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Kriegsende und Coronavirus:Warum die Pandemie ein Wendepunkt sein kann

Mahnwache vor der KZ Gedenkstätte Dachau, 2020

Eine Mahnwache vor der KZ-Gedenkstätte in Dachau diente als Ersatz für die wegen der Corona-Pandemie abgesagte offizielle Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Jene, die das Kriegsende miterlebt haben, fühlen sich in der Corona-Pandemie erinnert an verweigerte Bürgerrechte, Mangelwirtschaft, Lebensgefahr. Jene, die an der Demokratie zweifeln, sollten verstehen, was die errungenen Freiheiten bedeuten.

Kommentar von Joachim Käppner

"Niemand ist ein Nazi. Niemand ist je einer gewesen. Es hat vielleicht ein paar Nazis im nächsten Dorf gegeben, und es stimmt schon, diese Stadt da 20 Kilometer entfernt war eine regelrechte Brutstätte des Nationalsozialismus. Oh, die Juden? Tja, es gab eigentlich in dieser Gegend nicht viele Juden. Zwei vielleicht, oder sechs. Sie wurden weggebracht. Wir haben nichts gegen Juden. Wir haben lange schon auf die Amerikaner gewartet. Ihr seid gekommen und habt uns befreit."

So schrieb die US-Reporterin Martha Gellhorn 1945 aus dem besetzten Reich über die Deutschen, lodernd vor Zorn und Verachtung. Wenige konnten sich bei Kriegsende am 8. Mai vor 75 Jahren vorstellen, dass dieses zerstörte Land bald zurückkehren würde in den Kreis zivilisierter Nationen. Es war besiegt, vollständig, militärisch wie moralisch; es war befreit, besetzt und bereits geteilt.

Was Martha Gellhorn beschrieb (und sicher nicht in jedem Einzelfall gerecht), war geflissentliche Distanzierung. Politisch war der Nazismus tot. Der böse Geist erhob sich nicht wie 1918 bald wieder und trachtete nach Vergeltung. Diese Kraft besaß er nicht mehr, und er besitzt sie bis heute nicht. Stattdessen regierten das große Vergessen und die, wie das Psychoanalytikerpaar Mitscherlich konstatierte, "Unfähigkeit zu trauern". Bald aber machte der Kalte Krieg die Deutschen von Parias zu begehrten Bündnispartnern in Ost und West; das förderte ihren Selbstwert und Wiederaufstieg, nicht jedoch die Einsicht. Die DDR stellte die NS-Diktatur als exklusives Problem der Bundesrepublik dar, dort predigte der CDU-Politiker Rainer Barzel: "Hitler ist tot, aber Ulbricht lebt."

Als der Sozialdemokrat und frühere Widerstandskämpfer Willy Brandt 1969 seine neue Ostpolitik und die Versöhnung mit Polen und Russen damit begründete, er habe "nichts fortgegeben, was nicht längst verspielt worden war, von einem verbrecherischen Regime, dem Nationalsozialismus", liefen CDU/CSU Sturm. Teile der Union klangen wie heute die Hassprediger unter den Rechtspopulisten. Es ist nicht die schlechteste Wendung, dass sich diese Union heute als Verteidigerin der republikanischen Mitte versteht.

40 Jahre mussten vergehen, bis Bundespräsident Richard von Weizsäcker der Sichtweise, Deutschland sei am 8. Mai 1945 befreit und nicht vor allem der Siegerjustiz, Schmach und Leid ausgeliefert worden, zum Durchbruch verhalf. Eine Befreiung, sagte er sinngemäß, bleibe eine Befreiung, auch wenn viele der Befreiten in den Trümmern ihrer Städte und ideologischen Gespinste, in Flüchtlingstrecks und Gefangenenlagern sie nicht so empfanden. Daran gemessen haben sich die Deutschen ihrer Geschichte mehrheitlich zwar spät, aber immer selbstkritischer gestellt.

Sogar das diesjährige Gedenken der Befreiung, das in den Stätten einstigen Grauens, von Ravensbrück bis Dachau, der Corona-Pandemie wegen ins Digitale ausgelagert wurde, war ein würdiges. Die Deutschen, schrieb der Publizist Peter Bender, wurden historisch erwachsen erst "mit der Anerkennung der Schuld, ähnlich einem Menschen, der ein schweres Schicksal bewältigt, indem er es annimmt". Trotz des oder gerade in der Reaktion auf den erstarkten Rechtspopulismus zeigt sich die Bundesrepublik als wehrhafte Demokratie, die ernsthaft versucht hat, die Lehren aus der Geschichte anzunehmen.

Das Kriegsende ist sehr fern und sehr nah zugleich. Für die Jungen mag der Mai 1945 so unvorstellbar weit fort sein wie der Mongolensturm oder der Westfälische Frieden. Jene aber, die als halbe Kinder noch erlebten, wie das Nazireich in Blut und Feuer versank, fühlen sich in der Corona-Pandemie - die, ein böser Winkelzug der Geschichte, sie als Hochrisikogruppe bedroht - beklemmend nah erinnert an verweigerte Bürgerrechte, Mangelwirtschaft, Lebensgefahr, sogar an die Denunzianten. Sie können jedoch auch berichten, wie begrenzt, vergleichsweise, die heutige Krise ist, die uns als so epochaler Einschnitt erscheint.

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Vielleicht, oder hoffentlich, wird die Pandemie sogar ein Wendepunkt sein, wirkmächtiger als jede Geschichtspädagogik. Vielleicht, oder hoffentlich, wird die Zeit, als die Seuche kam und besiegt wurde, vielen Menschen, die ohne Not an der Demokratie zweifelten, vor Augen führen, welche historische Gunst politische Systeme der 1945 nur durch äußerste Gegengewalt errungenen Freiheit bedeuten. Welch verdrehter Irrsinn es ist, von einer neuen Diktatur (sinistrer Virologen, des Merkel-Systems, der Eliten) zu sprechen oder herumzubloggen. Welchen Schaden eine modische und selbstgefällige Geringschätzung all der zivilen Errungenschaften seit der Befreiung 1945 bedeutet.

Martha Gellhorn erfuhr vom Kriegsende, als sie am 8. Mai 1945 Überlebende des Konzentrationslagers Dachau befragte. Es erschien ihr "als der passendste Ort in ganz Europa", um die Nachricht zu hören: "Denn gewiss wurde dieser Krieg geführt, um Dachau und alles, wofür Dachau stand, abzuschaffen, für alle Zeiten."

© SZ vom 08.05.2020/fie

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