Museum in Belgien Ja, das ist Kunst - und man kann darin schlafen

Der orangefarbene Dickdarm "CasAnus" ist eine Skulptur des niederländischen Künstlers Joep van Lieshout.

(Foto: Verbeke Foundation)

In der Verbeke-Stiftung nahe Antwerpen können Museumsbesucher in Kunstwerken übernachten. Zu feinfühlig sollten sie allerdings nicht sein.

Von Jacqueline Lang

Es ist angenehm warm im Darm, zumindest wenn erst einmal die Heizung läuft. Und hat man sich daran gewöhnt, die Nacht in einem riesigen Organ zu verbringen, ist es auch nicht mehr weiter befremdlich, dass es zwar Fenster, aber keine Vorhänge gibt. Von drinnen geben die Fenster den Blick auf wild wuchernde Natur frei, von draußen können neugierige Besucher reinschauen. Sie sehen: ein Doppelbett, einen Tisch mit zwei Stühlen, eine Toilette und eine Dusche. Wer vergisst abzuschließen, dem kann es passieren, dass ein Besucher nicht nur die Nase gegen die Scheibe drückt, sondern plötzlich neben dem Bett steht - zumindest bis 18 Uhr. Dann schließt das Museum, und von da an können nur noch die Enten auf dem nahe gelegenen See die nächtliche Ruhe stören.

Der überlebensgroße Dickdarm, der den vielsagenden Titel "CasAnus" trägt, ist ein Werk des niederländischen Künstlers Joep van Lieshout und steht auf dem Areal der Verbeke Foundation. Dessen Gesamtfläche umfasst zwölf Hektar Wald und Wiese sowie 20 000 Quadratmeter Lagerhallen und Gewächshäuser. Das "CasAnus" ist eines von insgesamt drei Kunstwerken, in denen man auf dem Gelände übernachten kann. Kunst, die nicht nur zum andächtigen Betrachten, sondern auch zum Anfassen, ja sogar zum Darinschlafen gedacht ist.

Das "Blob vb3", ein ei-förmiges Gebilde, ist eine von drei Übernachtungsmöglichkeiten auf dem Gelände der Verbeke-Stiftung.

(Foto: Verbeke Foundation)

Die Verbeke-Stiftung, in der Nähe von Antwerpen direkt an der A 11 gelegen, ist eine der größten privaten Sammlungen zeitgenössischer Kunst in Europa. Ins Leben gerufen wurde sie von dem Kunstsammlerehepaar Geert Verbeke und Carla Verbeke-Lens vor mehr als 30 Jahren. Angefangen hat alles mit Collagen und Assemblagen von zumeist belgischen Künstlern auf dem Gelände der Transportfirma von Verbeke selbst. Seit 2007 ist die Sammlung auch für die Öffentlichkeit zugänglich und seitdem wurde sie nach und nach auch um zeitgenössische Kunst und sogenannte Bio Art erweitert. Die Künstler arbeiten hierbei mit lebenden Organismen, mit Pflanzen, aber auch Tieren.

Insgesamt umfasst die Sammlung mehr als 4500 Exponate. Viele davon sind bewusst unfertig und verwandeln sich ständig. Das Museum gleiche einem "lebenden Organismus und verändert sein Äußeres deshalb von Tag zu Tag", sagt Verbeke. Ihm ist bewusst, dass seine Ausstellung wenig mit klassischen Museen gemein hat. Nicht immer ist klar, wo die Kunst aufhört und das Chaos beginnt. Doch genauso will es der Sammler Verbeke, der mit den weißen Haaren, die in alle Richtungen von seinem Kopf abstehen, selbst wie ein Künstler aussieht. Die Kunst, die er sammelt und ausstellt, sie ist nicht jenseits der Welt, sie ist Teil davon. Der Spruch "Sponsored by Nature", der in großen Lettern am Eingang steht, trifft es ziemlich gut.

Wie verwesen tote Tiere? Auch das wird im Museum recht anschaulich gezeigt

Die ständige Verwandlung der Welt, man kann ihr nicht nur zusehen, man kann sie auch riechen und sogar hören: In mehreren Metallregalen etwa stehen kleinere und größere Glasvitrinen. Darin zu sehen: tote Tiere und oder auch nur Teile davon. In einer kleinen Vitrine liegt sogar ein menschlicher Finger. Alle Objekte befinden sich in jeweils unterschiedlichen Stadien der Verwesung. Einige sind verkabelt, ein kleiner Oktopus zum Beispiel. Ein Computer zeigt per Kurvendiagramm die elektrische Spannung an, die seine langsame Verwesung erzeugt. Per Lautsprecher kann man diesem Prozess sogar lauschen. Es ist ein leises, stetiges Rauschen.

Doch nicht nur Kadaver, auch lebende Tiere werden ausgestellt, so wie etwa ein Dutzend verschiedener Hühnerarten aus aller Welt. Sie sind Teil des sogenannten Cosmopolitan Chicken Project. Ziel des Projekts sei die Kreation eines Huhns, das die Gene aller Hühner der Erde vereine, so der belgische Künstler Koen Vanmechelen. Das kosmopolitische Huhn sei eine Metapher "für das Tier Mensch und seine Beziehung mit der biologischen und kulturellen Vielfalt des Planeten". Viele der Kunstwerke hier setzen sich mit dem Menschen und seiner Beziehung zur Außenwelt auseinander. Das ist spannend, überraschend und manchmal verstörend.

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Besonders beeindruckend aber ist es, der Natur dabei zuzusehen, wie sie sich ihren Raum zurückerobert: Wer sich auf einen Spaziergang um den künstlich angelegten See begibt, der kommt irgendwann zu einem riesigen Baugerüst. Bei näherem Hinsehen erkennt man den Grundriss eines Hauses, genauer: der Zisterzienserabtei Boudelo, die in der Nähe von Gent steht. Zwischen die einzelnen Streben des Gerüsts sind 100 Bäume gepflanzt worden. Man ahnt schon jetzt, dass die Bäume das Gerüst in absehbarer Zeit vollständig verdecken werden. Es ist das Werk des niederländischen Künstlers Marinus Boezem, der bereits vor 30 Jahren die Kathedrale Notre-Dame in Reims auf diese Weise nachgepflanzt hat. Es ist ein erhabener Anblick, dieses Gotteshaus aus Bäumen. Denn auch das ist die Natur: schön.

Unweit der Abtei aus Bäumen steht noch ein Baugerüst. Es ist das Werk des niederländischen Künstlers Kevin van Braak, er hat es "CampingFlat" genannt. Wie der Titel schon erahnen lässt, handelt es sich dabei um eine weitere Schlafmöglichkeit auf dem Gelände der Stiftung. Auf vier Ebenen hat der Künstler in teils luftiger Höhe auf Kunstrasen je ein Zelt aufgespannt. Jede Ebene ist über das Gerüst per Leiter zu erreichen. Wirklich komfortabel ist das zwar nicht, doch von der obersten Etage hat man eine gute Aussicht auf das gesamte Areal, und bei Nacht ist es der ideale Ort zum Sternegucken.

Die Installation "CampingFlat" von Kevin van Braak bietet einen großartigen Ausblick - der Schlafsack ist allerdings selbst mitzubringen.

(Foto: Verbeke Foundation)

Besucher mit Höhenangst können alternativ noch im "Blob VB3" übernachten. Der Name klingt genauso futuristisch, wie das Kunstwerk des belgischen Architektenkollektivs DMVA-Architecten aussieht: Es ist ein großes weißes Oval ohne Fenster. Für mehr als ein Doppelbett und eine Duschkabine ist kein Platz, dafür führt eine große Öffnung am vorderen Ende direkt auf einen Steg am See.

Wer das Museum auf eigene Faust erkundet, kann sich selbst nach mehreren Stunden noch nicht ganz sicher sein, wirklich alles gesehen zu haben. Hinter jeder Ecke, in jedem Winkel gibt es etwas zu bestaunen. In der Nähe des Eingangs etwa steht ein Schild: Unesco Werelderfgoed. Aber Weltkulturerbe, kann das wirklich sein? "Die Verbeke-Stiftung ist ein wunderbarer Ort, aber in der Tat nicht UnescoWeltkulturerbe", bestätigt ein Sprecher der Organisation. Das Schild, es ist real und doch nicht echt. Es ist Kunst. Doch Weltkulturerbe hin oder her, ein ganz besonderes Erlebnis wird ganz bestimmt nur jenen zuteil, die sich für eine Nacht in diesem etwas anderem Museum entscheiden: Die meisten Kunstwerke sind aufgrund der spärlichen Beleuchtung in der Dunkelheit zwar nur als Schatten zu erahnen, doch überall blinkt und piepst, scharrt und raschelt es. Die Kunst, sie schläft nie.

Reiseinformationen

Anreise: Mit dem Auto Richtung Antwerpen, abfahren an der Ausfahrt 11 Richtung Kemzeke / Stekenen am Autobahnkreuz Antwerpen-Knokke. Öffentlich fährt man bis nach Sint-Niklaas und von dort mit den Buslinien 41 oder 43 bis zur Haltestelle "Dri Schowen" in Stekene. Von dort ist es etwa ein Kilometer Fußweg zum Museum.

Übernachtung: Im CasAnus (120 Euro), Blob vb3 (90 Euro) CampingFlat (50 Euro). Die Preise sind alle inklusive Frühstück und Eintritt für zwei Personen. www.verbekefoundation.com/en/slapen

Museum: Dienstag und Mittwoch nur für Gruppen geöffnet, Donnerstag bis Sonntag je von 11 bis 18 Uhr; www.verbekefoundation.com/en; die Website ist nicht auf Deutsch verfügbar

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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