Wahlkampf in Russland:"Wladimir Putin rettete meinen Vater"

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Aber dies hat sie in einem Interview einmal gesagt: "Als mein Vater verraten wurde, war Wladimir Putin der Mann, der ihm half und ihn rettete." Dankbar sei sie ihm. Und so wunderte sich Russland, als im Dezember Sobtschak plötzlich bei einem der Massenproteste auftrat. In Jeans, in Schuhen mit flachen Absätzen und einer kurzen, weißen Winterjacke stand sie auf der Rednerbühne, hinter sich das weiße Banner "Für ehrliche Wahlen". "Mein Vater ist Anatolij Sobtschak", begann sie zu sagen, der Rest war kaum zu hören. Ksenia Sobtschak, Darling des russischen Boulevards, wurde ausgepfiffen.

Viele haben in diesem Moment in ihr eben doch eine widersprüchliche Person gesehen, ein Symbol des Putin-Systems. Aber vielleicht ist Ksenia Sobtschak auch nur das bekannteste Gesicht unter Hunderttausenden oder Millionen Russen, die seit Wochen mit sich ringen. Jahrelang galt Putin als unantastbar, akzeptierte das Volk die politisch gesteuerte Gesellschaft, das dem Kreml gefällige Fernsehen und Begriffe wie "gelenkte Demokratie". Und mit einem Mal, seit der Parlamentswahl im Dezember, gerät das Gefüge ins Wanken, gehen Architekten, Rentner und Studenten auf die Straße.

Der Mitschüler ist ja auch dabei, merken sie; der Nachbar, der Arbeitskollege geht ebenfalls zur Demo. Es ist die Zeit innerer Dispute, zweier Herzen, des Muts und der Zweifel, auch des Kalküls, wohin der Wind wohl weht. Die Schriftstellerin Ljudmila Ulizkaja hat sich auf die Seite der Demonstranten gestellt, der Rockmusiker Jurij Schewtschuk war schon immer ein Rebell. Und Ksenia Sobtschak? Versucht loyal und rebellisch zugleich zu sein. Es ist eine schwierige Rolle.

Auf der Bühne, beim Protest, forderte sie Neuwahlen, rief der Menge aber auch zu, dass das Volk die Macht nicht stürzen solle, es solle Einfluss auf sie nehmen. "Geh nach Hause", schallte es aus dem Volk zurück. Sie merkt, sie muss um ihre Glaubwürdigkeit nun kämpfen. "Ja, sie haben mich ausgepfiffen. Aber ich bin nicht Putin, ich fürchte mich nicht vor Pfiffen", twitterte sie.

Der russischsprachigen New Times sagte sie einmal, als Mensch sei ihr Putin sehr sympathisch, aber nicht als Politiker. Sie sieht in ihm einen starken Anführer, und doch hält sie den geplanten Ämtertausch mit Dmitrij Medwedjew für einen "strategischen Fehler". Der ja Folgen hatte: die umstrittene Parlamentswahl, die Massenproteste. Und auch für sie hat sich etwas verändert.

Auf dem russischen MTV begann Sobtschak neulich eine Sendestaffel, eine Art Polit-Show. Nach der ersten Ausgabe wurde sie abgesetzt, offensichtlich, weil Sobtschak als nächsten Gast den temperamentvollen Oppositionellen Alexej Nawalnyj befragen wollte. So ändern sich in Russland die Zeiten. Denn das wäre vor kurzem noch undenkbar gewesen: Dass jemand Ksenia Sobtschak aus dem Programm nimmt.

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