Wahl in Österreich Am Ende wird der Wahlkampf in Österreich noch einmal schmutzig

Im letzten TV-Duell verhielten sich die Kandidaten wie zwei Mannschaften, die das Elfmeterschießen sicher erreicht haben, aber noch mit der ein oder anderen Blutgrätsche Eindruck machen wollen.

(Foto: REUTERS)

Zuletzt waren die Kandidaten Van der Bellen und Hofer überraschend pfleglich miteinander umgegangen. Nicht so in der letzten TV-Debatte. Kann einer der beiden daraus einen Vorteil ziehen?

Von Paul Munzinger, Wien

Nun gab es sie also doch noch: die Schlussoffensive, die eigentlich keiner mehr für möglich gehalten hatte. Drei Tage vor der Präsidentschaftswahl am Sonntag, zum Abschluss des längsten Wahlkampfs in der Geschichte Österreichs, lieferten sich die Kandidaten Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer am Donnerstagabend ein Fernsehduell im ORF, das in seinen Abgründen an die legendär-schmutzige Debatte ohne Moderator aus dem Frühjahr erinnerte; an Zeiten, die eigentlich vorbei zu sein schienen. Wer auch immer am Sonntag den Einzug in die Wiener Hofburg feiern darf - dem Ansehen des Amts hat dieser Abend nicht gedient.

Drei TV-Duelle hatten der ehemalige Grünen-Chef und der FPÖ-Kandidat allein in den vergangenen zwei Wochen absolviert. Dabei waren sie, gemessen an den beiden ersten Debatten vor der später annullierten Wahl im Mai, so pfleglich miteinander umgegangen, dass die politischen Analysten sich nur noch mit Sportmetaphern zu helfen wussten. Die Wochenzeitung Falter klagte, die Kandidaten hielten im Wahlkampffinale den Ball so flach, "dass er nicht mehr rollt". Van der Bellen und Hofer, analysierte ein Anderer, schleppten sich der Wahl entgegen wie zwei Fußballmannschaften in der 116. Minute, die sich nur noch ins Elfmeterschießen retten wollen.

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Am Donnerstag verhielten sich die Kandidaten dann eher wie zwei Mannschaften, die das Elfmeterschießen sicher erreicht haben, aber noch mit der ein oder anderen Blutgrätsche Eindruck machen wollen. Das gilt nicht nur, aber insbesondere für Norbert Hofer, der schon optisch auf Angriff umgeschaltet hatte: Das berühmte Samtlächeln, das der FPÖ-Kandidat in den vergangenen Wochen wie eine Mauer um sich errichtet hatte, zeigte er an diesem Abend nur ein einziges Mal, ganz am Ende. Stattdessen: Empörung, Fassungslosigkeit, Grimm. Hofer, so viel steht schon mal fest, versteht es weit besser als Van der Bellen, über seine Mimik auch dann zu sprechen, wenn er schweigt.

Das Hauen und Stechen begann, als Van der Bellen ein Foto seines vor Jahrzehnten verstorbenen Vaters vorzeigte. Eine FPÖ-Politikerin hatte diesem eine Nazi-Vergangenheit angedichtet, nun wolle er durch das Bild verdeutlichen, erklärte Van der Bellen, dass es sich um einen realen Menschen handle, der da diffamiert werde, um einen Menschen zumal, der sich nicht mehr wehren könne. Ein seltener Versuch des emeritierten Ökonomieprofessors, selber die Initiative zu ergreifen und mit Emotionen statt mit Argumenten zu punkten.

Hofer reagierte ungehalten. Ein "schweres Foul" habe Van der Bellen begangen, auch sein, Hofers, Vater sei als Nazi beschimpft worden, genauso wie er selbst. Es folgten die Vorwürfe, die Hofer und die FPÖ bei den Zuschauern schon seit Wochen und Monaten durch ständiges Wiederholen zu etablieren versuchen: Van der Bellen sei ein Kommunist, ein Freimaurer. Dann aber noch ein neuer Vorwurf, noch abenteuerlicher, noch untergriffiger, wie man in Österreich sagt: Van der Bellen habe für den Osten spioniert. "Das ist das mieseste, was ich seit langem erlebt habe", erwiderte Van der Bellen, der wahrscheinlich in diesem Moment schon ahnte, dass es sich mit diesem Gerücht verhalten wird wie mit allen anderen: Sie mögen noch so haltlos sein, irgendetwas bleibt hängen.

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Inhaltlich wurde übrigens auch diskutiert, über die EU, über Volksabstimmungen, über innere Sicherheit. Doch die Debatte entglitt der Moderatorin Ingrid Thurnher immer wieder. Häufig fielen die Kandidaten einander ins Wort und bezichtigten sich wechselseitig der Lüge, wobei Hofer, was die Anzahl derartiger Behauptungen angeht, klarer Punktsieger blieb. Dass Van der Bellen ein Lügner sei, war Hofers Leitmotiv des Abends, so wie es zuvor schon der Vorwurf des Kommunismus gewesen war oder die Unterstellung, der 72-jährige sei vergesslich.

Am Ende wurde es also doch noch einmal schmutzig. Die Frage lautet: Kann einer der Kandidaten aus diesem unwürdigen Abend einen entscheidenden Vorteil ziehen? Norbert Hofer, so lautet eine mögliche Antwort, könnte seine Anhänger mit der aggressiven Diskussionsführung überzeugt, aber Wähler der umkämpften Mitte abgeschreckt haben. Gut möglich ist aber auch, dass die Österreicher nach fast einem Jahr Wahlkampf längst wissen, wen sie wählen. Dann hätte der Abend keinen Sieger, sondern nur einen Verlierer: das Amt des Bundespräsidenten.

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