Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus:Wie sich Berlin verändert

Seine Freundin Miriam, eine Modedesignerin aus Spanien, sieht schon noch ein paar weitere Probleme. "Es ist toll, dass wir alle hier sind", sagt sie. "Aber manchmal fürchte ich auch, dass Berlin dadurch seine Identität verliert. Ich meine: Wir sprechen nicht mal deutsch - wie peinlich."

Und wie kamen sie in die Wohnung im Hochhaus? Leute wie Miriam und Cameron erwartet man eigentlich eher in einer Altbau-Wohnung in Kreuzberg oder Neukölln. Doch Cameron mag das Leben in der alten DDR-Platte, wo lange, spärlich beleuchtete Flure zu kleinen Wohnungen führen und es nach Linoleum riecht: "Es wohnen so viele unterschiedliche Leute hier." Er erzählt von Rentnern, die noch zu zu DDR-Zeiten hoffnungsvoll hier eingezogen sind und nun auf tätowierte Kerle träfen, die ihnen nicht geheuer seien. "Aber die sehen nur furchterregend aus, eigentlich sind sie total nett."

Dass Leute wie Cameron inzwischen in Plattenbauten immer häufiger anzutreffen sind, hat aber noch einen anderen Grund. Der Wohnraum in den Innenstadt-Kiezen wird knapp, die Mieten steigen. Da kann sich auch manch ein junger Software-Entwickler den begehrten Altbau nicht mehr leisten. Also eben Platte. "250 Euro für die Wohnung! Das ist doch großartig", sagt Cameron und lacht. Gleichzeitig weiß er: Die Alteingesessenen fürchten, von Leuten wie ihm verdrängt zu werden. 20 Prozent aller Berliner gelten als arm. Von der Politik fühlen sie sich im Stich gelassen.

Das wird im weiteren Verlauf des Nachmittags deutlich. Denn außer Cameron und Danti will kaum jemand über Politik sprechen. An einem kleinen Spielautomaten in seinem Kiosk sitzt zum Beispiel eine Frau mit blondierten, strubbeligen Haaren, ein ganzkörpertätowierter Vater fährt mit seiner Tochter Roller auf dem Gehsteig. Zwei Männer trinken Bier in der Sonne. "Keen Bock", "Damit will ich nichts zu tun haben" und "Was bringt das denn", lautet ihr Credo.

Schließlich spricht doch einer der älteren Bewohner: Herr K., 61 Jahre, ein freundlicher Mann mit grau-blonden Haaren, die lustig vom Kopf abstehen. Sein wichtigstes Thema vor der Wahl ist die Sicherheit. "Viele Leute trauen sich heute nicht mehr auf die Straße", sagt er und weist in Richtung Alexanderplatz, wo Samstagabends häufig die Betrunkenen aneinandergeraten. Er beobachte eine gestiegene Aggressivität in Bus und U-Bahn und beschwert sich: "Hier sitzen teilweise auch die Nachbarn schon tagsüber mit dem Bier auf der Straße. Obwohl ein paar Meter weiter Kinder spielen."

Schlechte Erfahrungen in der Zeitarbeitsfirma

Das, findet er, kann doch nicht sein. Zu dieser Haltung passt eigentlich gut, dass er die vergangenen Jahre CDU gewählt hat. Deren Innensenator Frank Henkel versuchte sich zuletzt als Law-and-Order-Mann - mit bescheidenem Erfolg, wie viele Kritiker finden. Doch das ist nicht der Hauptgrund, warum Herr K. noch zweifelt, ob er wieder die CDU wählen soll. Der liegt eher in seiner Lebensgeschichte. Er kam 1989 aus einem Dorf in Schleswig-Holstein nach Berlin. "Ich war kein Flippi", sagt er, "doch ich wollte weg von meinen Nazi-Eltern, weg von der Enge auf dem Dorf und der Langeweile." In Berlin lief es erst gut für ihn, er hatte diverse Jobs. Doch dann wurde er vor ein paar Jahren arbeitslos.

"Ich habe dann zweieinhalb Jahre in einer Zeitarbeitsfirma gearbeitet", sagt er. "Die haben mich um meinen Lohn betrogen, mich schlecht behandelt." Doch im Jobcenter habe man ihm gesagt: Du musst bleiben, sonst gibt es kein Geld. "Ich bin wirklich keiner, der sich auf die faule Haut legt - aber dass ich mich so über den Tisch ziehen lassen muss, das finde ich auch nicht."

Er habe Wahlkämpfer und Lokalpolitiker der CDU auf dieses Problem angesprochen, die von der SPD ebenso. Doch die hätten nur mit den Schultern gezuckt. "Wenn es darum geht, das Stadtschloss wieder aufzubauen, da haben sie auf einmal Zeit, da können sie Geld irgendwo her organisieren", schimpft Herr K. Einen von der CDU habe er mal gefragt, wozu Berlin überhaupt ein Schloss brauche - wo es doch vielen Einwohnern finanziell schlecht ginge. "Er sagte nur ein Wort: Touristen. Aber sind Touristen etwa mehr wert als die Berliner?"

Eines ist ihm noch wichtig, bevor er sich höflich verabschiedet: Die AfD wähle er auf keinen Fall. Denn schließlich sei er damals vor seinen Nazi-Eltern abgehauen, um in Berlin die Freiheit zu finden. Mit all ihren Vor- und Nachteilen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB