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Wahlkampf in Russland:Zwischen Boulevard und Straße

It-Girl, Party-Nudel, russische Antwort auf Paris Hilton: Die Fernsehmoderatorin Ksenia Sobtschak ist in der Putin-Ära groß geworden, ihr Vater war der politische Förderer des früheren und wohl künftigen Staatsoberhaupts. Im Wahlkampf versucht Sobtschak jetzt den Spagat zwischen Loyalität zu Putin und Rebellion.

Es ist kurz vor Mitternacht. Ksenia Sobtschak sagt, sie ziehe sich nur schon mal den Mantel über. Jetzt wird es eng. Sie steht nah an der Tür, bereit, das Fernsehstudio zu verlassen. Dabei hat sie doch ausrichten lassen, ein paar Fragen seien wohl okay, wenn ihre Sendung vorbei ist. Und nun: "Nein, kein Interview." Sie sagt es nicht einmal barsch, eher gequält charmant, als verlange sie ein Einsehen. "Nun gut, eine Frage", sagt sie, aber da ist die Tür schon offen.

Wladimir Putin

Ein toller Hecht trifft Tiger

Ob sie einen inneren Konflikt spüre, seit Jahren Wladimir Putin zu unterstützen, ihn jetzt öffentlich zu schützen, und doch zugleich mit der Opposition lautstark nach Veränderungen zu rufen? Ksenia Sobtschak lächelt, sie steht in ihren hochhackigen Schuhen jetzt auf der Schwelle. Dann hat sie doch noch einen Satz, einen einzigen: "Ich sehe da keinen Widerspruch, ich bin kein sehr widersprüchlicher Mensch. Entschuldigen Sie bitte." Dann ist sie fort.

Zwei Stunden zuvor, im Fernsehstudio des Senders Doschd. Ksenia Sobtschak bereitet sich auf die Sendung vor, auf ein launiges Interview mit dem russischen Präsidentschaftskandidaten Sergej Mironow. Das Launige ist ihre Stärke. Obwohl es nur noch ein paar Minuten bis zum Beginn des Live-Interviews sind, wirkt sie bei der Besprechung sehr entspannt. Sie beugt sich mit ihrem schlanken Oberkörper weit über den Schreibtisch eines Redakteurs, damit sie besser auf den Computerbildschirm schauen kann, wo gerade ein lustiges Programm des Senders läuft.

Ein Mitarbeiter gibt sich als Vertreter einer erfundenen Luxus-Partei aus und fragt bei einigen Oppositionsvertretern nach, ob sie bei einem Protest-Korso mit Yachten auf dem Moskwa-Fluss mitmachen würden. Madonna werde auch kommen. Ksenia Sobtschak kringelt sich vor Lachen. Dann setzt sie sich für ihr Interview auf ein Sofa, den Rücken fest durchgedrückt, in einem eng anliegenden Rock, einem kurzärmeligen Shirt, und stellt Mironow angenehme Fragen.

Sie reden über seine Lieblingsbücher, über Frauen, und weil Mironow eigentlich Geologe ist, auch über Steine. Sobtschak will, dass sich der Kandidat wohlfühlt, Persönliches preisgibt. Sie will unterhalten, das macht sie im Fernsehen seit Jahren. Aber zuletzt wurde sie doch auch sehr ernst.

Die kleine, blonde Frau gilt in Russland als It-Girl, als Party-Nudel, als russische Antwort auf Paris Hilton, die eine eigene Fernsehshow hat und in anderen selten fehlt. Aber das alles täuscht auch etwas. Sie hat Politikwissenschaft studiert, ist klug und einflussreich. Vor zwei Jahren machten sich die Passagiere eines Aeroflot-Flugs von Moskau nach New York Sorgen, weil der Pilot betrunken klang. Die Crew wollte beschwichtigen und losfliegen, Ksenia Sobtschak aber führte vom Handy aus ein paar Telefonate. Der Pilot wurde ausgetauscht. Wer das schafft, ist gut vernetzt in Russland.

Sobtschak ist in der Putin-Ära groß geworden und hat dem mächtigsten Politiker des Landes viel zu verdanken. Sie kennen sich gut und sehr lange. Ihr Vater Anatolij Sobtschak war der erste liberale Bürgermeister von Sankt Petersburg, ein Reformer der ersten Stunde - und der politische Förderer von Putin. Sobtschak war Putins Chef. Dieser stand auch zu ihm, als es Korruptionsvorwürfe gegen Sobtschak gab. Das Gerücht hält sich, Putin sei sogar Ksenia Sobtschaks Taufpate. Dazu will sie nichts sagen.