsamt hat sich das schon gelohnt: Bei den World Travel Awards 2013 wurde der Zug als bestes Tourismusprodukt außerhalb Europas ausgezeichnet.

Der Bus braucht nur zehn Stunden für die Strecke von Quito nach Guayaquil, der Zug schafft es in gemütlichen vier Tagen und drei Nächten. Es gibt keine Schlafwagen, man übernachtet in Haciendas. Abends bringt der Bus die Passagiere vom Bahnhof in diese alten Landhäuser.