Süddeutsche Zeitung

Wahlkampf in Russland:Zwischen Boulevard und Straße

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It-Girl, Party-Nudel, russische Antwort auf Paris Hilton: Die Fernsehmoderatorin Ksenia Sobtschak ist in der Putin-Ära groß geworden, ihr Vater war der politische Förderer des früheren und wohl künftigen Staatsoberhaupts. Im Wahlkampf versucht Sobtschak jetzt den Spagat zwischen Loyalität zu Putin und Rebellion.

Frank Nienhuysen, Moskau

Es ist kurz vor Mitternacht. Ksenia Sobtschak sagt, sie ziehe sich nur schon mal den Mantel über. Jetzt wird es eng. Sie steht nah an der Tür, bereit, das Fernsehstudio zu verlassen. Dabei hat sie doch ausrichten lassen, ein paar Fragen seien wohl okay, wenn ihre Sendung vorbei ist. Und nun: "Nein, kein Interview." Sie sagt es nicht einmal barsch, eher gequält charmant, als verlange sie ein Einsehen. "Nun gut, eine Frage", sagt sie, aber da ist die Tür schon offen.

Ob sie einen inneren Konflikt spüre, seit Jahren Wladimir Putin zu unterstützen, ihn jetzt öffentlich zu schützen, und doch zugleich mit der Opposition lautstark nach Veränderungen zu rufen? Ksenia Sobtschak lächelt, sie steht in ihren hochhackigen Schuhen jetzt auf der Schwelle. Dann hat sie doch noch einen Satz, einen einzigen: "Ich sehe da keinen Widerspruch, ich bin kein sehr widersprüchlicher Mensch. Entschuldigen Sie bitte." Dann ist sie fort.

Zwei Stunden zuvor, im Fernsehstudio des Senders Doschd. Ksenia Sobtschak bereitet sich auf die Sendung vor, auf ein launiges Interview mit dem russischen Präsidentschaftskandidaten Sergej Mironow. Das Launige ist ihre Stärke. Obwohl es nur noch ein paar Minuten bis zum Beginn des Live-Interviews sind, wirkt sie bei der Besprechung sehr entspannt. Sie beugt sich mit ihrem schlanken Oberkörper weit über den Schreibtisch eines Redakteurs, damit sie besser auf den Computerbildschirm schauen kann, wo gerade ein lustiges Programm des Senders läuft.

Ein Mitarbeiter gibt sich als Vertreter einer erfundenen Luxus-Partei aus und fragt bei einigen Oppositionsvertretern nach, ob sie bei einem Protest-Korso mit Yachten auf dem Moskwa-Fluss mitmachen würden. Madonna werde auch kommen. Ksenia Sobtschak kringelt sich vor Lachen. Dann setzt sie sich für ihr Interview auf ein Sofa, den Rücken fest durchgedrückt, in einem eng anliegenden Rock, einem kurzärmeligen Shirt, und stellt Mironow angenehme Fragen.

Sie reden über seine Lieblingsbücher, über Frauen, und weil Mironow eigentlich Geologe ist, auch über Steine. Sobtschak will, dass sich der Kandidat wohlfühlt, Persönliches preisgibt. Sie will unterhalten, das macht sie im Fernsehen seit Jahren. Aber zuletzt wurde sie doch auch sehr ernst.

Die kleine, blonde Frau gilt in Russland als It-Girl, als Party-Nudel, als russische Antwort auf Paris Hilton, die eine eigene Fernsehshow hat und in anderen selten fehlt. Aber das alles täuscht auch etwas. Sie hat Politikwissenschaft studiert, ist klug und einflussreich. Vor zwei Jahren machten sich die Passagiere eines Aeroflot-Flugs von Moskau nach New York Sorgen, weil der Pilot betrunken klang. Die Crew wollte beschwichtigen und losfliegen, Ksenia Sobtschak aber führte vom Handy aus ein paar Telefonate. Der Pilot wurde ausgetauscht. Wer das schafft, ist gut vernetzt in Russland.

Sobtschak ist in der Putin-Ära groß geworden und hat dem mächtigsten Politiker des Landes viel zu verdanken. Sie kennen sich gut und sehr lange. Ihr Vater Anatolij Sobtschak war der erste liberale Bürgermeister von Sankt Petersburg, ein Reformer der ersten Stunde - und der politische Förderer von Putin. Sobtschak war Putins Chef. Dieser stand auch zu ihm, als es Korruptionsvorwürfe gegen Sobtschak gab. Das Gerücht hält sich, Putin sei sogar Ksenia Sobtschaks Taufpate. Dazu will sie nichts sagen.

"Wladimir Putin rettete meinen Vater"

Aber dies hat sie in einem Interview einmal gesagt: "Als mein Vater verraten wurde, war Wladimir Putin der Mann, der ihm half und ihn rettete." Dankbar sei sie ihm. Und so wunderte sich Russland, als im Dezember Sobtschak plötzlich bei einem der Massenproteste auftrat. In Jeans, in Schuhen mit flachen Absätzen und einer kurzen, weißen Winterjacke stand sie auf der Rednerbühne, hinter sich das weiße Banner "Für ehrliche Wahlen". "Mein Vater ist Anatolij Sobtschak", begann sie zu sagen, der Rest war kaum zu hören. Ksenia Sobtschak, Darling des russischen Boulevards, wurde ausgepfiffen.

Viele haben in diesem Moment in ihr eben doch eine widersprüchliche Person gesehen, ein Symbol des Putin-Systems. Aber vielleicht ist Ksenia Sobtschak auch nur das bekannteste Gesicht unter Hunderttausenden oder Millionen Russen, die seit Wochen mit sich ringen. Jahrelang galt Putin als unantastbar, akzeptierte das Volk die politisch gesteuerte Gesellschaft, das dem Kreml gefällige Fernsehen und Begriffe wie "gelenkte Demokratie". Und mit einem Mal, seit der Parlamentswahl im Dezember, gerät das Gefüge ins Wanken, gehen Architekten, Rentner und Studenten auf die Straße.

Der Mitschüler ist ja auch dabei, merken sie; der Nachbar, der Arbeitskollege geht ebenfalls zur Demo. Es ist die Zeit innerer Dispute, zweier Herzen, des Muts und der Zweifel, auch des Kalküls, wohin der Wind wohl weht. Die Schriftstellerin Ljudmila Ulizkaja hat sich auf die Seite der Demonstranten gestellt, der Rockmusiker Jurij Schewtschuk war schon immer ein Rebell. Und Ksenia Sobtschak? Versucht loyal und rebellisch zugleich zu sein. Es ist eine schwierige Rolle.

Auf der Bühne, beim Protest, forderte sie Neuwahlen, rief der Menge aber auch zu, dass das Volk die Macht nicht stürzen solle, es solle Einfluss auf sie nehmen. "Geh nach Hause", schallte es aus dem Volk zurück. Sie merkt, sie muss um ihre Glaubwürdigkeit nun kämpfen. "Ja, sie haben mich ausgepfiffen. Aber ich bin nicht Putin, ich fürchte mich nicht vor Pfiffen", twitterte sie.

Der russischsprachigen New Times sagte sie einmal, als Mensch sei ihr Putin sehr sympathisch, aber nicht als Politiker. Sie sieht in ihm einen starken Anführer, und doch hält sie den geplanten Ämtertausch mit Dmitrij Medwedjew für einen "strategischen Fehler". Der ja Folgen hatte: die umstrittene Parlamentswahl, die Massenproteste. Und auch für sie hat sich etwas verändert.

Auf dem russischen MTV begann Sobtschak neulich eine Sendestaffel, eine Art Polit-Show. Nach der ersten Ausgabe wurde sie abgesetzt, offensichtlich, weil Sobtschak als nächsten Gast den temperamentvollen Oppositionellen Alexej Nawalnyj befragen wollte. So ändern sich in Russland die Zeiten. Denn das wäre vor kurzem noch undenkbar gewesen: Dass jemand Ksenia Sobtschak aus dem Programm nimmt.

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SZ vom 29.02.2012/mkoh
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