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Wiener Republik:Netz von Traditionalismus und Vollkasko-Mentalität

Wegen seiner überbordenden Bürokratie, zu hoher Steuern, einer zu hohen Staatsquote und einer diffusen Wirtschaftsfeindlichkeit, gepaart mit fehlender Kritikfähigkeit, Ignoranz und inkompetenten Entscheidern, falle das Land als Wirtschaftsstandort immer weiter zurück, schreibt Siebenhaar; da helfe auch die hohe Lebensqualität nichts. Deshalb blieben ausländische Investoren aus, deshalb suchten immer mehr einheimische Unternehmer ihr Heil im Ausland.

Unter Ex-Kanzler Faymann, so Siebenhaar, sei der Gesprächsfaden der Regierung zu den Unternehmern komplett abgerissen; er hat nun immerhin die begründete Hoffnung, dass der ehemalige Topmanager Christian Kern das besser macht.

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Aber: Unternehmen und Banken seien vom inneren Zirkel der Macht bis heute ausgeschlossen, ein kompliziertes Kammernsystem habe ihre Interessen in den übermächtigen politisch-administrativen Komplex eingewoben. Man muss Siebenhaar nicht in seiner Begeisterung für die Russland-Geschäfte des Staatsunternehmens OMV oder für die Großinvestitionen des Stahlunternehmens Voestalpine in den USA folgen.

Aber wenn er die Unbeweglichkeit der ÖBIB, der gesammelten Bundes- und Industriebeteiligungen, mit ihren 100 000 Arbeitern und Angestellten, ihrer üppigst ausgestatteten Holding-Chefs und dem vergleichsweise niedrigen Gewinn geißelt, dann hat er gute Argumente.

Und wenn er die Liebedienerei gegenüber Autokraten wie Wladimir Putin anprangert oder den Opportunismus gegenüber einem ukrainischen Oligarchen wie Dmitrij Firtasch, der sich in Wien als "seriöser Entrepreneur" inszenieren durfte, wenn er aufzählt, wie viele "Schattenmänner aus dem Osten" in Wien eine Heimat gefunden haben, ohne belangt oder auch nur beargwöhnt zu werden, dann versteht man seine Schlussfolgerung: Diese Anbiederei sei der Beleg dafür, "dass sich Anstand und Ehrlichkeit nicht auszahlen".

Und da hat man das Kapitel über Dietrich Mateschitz, den Red-Bull-Chef, noch nicht mal gelesen, über sein Landgrabbing, sein Immobilienimperium, sein Selbstverständnis als "Feudalherr", der Kritik nicht erträgt und dessen Name überall da sakrosankt ist, wo er Besitz hat - und er hat fast überall in Österreich Besitz.

Siebenhaar erzählt, fassungslos, noch einmal die Geschichte vom Betriebsrat, den die Mitarbeiter im Mateschitz-Sender Servus TV gründen wollten. Und er ist nicht nur fassungslos über die Reaktion, denn Drohungen von Eigentümern gegen Belegschaften sind ja keine Seltenheit, sondern er ist fassungslos über die Kumpanei der Gewerkschaft und das Schweigen der Politik.

Schönrederei hilft nicht mehr

Man merkt: Siebenhaar, der auch Präsident des Vereins der Auslandspresse in Wien ist, ist verstimmt. Enttäuscht. Er findet die Kunst beliebig und die Theaterlandschaft unpolitisch, die Salzburger Festspiele konventionell und den Umgang mit der Vergangenheit borniert. Es ist ein Rundumschlag. Wo das Positive bleibt?

Positiv ist, dass aus jeder fundierten, ehrlichen, konstruktiven Kritik Neues erwachsen kann. Schönrederei, schreibt Siebenhaar, helfe nicht mehr, Österreich müsse sich neu erfinden. Das nun ist leicht hingeschrieben, aber schwer getan.

Denn über diesem schönen Land, das sich bei nur knapp neun Millionen Einwohnern neun Bundesländer, 95 Bezirke mit Bezirkshauptleuten, Magistraten und Tausenden Beamten leistet, liegt in den Augen von Hans-Peter Siebenhaar ein Spinnennetz von Traditionalismus und Vollkasko-Mentalität. Und beide sind so erstickend wie bequem.

Hans-Peter Siebenhaar: Österreich - die zerrissene Republik. Orell Füssli Verlag, Zürich 2017. 256 Seiten, 19,95 Euro.

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