bedeckt München 26°

Kretschmann im Interview:"Jeder erhabene Gedanke kann sich an der Wirklichkeit blamieren"

SZ: Früher hieß es, Ruhe sei die erste Bürgerpflicht. Muss man das jetzt umdrehen: Unruhe ist die erste Bürgerpflicht?

Kretschmann: Das ginge ein Stück zu weit. Ich finde den Perikles-Satz treffender: "Nur bei uns ist ein stiller Bürger kein guter Bürger." Ein Problem sehe ich darin, dass sich die moderne Bürgerschaft eher punktuell und temporär engagiert. In Parteien, in Vereinen, in Kirchen und Gewerkschaften dagegen gibt es noch dieses lebenslange Engagement - auch diese Treue brauchen wir, diese Beständigkeit. Wir Grüne haben das gezeigt in dreißig Jahren Opposition in Baden-Württemberg, wir haben unsere Kernthesen durchgetragen bis heute.

SZ: Mehr Volksbefragung: Sie wollen aus Baden-Württemberg so etwas wie eine zweite Schweiz machen?

Kretschmann: Wir wollen die repräsentative Demokratie durch mehr direkte ergänzen. Dazu müssten wir die CDU gewinnen, denn wir bräuchten verfassungsändernde Mehrheiten. Das dürfte schwer werden. Was kann ich also bewirken, was dürfen die Menschen von mir erwarten? Dass sich vor den rechtlichen Normen die politische Kultur wandelt: offen sein für Alternativen.

SZ: Was ist, wenn in eineinhalb Jahren der kalte Wind bläst? Wenn Ihr Elan kurz vor der Bundestagswahl zusammenfällt?

Kretschmann: Wenn sie schon so pessimistisch fragen: Jeder erhabene Gedanke kann sich an der Wirklichkeit blamieren. Man muss immer mit dem Scheitern rechnen, das gehört auch zu meiner Grundausstattung als Christ: Ich weiß, ich kann etwas bewirken in der Welt, aber ich habe nicht alles in der Hand. Aber was man machen kann: Mit Festigkeit an den eigenen Werten festhalten. Wir haben einen großen Vertrauensvorschuss bekommen vom Wähler. Dieses Vertrauen müssen wir uns verdienen. Wie schwer das in der Praxis ist, sehen wir an Stuttgart 21. Wir kommen aus der Protestbewegung, es ist unser Anspruch, dass wir die Brücken bauen aus dem Protest heraus, hinein in die Institutionen. Das ist unsere, das ist meine eigentliche Herausforderung.

SZ: Mit dem Scheitern rechnen: Auch in den Koalitionsverhandlungen?

Kretschmann: Nein, die werden wir nicht scheitern lassen. Das wäre verantwortungslos. Wir sind für einen Politikwechsel gewählt worden.

SZ: Aber Sie könnten später stolpern, falls Sie als grüner Ministerpräsident Stuttgart 21 bauen müssen.

Kretschmann: Stuttgart 21 ist der große Stolperstein dieser Koalition. Wir haben höchst konträre Positionen bei einem sehr wichtigen Thema, wir sind dagegen, die SPD ist dafür. Ich vertraue da auf die Dynamik der Situation. Ich bin überzeugt, dass der Stresstest ergeben wird, dass das Projekt nicht funktionabel bzw. zu teuer ist und nicht effizient.

SZ: Die Grünen tun einiges dafür, eine solche Dynamik zu befördern. Im Wahlkampf haben sie eine Volksabstimmung versprochen, jetzt denken sie wegen des hohen Quorums an eine informelle Volksbefragung. Ist das noch glaubwürdig?

Kretschmann: Nüchtern betrachtet ist dieses Quorum nicht zu schaffen. Es ist grundsätzlich nicht fair, deswegen gab es in Baden-Württemberg noch nie eine Volksabstimmung.

SZ: Sie sagten vorher: Hast Du ein Problem, schau in die Verfassung! Wenn Sie das im Wahlkampf gemacht hätten, müssten Sie jetzt nicht so rumeiern.

Kretschmann: SPD und wir haben vor der Wahl versucht, das Quorum zu senken. Unser Gesetzentwurf ist an der CDU gescheitert. Jetzt befinden wir uns in einem Dilemma: Wir haben die Volksabstimmung klar angekündigt. Gerade die SPD hat den Befriedungscharakter einer Volksabstimmung betont. Aber wenn wir jetzt eine Mehrheit gegen den Bahnhof bekommen, aber dieses Nein wegen des hohen Quorums nicht gilt - dann wird doch von Befriedung keine Rede sein. Aber ich streite nicht ab, dass wir in diesen Fragen nicht klar genug waren und vor Monaten schon einen Fehler gemacht haben.

SZ: Merken Sie schon, dass Regieren schwerer ist als Opposition machen?

Kretschmann: Das war mir voll bewusst. Ich habe ja schon mal mitregiert, vor Jahren als Mitarbeiter von Joschka Fischer im hessischen Umweltministerium. Aber wir wollen kraftvoll gestalten, investieren in die Schulen, in die frühkindliche Bildung und die Universitäten.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite