Wahlkampf in Österreich Taferlgate und eine Ministerin bei Youporn

Spott, Strache und ein Foto der Innenministerin bei Youporn: Welche Begleiterscheinungen zum Wahlkampf in Wien und Oberösterreich durchs Internet wabern.

Von Oliver Das Gupta, Wien

Das Thema Flüchtlinge dominiert nicht nur die Bundespolitik Österreichs. Es dürfte sich auch auf die Ergebnisse der anstehenden Landtagswahlen auswirken. Oberösterreich wählt am kommenden Sonntag, das Land Wien am 11. Oktober. Profit schlägt wohl nur eine Partei mit ihrem Anführer: Heinz-Christian Strache mit seiner rechtsradikalen FPÖ schlachtet die Causa genüsslich aus.

In einem Video wetterte Strache wegen der Flüchtlinge gegen die rot-schwarze Bundesregierung (wie ungenau und faktisch falsch er dabei argumentierte, kann man hier nachlesen). Vor allem aber wollte er sich bei dieser Gelegenheit - wenn auch suboptimal ausgeleuchtet - pseudopräsidial in Szene setzen, Fahnenschmuck und rot-weiß-rote Rosen inklusive.

In Richtung FPÖ gekippt

Straches virtuelle Selbstbeweihräucherung und Angstmache - in der Vergangenheit auch in (verspotteten) Sangesversuchen dargeboten - wurde in den ersten 24 Stunden mehr als eine Million Mal angesehen. Ein am selben Tag veröffentlichter Clip von Wiens SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl schaffte es nicht einmal auf 5000 Aufrufe. Angesichts hoher FPÖ-Umfragewerte kippte die im Bund mitregierende christsoziale Österreichische Volkspartei in der Flüchtlingsfrage in Richtung Strache-Truppe (hier mehr dazu). Auch im Stammland Oberösterreich erodiert die Landespartei in Richtung "blaue" FPÖ.

Als Sofortmaßnahme für ihren Rechtsschwenk beim Thema Asyl haben die konservativen Kommunikationsstrategen auf Schilder gesetzt, genauer: Schilder die hochgehalten werden. So soll demonstrativer Tatendrang suggeriert werden.

Was es mit den Tafeln als Polit-Instrument auf sich hat, muss man Nichtösterreichern erklären. Zu den inzwischen festen Eigenheiten des österreichischen Parlaments gehört es, dass Abgeordnete bedruckte Schilder hochhalten. Darauf: Zahlen und Grafiken, manchmal Slogans für oder gegen eine Sache. Im nichtaustriakischen Ausland mag das verblüffen (im Deutschen Bundestag wird man für solche Aktionen des Saales verwiesen).

Für österreichische Politiker - von der FPÖ über die liberalen NEOS bis hin zu den Grünen - gilt dieses Gebaren alles andere als trottelhaft. Es ist inzwischen Usus, "Taferl" zu recken, so wie es die Republik vom verstorbenen Rechtspopulisten Jörg Haider vorgemacht bekommen hat.

Eingedenk dieser zeigefreudigen Tradition verlässt sich jetzt auch die ÖVP wieder aufs Schild. Und zwar sowohl die Nationalratsabgeordneten (dazu später), als auch das Spitzenpersonal an der Regierung: Die vier konservativen Bundesminister, darunter Parteichef Reinhold "Django" Mitterlehner und der alerte Außenamtschef Sebastian Kurz, halten ein ein großes Taferl in die Kamera. "ÖVP-Aktionsplan Asyl" ist darauf zu lesen. Die Politiker gucken so supersorgenvollseriös drein, dass den Betrachtern die Melange sauer wird.

Das Netz fackelte nicht lange. Es modelte die Beschriftung fantasievoll um und erfand die Hashtags #taferlgate und #bigtaferlgate.

Auch die von den ÖVP-Abgeordneten im Parlament hochgehaltenen Taferl (Text unter anderem "Kein Asyl à la carte") wurden entsprechend neu betextet.

So viel Spott fand auch der heutige Anführer der Haider-Partei FPÖ witzig. Auf seiner Facebookseite postete Heinz-Christian Strache einige Varianten. Diese hier (man beachte die nun nach oben gezogenen Mundwinkel) fehlte allerdings:

Denn unter dem Hashtag #immernochbesseralsStrache war in den Tagen zuvor schon eine Welle durch Twitter geschwappt.

Angesichts der steigenden Umfragewerte haben Leser kundgetan, welche Mühen und Ärgernisse sie lieber in Kauf nehmen würden als den FPÖ-Chef.

Auch aus dem deutschen Ausland stammende Wiener und Leute von den politischen Mitbewerbern witzelten mit.

Inzwischen gibt es eine Facebookseite, auf der einschlägige Videos gesammelt werden. Dort berichtet ein Mann mit Sommergrippe, er sei leide lieber krank, als den FPÖ Chef zu ertragen. Es gibt auch ausgefallenere Videos: Manche User träufeln sich Zitronensaft ins Auge, sie füllen Kuhfladen ab, sie kauen mit schmerzverzerrtem Gesicht auf zerkleinerten Chilischoten herum - und beteuern unisono, dass dies für sie immer noch angenehmer als der Rechtspopulist sei.

Auch Strache selbst, der sich für Kampagnenvideos gerne auf Wiener Hausdächern filmen lässt, erhält in diesen Tagen ein ummontiertes Taferl, das ihn vom Anti-Asyl-Wetterer zur Gegenseite überlaufen lässt.

Die in Wien regierende SPÖ - auch sie wird von der FPÖ in Umfragen arg bedrängt - bekam inzwischen ebenso ein ausgetauschtes Taferl kredenzt.

Die österreichischen Piraten sorgen derweil mit einer Internetkampagne für Aufsehen. Die Kleinstpartei verbindet dabei Polit-Jux mit den Themen Datenschutz und Privatsphäre. Bei der eifrig frequentierten Sexseite Youporn schalteten die Piraten ein Werbebanner. Darauf zu sehen der Kopf der ÖVP-Ministerin Mikl-Leitner und der Spruch: "Johanna möchte dir zuschauen!"

Österreichs Konservative haben momentan wirklich nicht viel zu lachen. Und an den Wahltagen wohl noch weniger.

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