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Quarantänehotel in Neuseeland:"Ein bisschen wie im Gefängnis"

Regina Speer musste bei der Einreise nach Neuseeland zwei Wochen ins Isolationshotel - und lernte Hofgang und andere Kleinigkeiten zu schätzen.

Interview von Katja Schnitzler

Die freiberufliche Kommunikations- und Grafikdesignerin Regina Speer ist in Bayern aufgewachsen, verliebte sich aber während ihres Auslandsstudiums, und zwar in ihr Ziel: Neuseeland. Nachdem sie sich erst von Visum zu Visum hangeln musste, bekam sie vor drei Jahren den "resident"-Status. Nur deshalb darf sie derzeit nach Neuseeland einreisen, Touristen müssen wegen der Coronakrise noch draußen bleiben. Weil ihr Bruder spontan heiratete, flog Regina Speer nach Deutschland und musste daher vor ihrer Rückkehr nach Christchurch zwei Wochen in einem Isolationshotel in Auckland verbringen: mit Coronatests am dritten und zwölften Tag - und Wachen an Vorder- und Hinterausgang.

SZ: Die Quarantäne-Hotels in Neuseeland werden den Einreisenden zugeteilt. Welches Los hatten Sie gezogen: Fünf-Sterne-Luxus oder Drei-Sterne-man-kann-darin-schlafen-wenn-man-Backpacker-ist?

Regina Speer: Ich hatte leider nicht viel Losglück und war in einem Drei-Sterne-Hotel in Auckland direkt neben dem Highway. Da war es rund um die Uhr immer schön laut.

Es kommt ja auch auf die inneren Werte an. Konnte das Zimmer die Lärmkulisse aufwiegen?

Das war nicht schlecht, und als Alleinreisende hatte ich es für mich, also die ganzen 16 Quadratmeter. Mit Wasserkocher und Minibar, die leer war. Darin konnte ich immerhin kleine Bestellungen vom Supermarkt verstauen. Und auf dem Teppich meine Yogamatte ausrollen, dafür reichte der Platz.

Hat wenigstens das Essen die Tage bereichert?

Das war leider meist etwas fragwürdig und fast immer frittiert. Wenn etwas gut geschmeckt hat, habe ich ein Dankeschön auf die Tüten geschrieben, in denen das Essen vor die Zimmertüren gestellt wurde. Wer eine größere Auswahl wollte als "vegetarisch" oder "mit Fleisch", bestellte über eine App oder ließ sich etwas vom Supermarkt liefern - nur an Alkohol kam man so nicht, das war verboten.

Hat sich da ein Schwarzmarkt im Hotel entwickelt, wie zu Prohibitionszeiten?

Alkohol war nicht ganz verboten, aber er durfte nur über das Hotel gekauft werden und nur limitiert: entweder vier Bier oder eine Flasche Wein, beide Optionen für 20 Neuseeland-Dollar. Aber den meisten Menschen reicht ja eine Flasche Wein am Tag.

Zwei Wochen im selben Raum - wie viele Kacheln hatte Ihr Bad?

Die habe ich nicht gezählt, so verzweifelt war ich nicht. Auch weil ich nach einer sehr schönen Zeit in Deutschland mit voll aufgeladenen emotionalen Batterien wieder einreiste - und vorher freiwillig abgereist war. Andere kamen aber ins Land, weil sie kranke Verwandte pflegen müssen oder wegen eines Todesfalls. Denen setzten die Isolation und der Dauerlärm bestimmt stark zu.

Wie haben Sie die Tage herumgebracht?

Ich habe mir bewusst einen möglichst normalen Rhythmus vorgegeben. Morgens habe ich meditiert und Yoga gemacht, dann wurde geklopft und angerufen, dass das Frühstück vor der Tür steht. Ich war im fünften Stock, da wurde später geliefert. Die Leute im Erdgeschoss haben irgendwann ihr Telefon ausgesteckt, um morgens nicht so früh geweckt zu werden. Täglich kam eine Krankenschwester, um Symptome abzufragen wie Schnupfen oder Halskratzen, außerdem hat sie Fieber gemessen.

Dann habe ich gearbeitet, für Kunden oder an meiner Webseite. Und da ich es hasse, allein im Stillen zu essen, lief mittags und abends der Fernseher. Später haben sich meistens die Familie oder Freunde gemeldet. Die kamen auch manchmal zum Zaun und haben mir frisches Obst und Gemüse durchgereicht.

Sie durften also auch mal nach draußen?

Natürlich nur symptomfrei und immer mit Atemmaske. Gespräche auf dem Flur waren verboten, da konnte der Zwei-Meter-Abstand nicht eingehalten werden. Der graue Flurteppich war übrigens so hässlich mit diesen seltsamen Blumen, die sich vom Rand her zur Mitte schieben, den werde ich nie vergessen. Von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends durften wir raus auf den Parkplatz, mussten aber am Eingang die Zimmernummer angeben. Ein bisschen wie im Gefängnis, man war schon sehr auf seine Nummer reduziert.

Und Sie waren Nummer ...?

Five-one-four.

Was haben Sie auf dem Parkplatz gemacht?

Gelesen. Und meine zehntausend Schritte am Tag gegangen, immer rundherum am Zaun entlang, in einem Zug von Leuten, die mit zwei Metern Abstand im Kreis gelaufen sind. Ich habe es nachgerechnet, es waren bestimmt 108 149 Schritte. Ein wenig wie beim Freigang im Knast.

Aber dann konnten Sie wenigstens mal mit anderen Menschen reden?

Die meisten blieben eher für sich, denn Smalltalk hat nicht so viel Spaß gemacht. Die Sicherheitsbeamten haben ihren Job sehr ernst genommen und uns die ganze Zeit angestarrt, damit wir uns im Gespräch ja nicht zu nah kommen. Eine Mutter hat für ihren siebenjährigen Sohn aus Plastiktüten und Klebeband Bälle gemacht, dass sie wenigstens ein bisschen kicken konnten. Und eine junge Neuseeländerin, die von ihrem Au-pair-Jahr in Italien zurückgekehrt war, kam an bunte Straßenkreide und hat gegen das Parkplatz-Grau angemalt.

Das heißt, Ihre Welt bestand für zwei Wochen nur aus Zimmer, Flur und Parkplatz?

Ja, immerhin, in Australien darf man gar nicht raus aus dem Quarantänehotel. Es wurden auch "walks" angeboten: Begleitet von zwei oder drei Wachleuten durfte eine Gruppe nach draußen. Daran habe ich aber nur einmal teilgenommen.

Warum?

Weil das Ziel ein anderer Parkplatz neben dem Highway war, nur etwas größer. Das war vielleicht für Jogger interessant, aber ich wollte lieber reingehen können, wann ich wollte, ohne auf das Ende des "walks" warten zu müssen. Die kleinen Freiheiten waren sowieso schon so beschnitten, das fällt erst in so einer Situation auf - ich bin jetzt sehr dankbar für Kleinigkeiten. Etwa auswählen zu können, was ich essen möchte - oder was ich vermeiden will: Bei den Essenslieferungen wurde Unmengen Plastikmüll produziert. Ich habe ein paar Tage lang genervt, dann bekam ich zwei Porzellanteller und normales Besteck. An der Rezeption hatten sie erst behauptet, sie hätten so etwas nicht. In einem Hotel. Natürlich ist das Meckern auf hohem Niveau, Menschen im Lockdown etwa in Spanien durften ja gar nicht raus - und das viel länger.

So einsichtig sind nicht alle: Neuseeländische Medien berichten immer wieder davon, dass jemand aus der Quarantäne fliehen wollte. Kam das auch in Ihrem Hotel vor?

Nein, nicht solange ich dort war. Aber ein Mann machte sich einen Spaß daraus, bei den geführten Spaziergängen am Tor plötzlich Gas zu geben. Und die Sicherheitsleute mussten hinterher sprinten.

© SZ/ihe
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