bedeckt München 26°

Zum Tod von Ariel Scharon: Der Mann, den sie Bulldozer nannten

FILES-MIDEAST-ISRAEL-SHARON

Ariel Scharon (2005): Zeit seines Leben galt Israels Ex-Regierungschef als "Bulldozer", kurz vor seinem Gehirnschlag im Januar 2006 allerdings hatte er sich in einen wendigen Bulldozer verwandelt

(Foto: AFP)

Ariel Scharon spaltete: als Patron der jüdischen Siedler, Ideengeber des Trennwalls, Mitschuldiger an den Massakern von Sabra und Schatila und als Provokateur der zweiten Intifada. Allerdings setzte er auch den Rückzug aus dem Gazastreifen durch. Frieden mit den Palästinensern erreichte er nicht, aber er fand Frieden mit sich selbst.

Die Nachricht über Ariel Scharons dramatischen Gesundheitszustand war noch keine zwei Stunden alt, als Leser der israelischen Tageszeitung Haaretz ihren Gefühlen freien Lauf ließen. Manche wünschten ihm auf der Internetseite des Blattes "Gute Besserung". Manche aber schrieben hasserfüllt: "Noch immer haben die Siedler vom Gazastreifen keine neuen Häuser" und "Am Leben soll er bleiben, noch ein bisschen, um noch ein bisschen mehr zu leiden". So ging es Scharon auch zu Lebzeiten: In seiner Heimat wurde er vergöttert oder gehasst. Kalt ließ er niemanden.

Nun ist Ariel Scharon gestorben, nach unglaublichen acht Jahren im Koma. Die Ärzte hätten sein Leben nach dem Nierenversagen erneut künstlich verlängern und ihn an Dialysegeräte anschließen können. Aber Scharons Söhne Gilad und Omri waren schließlich einverstanden, ihren 85 Jahre alten Vater nur noch passiv zu behandeln.

Vor einem Jahr noch sorgte Scharon für positive Schlagzeilen. Er reagierte auf klassische Musik und auf Stimmen von Familienmitgliedern, das hatte ein Team von Gehirnspezialisten festgestellt. Gleichzeitig aber hat die Kritik im Lande nie nachgelassen: Dass ein Mensch, der eigentlich nicht mehr lebt, acht Jahre lang einen ganzen Apparat von Ärzten und Pflegern auf Trab hält, ein Krankenhauszimmer belegt und den Staat jedes Jahr eine halbe Million Euro kostet.

Zeit seines Lebens galt Ariel Scharon als "Bulldozer". Kurz vor seinem Gehirnschlag im Januar 2006 allerdings hatte er sich in einen wendigen Bulldozer verwandelt - indem er den Gazastreifen von jüdischen Siedlern räumen ließ. Scharon galt stets als Vater der jüdischen Siedler, doch im Sommer 2005 ließ der Vater seine Kinder im Stich und zog 8000 Siedler aus dem Gazastreifen ab.

Sein Erbe ist der Trennwall

Der Abzug aus dem Gazastreifen war Scharons Lebensprojekt. Er verließ dafür seine Partei, den rechten Likud, gründete eine neue, Kadima, und überraschte die ganze Welt mit seinem Wendemanöver. Auch der Mauerbau im Westjordanland war Scharons Idee. Dahinter steckte ein simpler Plan, der bis heute Folgen zeitigt: Scharon hat nie an einen Frieden mit den Palästinensern geglaubt. Gazastreifenabzug und Mauerbau hatten nur den Zweck, sich von den Palästinensern abzuwenden, ihnen den Rücken zuzukehren.

Acht Jahre lag Ariel Scharon, mit kurzen Unterbrechungen, im Scheba-Krankenhaus von Tel Haschomer östlich von Tel Aviv in einem leichten Koma, er hat selbständig geatmet und wurde per Magensonde ernährt. Gewicht soll er nicht verloren haben. Ob das stimmt, ließ sich schwer überprüfen. Kein einziges Foto des berühmten Patienten ist in acht Jahren an die Öffentlichkeit gelangt, sein Krankenzimmer wurde Tag und Nacht bewacht.

In den vergangenen Jahren ist Ariel Scharon in Vergessenheit geraten, Kriege, Gaza-Einmärsche, Entführungen, Anschläge haben die Schlagzeilen beherrscht. Kein Politiker nach David Ben-Gurion hat Israels geografische Grenzen derart nachhaltig gezeichnet. Sein Erbe ist der Trennwall, ein in Beton gegossenes Eingeständnis, dass mit den Palästinensern kein Staat zu machen sei.