WM: Willi Lemke im Gespräch:Die Bedeutung des Turniers für Afrika

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sueddeutsche.de: Die Berichterstattung im Vorfeld der WM war anders. Haben Sie das als Schwarzweißmalerei empfunden?

Lemke: Ja, es hat mich manchmal ziemlich traurig und sprachlos gemacht, wie oft über negative Dinge berichtet wurde. Über Streiks von Taxifahrern, über Kriminalität und selbst über Ratten im Stadion von Johannesburg. Ratten gab es im Stadion von Werder Bremen schon vor 30 Jahren, wenn es Hochwasser gab. Aber das hat niemals dazu geführt, dass das negativ in der Zeitung stand. Grundsätzlich ist mir die Afrika-Berichterstattung zu negativ. Im Moment kippt das ein wenig, weil die Journalisten vor Ort doch ein ganz anderes Bild bekommen und dies auch vermitteln.

sueddeutsche.de: Es scheint ja tatsächlich ein großes Fest zu sein. Sie waren beim Halbfinale Niederlande gegen Uruguay in Kapstadt - wie war die Stimmung?

Lemke: Ich habe beispielsweise die Kontrollen als wesentlich professioneller als in Deutschland empfunden. Ich habe auf meinen VIP-Wagen verzichtet und bin zu Fuß zum Stadion gegangen. In keinem Moment habe ich mich unsicher gefühlt. Die Leute sind stolz auf das, was sie geleistet haben und wollen zeigen, wozu sie in der Lage sind.

sueddeutsche.de: Welche Bedeutung hat die WM für Afrika?

Lemke: In meiner Aufgabe als UN-Sonderbotschafter lege ich mein Hauptaugenmerk darauf, was in 30 Jahren auch noch Bestand haben kann. Zum Beispiel die 20 Football for Hope Center, die in den kommenden Monaten entstehen werden. Dort wird Fußball mit einem pädagogischen Auftrag verbunden. Wenn es hier bei einem Fußballspiel unentschieden steht, müssen die Kinder Fragen zu HIV/Aids beantworten und das zählt dann zum Ergebnis hinzu. Meine Aufgabe ist es auch, junge Menschen zu fördern, die aus dem Nichts kommen, die keine Bildung, Erziehung und Familie haben - und trotzdem soziale Kompetenzen entwickeln, die sie zu künftigen Leadern machen. Das sind nur klitzekleine Beispiele.

sueddeutsche.de: Welche Bedeutung hat diese WM für das Nation-Building auf dem Kontinent?

Lemke: Nehmen wir das Beispiel Südafrika, hier gibt es elf anerkannte nationale Sprachen. Stellen Sie sich mal vor, in Schleswig-Holstein sprechen Sie Norwegisch, in Bremen Portugiesisch und in Hamburg Holländisch. Wie soll man da in wenigen Jahren ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln? Sportlich kann die WM zum Nation-Building beitragen. Schade nur, dass kein afrikanisches Team mehr dabei ist. Trotzdem ist die Stimmung nach wie vor phantastisch. Die Menschen sind überglücklich, unsere Gastgeber sein zu können. Hier an der Waterfront von Kapstadt habe ich die Vuvuzelas bis tief in die Nacht noch tröten hören. Die ganze Welt guckt noch auf dieses Land. Man hatte befürchtet, dass man beklaut und belästigt wird, wenn man hierherkommt. Aber nun stellt sich Südafrika trotz aller Probleme als ein so wunderbares Land dar.

sueddeutsche.de: Wie empfinden Sie die Rolle der Fifa? Ist der Fußball-Weltverband nicht inzwischen übermächtig geworden? Selbst bei leichtbekleideten jungen Holländerinnen ging man gegen unlautere Werbung vor und es gibt Schnellgerichte gegen angebliche Hooligans.

Lemke: Gegen die Schnellgerichte habe ich persönlich nichts. Es gibt ja hier auch nicht diese Probleme, die wir aus anderen Stadien der Welt kennen. Kann sein, dass die Fifa bei den Werbeverboten übertreibt, aber es gibt nun einmal auch eine Menge Trittbrettfahrer. Wenn es um die leichtbekleideten Mädchen geht, dann hätte ich die gern persönlich selbst aus ihrer misslichen Lage befreit.

sueddeutsche.de: Also hat Fifa-Chef Sepp Blatter alles richtig gemacht?

Lemke: Angesicht dieses gigantischen Projekts fallen doch so kleine Dinge nicht ins Gewicht. Das ist das Schwarze unter dem Nagel. Die Fifa hat Macht, keine Frage. Weil die Fifa viel Geld hat. Aber ich kann Blatter nur loben: Er hat es gewagt, die WM nach Afrika zu vergeben. Das war mutig, aber korrekt - denn es wird den Menschen in Afrika helfen.

sueddeutsche.de: Wie erklären Sie sich das Versagen der Stars wie Messi oder Rooney? Und damit verbunden: Was halten Sie von der deutschen Multikultitruppe, die ja keinen echten Star aufzubieten hat?

Lemke: Ich war sehr überrascht, welche Mannschaften hier sang- und klanglos ausgeschieden sind. Den großen Wert des Fußballs macht eben auch seine totale Unberechenbarkeit aus: Weder die Italiener, noch die Engländer, noch die Franzosen wollten ausscheiden. Der deutschen Mannschaft ist es unglaublicherweise gelungen, hier so weit zu kommen. Das hätte ich der Truppe von Jogi Löw nie zugetraut. Dass die jetzt so aufgetrumpft haben, ist toll. Vor allem gegen Argentinien, deshalb gehen hier alle davon aus, dass Deutschland Weltmeister wird.

sueddeutsche.de: Es gibt die, zugegeben schon etwas ältere These über die Parallelität von Fußball und Politik. Wie sieht das aus mit Basis und Überbau? Müsste die deutsche Nationalmannschaft demnach nicht eigentlich viel schwächer sein, so wie Schwarz-Gelb im Bund?

Lemke: Ich halte von dieser These wenig, Fußball ist immer so wie das Leben. Aber es freut mich ein ganz anderer Aspekt: der soziale Integrationsbeitrag der Löw-Truppe. Ich rede nicht nur von Mesut Özil, sondern auch von den vielen anderen mit Migrationshintergrund in der Mannschaft. Für ein Land, das multikulturell aufgestellt ist, hat das einen sehr positiven politischen Effekt. Ist doch egal, welche Sprache unsere Großeltern gesprochen haben, welche Religion man hat. Wir leben hier und wir stehen ein für unsere Werte und wirken zusammen!

sueddeutsche.de: Haben Sie erwartet oder gehofft, dass es eine afrikanische Mannschaft weiter schafft als Ghana?

Lemke: Ich habe fast nicht schlafen können, als Ghana den entscheidenden Elfmeter verschossen hat. Alle Südafrikaner haben zu Holland gehalten, weil die Uruguayer Ghana aus dem Wettbewerb gekegelt haben. Ich bin da schon ein wenig traurig, weil ich es den Afrikanern vom Herzen gegönnt hätte, das eine Mannschaft so weit wie möglich gekommen wäre.

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