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Weltkriegsgedenken in Warschau:Polen gedenkt - aber streng nach politischen Lagern getrennt

Donald Tusk

Präsident des Europäischen Rats, Ex-Premier, Pole: Donald Tusk.

(Foto: Alik Keplicz/AP)
  • Die Feiern in Polen zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren waren mehr Jubelfeiern als Gedenken an einen vernichtenden Krieg.
  • Nur am Grab des unbekannten Soldaten in Warschau kamen Polens zerstrittene politische Lager zusammen - und auch das nur indirekt.

Für die Polen waren der 1o. und 11. November 1918 Tage der Freude - trotz aller Opfer während des Weltkrieges. Denn da die drei Mächte, die Polen länger als ein Jahrhundert unter sich aufgeteilt hielten - Deutschland, Österreich und Russland - bei Kriegsende selbst am Boden lagen, konnte Polens Militär und Staatsmann Józef Piłsudski endlich wieder die Führung eines unabhängigen Polen übernehmen. Und so waren die Feiern in Polen am Sonntag mehr Jubelfeiern als Gedenken an einen vernichtenden Krieg.

Es war freilich geteilter Jubel: Nur am Grab des unbekannten Soldaten in Warschau kamen Polens zerstrittene politische Lager zusammen - und auch das nur indirekt: Erst legte dort am Mittag der von der Regierungspartei Pis gestellte Präsident Andrzej Duda einen Kranz nieder - wenig später Donald Tusk, Präsident des Europäischen Rates sowie langjähriger Ministerpräsident Polens. Noch am Morgen war er bei einer anderen Kranzniederlegung zu finden, an der Seite von Polens Oppostionsführer Grzegorz Schetyna.

Das Gedenken verlief also getrennt nach politischen Lagern. Präsident Duda hielt eine Ansprache, während im Hintergrund die von der Pis gestellte Regierung Flanier stand. Die Regierung organisierte einen "Marsch der Unabhängigkeit" aus dem Zentrum Warschaus über die Weichsel zum Fußballstadion, Teile der Opposition trafen sich nur zwei Kilometer entfernt zum "Antifaschistischen Marsch". Und hatte die Regierung zuvor verkündet, beim "Marsch der Unabhängigkeit" würden ausschließlich schöne Bilder von patriotischen Polen mit neutralen, weiß-roten polnischen Fahnen um die Welt gehen, so sah die Realität anders aus.

An der Spitze, unter der Losung "Polen, für Dich": Präsident Duda, Ministerpräsident Mateusz Morawiecki und Pis-Chef Jarosław Kaczyński. Bei einem auf derselben Route folgenden zweiten Marsch zeigten etwa die Anhänger des rechtsradikalen "National-Radikalen Lagers" (ONR) ihre grün-weißen Fahnen. Organisiert hatten sie ihn " mit unseren Freunden" der neofaschistischen Forza Nuova. Die allpolnische Jugend verbrannte die Flagge der EU, die Menge rief: "Weg mit der Europäischen Union." Auch Vertreter der rechtsradikalen slowakischen Volkspartei Marian Kotlebas nahmen an diesem Marsch teil.

Gefeiert und marschiert wurde freilich nicht nur in der Hauptstadt. Allein in Danzig feierten 30 000 Menschen den Jahrestag der Unabhängigkeit in einer weiß-roten Parade. Polens ehemaliger Präsident Bronislaw Komorowski feierte demonstrativ nicht in Warschau, sondern im als liberal geltenden Posen, weil er hier "einen modernen Patriotismus" erkenne. 25 000 Läufer starteten in der Stadt bei einem "Unabhängigkeitsrennen". Und Łodz organisierte über mehrere Tage "Freiheitsspiele", auf denen führende polnische Künstler und Oppositionelle bis hin zu Ex-Ministerpräsident Donald Tusk über die aus ihrer Sicht unter der Pis gefährdete Demokratie in Polen diskutierten.

© SZ vom 12.11.2018/jana

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