Café Zifferblatt in Moskau Ein Treffen, ganz in Ruhe? Exotisch in Moskau

Er trifft sich mit seinem Mitstudenten Anatolij und füllt nun schon den fünften Teebeutel in eine Schale. Zwischen zwei Veranstaltungen an der Uni hat er ein paar Stunden frei, aber allein drei Stunden bräuchte er, um nach Hause zu fahren und wieder zurück. Lewon ist deshalb fast jeden zweiten Tag hier, nimmt sich am liebsten Girej, die kleine Gipsuhr, und liest in seinem E-Book, schreibt Mails, unterhält sich, isst Kekse, trinkt Tee. "Hier kann ich entspannen, ohne gedrängt zu werden, wie das in Moskau üblich ist, sobald die Tasse leer ist", sagt er. Es ist 12.15 Uhr, er ist anderthalb Stunden hier und bezahlt jetzt 150 Rubel. Denn er hat eine Stammgast-Karte und bekommt die zweite Stunde für einen Rubel.

Maria, die bei einer Moskauer Medienfirma angestellt ist, hat gerade an einem Ecktisch einer Frau eine ganze Stunde lang eine private Zeichenstunde gegeben. Jetzt klappt sie den Laptop auf und fängt an zu arbeiten. "Niemand stört", sagt sie und meint die Bedienung, die es im Zifferblatt nicht gibt. "Und hier zu arbeiten, mitten im Zentrum, spart auch noch Zeit."

Zeit sparen in Moskau. Die Menschen versuchen das immer wieder. Die in ihrer Länge und Breite monströsen Straßen, die gewaltigen Häuserblocks, die sich oft mehr als 100 Meter hinziehen, sie verführen dazu, zu beschleunigen. Man erinnert sich an die Geschichte "Momo", in der Beppo Straßenkehrer dem Kind von der langen Straße erzählt, die niemals zu enden scheint, weshalb die Menschen sich beeilen, weil sie kein Fortkommen spüren. Und sie beeilen sich immer mehr, werden schneller, schneller und merken, längst außer Atem, doch noch immer keine Veränderung. So ist das oft auch in der größten Stadt Europas.

Wo Autofahrer rechts wie links überholen, wo die Menschen vor der Metro-Rolltreppe um jeden Zentimeter wetteifern, wo die Fußgänger instinktiv Tempo aufnehmen, wenn sich die Chance bietet, und dann gehen, schleunigen Schrittes, wie die Fußgänger in New York.

Das Prinzip des Zifferblatt hat seine Anhänger und seine Nachahmer. Es gibt bereits eine Reihe sogenannter Anti-Cafés, die ebenfalls in Minuten und in Stunden abrechnen. Aber Iwan Mitin war der Erste. Er bittet zum Gespräch an einen anderen Ort in Moskau, also muss der kantige Timofej jetzt zurück in den Schrank. An der Pinnwand hängen nun 19 Zettel, mit einem oder mehreren Namen.

Der Weg führt in die Nachbarschaft des zweiten Moskauer Zifferblatt-Cafés, eigentlich nur zwei Metrostationen entfernt. Und doch eine Dreiviertelstunde. Es geht durch einen Innenhof, eine eiserne Wendeltreppe hinauf in einen Raum, der an eine unaufgeräumte Studentenbude der Sechzigerjahre erinnert. Eine Gitarre steht zwischen Kartons, auf dem Boden liegen Schlappen, es gibt eine Couch mit sehr viel Patina, einen verschlissenen runden Holztisch und ein altes, hellbraunes Klavier.

Die Wohnungen sind klein und eng, es fehlen neutrale Treffpunkte

Mitin, 28, das hellbraune Haar sorgsam gescheitelt und Pistazien knabbernd, ist gerade aus London zurückgekehrt, wo er ebenfalls ein Café eröffnen will. Aber hier, in diesem Raum, hat vor drei Jahren alles angefangen. Er hat Freunde in diesen Raum gebeten, dann Nachbarn, Bekannte, die wiederum ihre Freunde mitbrachten. Es gab nichts, nur Stühle, Tische, dieses Zimmer, in dem er doch ein wertvolles Gut sah: einen neutralen, öffentlichen Raum, in dem sich Menschen treffen. In Moskau, wo die Familien von der Oma bis zum Enkel oft beengt in einer kleinen Wohnung zusammen leben, ist das schon was.

Mitin stellte einen Koffer an die Wand, die Gäste warfen so viel Geld rein, wie sie wollten. "Es wurden immer mehr, jeden Tag kamen 50 Leute, und schnell wurde der Raum zu einem Café", sagt er. Ein Jahr später eröffnete er nebenan das erste Zifferblatt.

"Die Menschen zog es schon immer an einen gemeinschaftlichen Ort, an dem sie ihre Zeit verbringen", sagt er, "und ich sage es ganz offen, ich verkaufe ihnen keine Getränke. Ich verkaufe ihnen Zeit. Die Menschen wollen nicht alle zehn Minuten gefragt werden, ob sie noch was wollen. Sie wollen Zeit miteinander verbringen. Kaffee, Tee, Gebäck gibt es dann dazu."

Irgendwie klingt Mitin wie ein verträumter Student, der mitten im Moskauer Ellbogen-Milieu eine Nische für seine Sozialexperimente sucht. Er hat sich vergeblich als Maler, als Literat und Musiker versucht und er sagt selber, er wolle kein Business. Immerhin legt er Wert auf den Grundsatz der Ökonomie, dass er mehr einnimmt als ausgibt. Das sagt er jedenfalls und er gibt auch zu, dass er für die Eröffnung seiner Cafés auch "Partner" hatte, die mit angeschoben haben.

Aber nun: Zwei Zifferblätter in Moskau, weitere in St. Petersburg, Rostow, Kasan und der Ukraine. Vielleicht funktioniert sein Konzept auch nicht in Berlin oder London, wie er es sich erhofft.

Sondern vor allem in Russland. Die Zeit wird es ihm zeigen.

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