Süddeutsche Zeitung

Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus:"Sind Touristen etwa mehr wert als die Berliner?"

In den Plattenbauten am Alexanderplatz leben längst nicht mehr nur DDR-Rentner. Welche Probleme die Bewohner vor der Wahl umtreiben.

Reportage von Hannah Beitzer, Berlin

Igitt. Das käme wohl heraus, müsste man die Meinung vieler Berliner über den Alexanderplatz auf ein Wort zusammenschnurren. Zu viele Touristen, zu viele Party-Proleten, hässliche Hochhäuser, laute Straßen, es stinkt, es lärmt, es nervt. Doch kurz vor dem Berliner Wahlkampf ist die Gegend um den berühmten Fernsehturm ein perfekter Ort - weil hier, in der Mitte Berlins, viele Entwicklungen und Probleme der Stadt zusammenkommen, die den Ausgang dieser Wahl bestimmen.

Viele der neu gebauten Hochhäuser in der Umgebung beherbergen Luxusappartments, die bei reichen Russen beliebt sind. Und auch die alten Plattenbauten aus DDR-Zeiten verlieren ihren Igitt-Ruf nach und nach. Als nach der Wende die DDR-Elite auszog, lebten dort viele, die anderswo keinen Platz fanden: Drogensüchtige, Sozialhilfeempfänger, Migranten. Inzwischen wohnen hier im teuren Bezirk Mitte auch Studenten, junge Paare, Singles und Familien mit kleinem Einkommen.

Kriminalität macht vielen Berlinern Sorgen

Vor einer der Platten sitzt an einem Samstagmittag Danti. Er arbeitet in einem kleinen Kiosk im Erdgeschoss, heißt eigentlich anders - plaudert aber gern über die Stadt. Auf die Frage, ob sich denn viel verändert habe die vergangenen fünf Jahre, lacht er ungläubig. "Schauen Sie sich um! Überall Baustellen! Hier ist überhaupt nichts mehr wie vor fünf Jahren." Nur der Plattenbau, in dem er arbeitet. Der sieht seit seiner Entstehung in den 80er Jahren so aus - nicht schön, aber funktional.

Danti, der vor 20 Jahren aus Albanien nach Berlin kam, findet es gut, dass das Viertel aufpoliert wird. Er zeigt die Straße entlang Richtung Weinmeisterstraße, wo inzwischen keine Plattenbauten mehr stehen, sondern schicke Boutiquen. Und in die andere Richtung, auf den Fernsehturm und Hochhäuser, auf Bagger und wuselnde Touristen. "Früher wollte hier keiner sein, das ist doch jetzt besser."

Er ist also zufrieden mit seinem Leben in Berlin-Mitte. Richtig schlimm findet er nur eine Sache. "Es gibt zu viele Leute, die keinen Respekt haben vor der Polizei." Die Kriminalität ist ein Thema, das viele Berliner umtreibt. Der Alexanderplatz gilt als Kriminalitätsschwerpunkt, spätestens seit 2012 ein 20-Jähriger nach einer brutalen Prügelattacke am Alex starb. "Erst letzte Woche gab es hier wieder eine Messerstecherei", berichtet Danti. Ein bisschen ruhiger als sonst käme es ihm zwar vor diesen Sommer, aber dafür seien kriminelle Gangs nun am Kottbusser Tor in Kreuzberg unterwegs - auch so ein Berliner Kriminalitätsschwerpunkt.

Viele Berliner dürfen gar nicht wählen

Danti sagt dazu einen Satz, wie er typisch ist für viele ältere Migranten in Berlin: "Ich bin ja selber Ausländer - aber es gibt einfach zu viele Leute, die hierher kommen, und die Regeln nicht beachten. Da muss der Staat hart durchgreifen." Sein kleiner Sohn rennt an den Tisch, zeigt stolz ein Spielzeugauto. "Das würde ich auch sagen, wenn mein eigenes Kind Mist bauen würde", sagt Danti mit einem Blick auf den Jungen.

Wem aber wird Danti am 18. September seine Stimme geben? "Ich darf leider nicht wählen, ich habe keinen deutschen Pass", sagt er. Er ist kein Einzelfall. Fast 15 Prozent der Berliner haben keinen deutschen Pass. In Stadtteil Mitte, wo Dantis Kiosk steht, sind es 24 Prozent. Menschen wie Danti, die teilweise seit Jahrzehnten in der Hauptstadt wohnen, prägen die Stadt im alltäglichen Leben - und auch ihr Bild nach außen: der albanische Kioskverkäufer, der türkische Gemüsehändler sind Typen, die jeder sofort mit Berlin assoziiert. Fast die Hälfte der Berliner hat einen Migrationshintergrund. Über die Politik der Stadt mitentscheiden dürfen sie jedoch nicht.

Auch Cameron aus Südafrika, der gerade vor dem Hochhaus sein Fahrrad aufschließt, gehört zu diesen Menschen. Der junge Software-Entwickler mit der Surfer-Frisur verkörpert einen weiteren Hauptstadt-Charakter, der für das Selbstverständnis Berlins gerade vor der Wahl eine große Rolle spielt. Er kam vor drei Jahren hierher, um für ein Startup zu arbeiten. Dass so viele junge, kreative Leute hier die Möglichkeit zur Selbstentfaltung haben, findet er großartig. "Die Politik sollte alles dafür tun, die Berliner Freiheit zu erhalten."

Die Stadt sei eine einzige Experimentierfläche - als Beispiel nennt er das Tempelhofer Feld, dessen Bebauung die Berliner 2014 per Volksentscheid verhinderten. "Das muss unbedingt frei bleiben." An manchen Ecken geht ihm die Freiheit aber doch zu weit. "In den Partybezirken sind zu viele Touristen, die ihren Dreck überall hinschmeißen, keine Rücksicht auf die Bewohner nehmen", sagt er. Dagegen müsse die Politik etwas machen.

Wie sich Berlin verändert

Seine Freundin Miriam, eine Modedesignerin aus Spanien, sieht schon noch ein paar weitere Probleme. "Es ist toll, dass wir alle hier sind", sagt sie. "Aber manchmal fürchte ich auch, dass Berlin dadurch seine Identität verliert. Ich meine: Wir sprechen nicht mal deutsch - wie peinlich."

Und wie kamen sie in die Wohnung im Hochhaus? Leute wie Miriam und Cameron erwartet man eigentlich eher in einer Altbau-Wohnung in Kreuzberg oder Neukölln. Doch Cameron mag das Leben in der alten DDR-Platte, wo lange, spärlich beleuchtete Flure zu kleinen Wohnungen führen und es nach Linoleum riecht: "Es wohnen so viele unterschiedliche Leute hier." Er erzählt von Rentnern, die noch zu zu DDR-Zeiten hoffnungsvoll hier eingezogen sind und nun auf tätowierte Kerle träfen, die ihnen nicht geheuer seien. "Aber die sehen nur furchterregend aus, eigentlich sind sie total nett."

Dass Leute wie Cameron inzwischen in Plattenbauten immer häufiger anzutreffen sind, hat aber noch einen anderen Grund. Der Wohnraum in den Innenstadt-Kiezen wird knapp, die Mieten steigen. Da kann sich auch manch ein junger Software-Entwickler den begehrten Altbau nicht mehr leisten. Also eben Platte. "250 Euro für die Wohnung! Das ist doch großartig", sagt Cameron und lacht. Gleichzeitig weiß er: Die Alteingesessenen fürchten, von Leuten wie ihm verdrängt zu werden. 20 Prozent aller Berliner gelten als arm. Von der Politik fühlen sie sich im Stich gelassen.

Das wird im weiteren Verlauf des Nachmittags deutlich. Denn außer Cameron und Danti will kaum jemand über Politik sprechen. An einem kleinen Spielautomaten in seinem Kiosk sitzt zum Beispiel eine Frau mit blondierten, strubbeligen Haaren, ein ganzkörpertätowierter Vater fährt mit seiner Tochter Roller auf dem Gehsteig. Zwei Männer trinken Bier in der Sonne. "Keen Bock", "Damit will ich nichts zu tun haben" und "Was bringt das denn", lautet ihr Credo.

Schließlich spricht doch einer der älteren Bewohner: Herr K., 61 Jahre, ein freundlicher Mann mit grau-blonden Haaren, die lustig vom Kopf abstehen. Sein wichtigstes Thema vor der Wahl ist die Sicherheit. "Viele Leute trauen sich heute nicht mehr auf die Straße", sagt er und weist in Richtung Alexanderplatz, wo Samstagabends häufig die Betrunkenen aneinandergeraten. Er beobachte eine gestiegene Aggressivität in Bus und U-Bahn und beschwert sich: "Hier sitzen teilweise auch die Nachbarn schon tagsüber mit dem Bier auf der Straße. Obwohl ein paar Meter weiter Kinder spielen."

Schlechte Erfahrungen in der Zeitarbeitsfirma

Das, findet er, kann doch nicht sein. Zu dieser Haltung passt eigentlich gut, dass er die vergangenen Jahre CDU gewählt hat. Deren Innensenator Frank Henkel versuchte sich zuletzt als Law-and-Order-Mann - mit bescheidenem Erfolg, wie viele Kritiker finden. Doch das ist nicht der Hauptgrund, warum Herr K. noch zweifelt, ob er wieder die CDU wählen soll. Der liegt eher in seiner Lebensgeschichte. Er kam 1989 aus einem Dorf in Schleswig-Holstein nach Berlin. "Ich war kein Flippi", sagt er, "doch ich wollte weg von meinen Nazi-Eltern, weg von der Enge auf dem Dorf und der Langeweile." In Berlin lief es erst gut für ihn, er hatte diverse Jobs. Doch dann wurde er vor ein paar Jahren arbeitslos.

"Ich habe dann zweieinhalb Jahre in einer Zeitarbeitsfirma gearbeitet", sagt er. "Die haben mich um meinen Lohn betrogen, mich schlecht behandelt." Doch im Jobcenter habe man ihm gesagt: Du musst bleiben, sonst gibt es kein Geld. "Ich bin wirklich keiner, der sich auf die faule Haut legt - aber dass ich mich so über den Tisch ziehen lassen muss, das finde ich auch nicht."

Er habe Wahlkämpfer und Lokalpolitiker der CDU auf dieses Problem angesprochen, die von der SPD ebenso. Doch die hätten nur mit den Schultern gezuckt. "Wenn es darum geht, das Stadtschloss wieder aufzubauen, da haben sie auf einmal Zeit, da können sie Geld irgendwo her organisieren", schimpft Herr K. Einen von der CDU habe er mal gefragt, wozu Berlin überhaupt ein Schloss brauche - wo es doch vielen Einwohnern finanziell schlecht ginge. "Er sagte nur ein Wort: Touristen. Aber sind Touristen etwa mehr wert als die Berliner?"

Eines ist ihm noch wichtig, bevor er sich höflich verabschiedet: Die AfD wähle er auf keinen Fall. Denn schließlich sei er damals vor seinen Nazi-Eltern abgehauen, um in Berlin die Freiheit zu finden. Mit all ihren Vor- und Nachteilen.

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