Ursula von der Leyen:Das ist die Frau, die Europa führen soll

Ursula von der Leyen ist die Tochter eines ehemaligen Ministerpräsidenten, Ärztin, siebenfache Mutter - und hat mal unter falschem Namen im Ausland gelebt. Ihre Karriere in Bildern.

Von Philipp Saul

12 Bilder

FILE PHOTO: German Defense Minister von der Leyen poses with EU Commission President Juncker in Brussels

Quelle: REUTERS

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In den vergangenen Tagen ist Ursula von der Leyen mehrfach in die Stadt ihrer Geburt zurückgekehrt. Am 8. Oktober 1958 kam sie in der belgischen Hauptstadt Brüssel (in der Gemeinde Ixelles/Elsene) zur Welt, wo seit ihrem Geburtsjahr die Geschicke der EU-Kommission geleitet werden. In Brüssel und Straßburg versuchte die Kandidatin für den Kommissionsvorsitz bei den Fraktionen im Europaparlament für sich zu werben, um Nachfolgerin von Jean-Claude Juncker zu werden.

Von der Leyen als EU-Kommissionspräsidentin nominiert

Quelle: dpa

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Bereits ihr Vater Ernst Albrecht, später Ministerpräsident von Niedersachsen, war in der europäischen Diplomatie tätig (hier im Bild bei einem gemeinsamen Auftritt 2007). Er begann seine Karriere als Attaché bei der Montanunion, einem der Vorläufer der EU, und stieg später zum Generaldirektor für Wettbewerb bei der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) auf, dem nächsten EU-Vorläufer.

Bis 1971 besucht von der Leyen die "Europäische Schule" in Brüssel. Dort lernt sie Englisch und Französisch in einer Perfektion, die für deutsche Politiker ihrer Generation ungewöhnlich ist. Das hilft ihr noch heute bei Verhandlungen und Vorträgen im Kreise von EU und Nato.

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Quelle: Claus Schunk

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Ihr Abitur macht von der Leyen 1976 im niedersächsischen Lehrte, studiert erst Archäologie und danach unter anderem in Göttingen Volkswirtschaftslehre - ohne großen Erfolg, wie sie selbst sagt. Besser passte allerdings ihre zweite Studienfachwahl: Medizin. Von der Leyen ist approbierte Ärztin.

Ihren Studienort wechselt sie 1978 zunächst aber vor allem aus Sicherheitsgründen. In einem Interview berichtet sie später von der damals für sie - als Tochter des inzwischen zum Ministerpräsidenten aufgestiegenen Ernst Albrecht - sehr akuten Bedrohung durch die RAF und einer "breiten Sympathisantenszene" an der Göttinger Universität.

Auf Anraten des Landeskriminalamts geht sie deshalb an die London School of Economis und lebt dort 1978 für ein Jahr unter einem Pseudonym. Sie legt sich den Nachnamen ihrer Urgroßmutter aus South Carolina zu: Rose Ladson.

Ursula von der Leyen

Quelle: Regina Schmeken

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1990 tritt von der Leyen in die Partei ihres Vaters ein: die CDU. Ihre politische Karriere nimmt zwar erst einige Jahre später an Fahrt auf, verläuft dann aber umso steiler. Nach der Jahrtausendwende ist sie zunächst in verschiedenen Positionen in der niedersächsischen Kommunalpolitik aktiv, bevor sie 2003 in den Landtag gewählt wird. Dort steigt sie sogleich zur Ministerin für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit im Kabinett von Christian Wulff auf. In dieser Position bleibt sie allerdings nicht lange.

Angela Merkel, Ursula von der Leyen, CDU-Bundesparteitag, 2004

Quelle: dpa/dpaweb

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Seit 2004 ist sie im Bundesvorstand der CDU (hier ist die frisch ins Präsidium gewählte von der Leyen zusammen mit Angela Merkel auf dem Bundesparteitag in Düsseldorf zu sehen.) Bereits 2005 verlässt die Niedersächsin die Landespolitik und geht in die Bundespolitik: Zusammen mit Merkel macht sich von der Leyen auf, die CDU zu modernisieren. Die neue Bundeskanzlerin beruft sie als Familienministerin in ihr erstes Kabinett.

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Quelle: Stephan Rumpf

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Zusammen mit ihrem Ehemann Heiko von der Leyen hat die Politikerin sieben Kinder, die alle zwischen 1987 und 1999 geboren wurden. Die jugendlich-forsch wirkende von der Leyen gilt Konservativen als Vorzeigefamilienministerin und Liberalen als Verheißung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Kaum tritt sie als Familienministerin an, stürzt sie sich schon in den Kampf mit den Konservativen in der CDU und den Kritikern in den Ländern. Dass ältere Christdemokraten sie belächeln, schadet nicht ihr, sondern den alten Männern. Was von der Leyen in der Familienpolitik bewegt, zählt zu ihren größten Errungenschaften. Sie liefert konkrete Ergebnisse: beim Elterngeld und beim Krippenausbau.

Bundestag

Quelle: dpa

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Nach ihrer Zeit im Familienministerium sind die Erwartungen groß, als von der Leyen 2009 nach vier Jahren ins Arbeitsministerium wechselt. Dort kann sie zwar die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt zu ihrem Vorteil nutzen, aber die Spuren, die sie in dieser Zeit hinterlässt, sind kleiner.

Projekte wie die Geringverdienerrente und die Frauenquote stoßen seitens der FDP (hier im Bild ist sie mit dem damaligen Wirtschaftsminister Rainer Brüderle zu sehen) und in den eigenen Reihen auf Widerstand. Bildungsgutscheine und ihr angestrebter Kampf gegen Altersarmut finden wenig Anklang.

German Chancellor Merkel is congratulated by German Labour Minister Von der Leyen after first exit polls in German general election at the CDU party headquarters in Berlin

Quelle: REUTERS

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Auch in ihrer Zeit als Arbeitsministerin gilt von der Leyen als enge Vertraute und potenzielle Nachfolgerin von Kanzlerin Merkel. Zwischenzeitlich ist sie eine der heißen Kandidaten bei der Suche nach einem neuen Bundespräsidenten nach dem Rücktritt von Horst Köhler. Im Bundestagswahlkampf 2013 zieht sie die Menschen an und kann für die CDU punkten. Entsprechend selbstbewusst tritt sie bei der Vergabe der Posten in der neuen Regierung auf. Merkel will die Ärztin 2013 zur Gesundheitsministerin machen, aber von der Leyen hat andere Pläne. Bis heute gilt sie als einzige Ministerin, die der Kanzlerin bei der Kabinettsauswahl Forderungen gestellt hat.

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) 2015 in Hannover mit zwei Bundeswehr-Soldaten.

Quelle: dpa

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Von der Leyen will das schwierige Verteidigungsministerium übernehmen. Das Amt gilt als Schlangengrube und politischer Schleudersitz. Ihr Vorgänger und Parteifreund Thomas de Maizière hinterlässt ihr viele Baustellen. Auf die neue Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt warten Mammutaufgaben: Die große Reform der Bundeswehr wird seit Jahren diskutiert und nun schrittweise durchgeführt. Die Größe der Truppe ist geschrumpft, Kasernen werden geschlossen, andere Standorte zusammengelegt und der vollständige Rückzug aus Afghanistan muss koordiniert werden. Ihr Ziel sei es, die Bundeswehr als Arbeitgeber attraktiver zu machen und weiter für Frauen zu öffnen, sagte von der Leyen damals. Zehn Prozent der Berufs- und Zeitsoldaten sind weiblich.

Von der Leyen als EU-Kommissionspräsidentin nominiert

Quelle: dpa

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Nach außen findet ihre Arbeit Anerkennung. Ganz besonders unter den osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten - denn von der Leyen ist dafür eingetreten, dass sich die Bundeswehr im Rahmen der Nato gegen die russischen Provokationen im Osten Europas engagiert. Von der Leyen gelingt es, die Abwärtsspirale zu stoppen, in der sich die Bundeswehr befindet. Die Truppe kehrt in die Fläche zurück. Stillgelegte Kasernen werden wieder mit Leben gefüllt, die Truppe wächst wieder. Die Bundeswehr kauft neue Panzer, Schiffe und Flugzeuge. Seitdem sie das Haus führt, ist der Etat von rund 30 Milliarden Euro auf bald 45 Milliarden Euro angestiegen.

Verteidigungsministerin reist ins Baltikum

Quelle: Arne Immanuel Bänsch/dpa

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Dennoch muss sie sich immer wieder der Kritik von Nato-Partnern erwehren, die ein noch höheres Verteidigungsbudget fordern. Und auch sonst läuft nicht alles gut: Auch mit viel Geld lässt sich nicht schnell wieder aufbauen, was in vielen Jahren abgebaut wurde. Bei neuen Rüstungsprojekten ist das Beschaffungsamt teilweise überfordert. Immer wieder gibt es Beschwerden über die Qualität des Materials. Kontrollen funktionieren nicht. Die Sanierungskosten des Segelschulschiffes Gorch Fock sind von geplanten zehn Millionen Euro auf 135 Millionen angestiegen. Und noch immer sind mehr als 1000 Soldaten in Afghanistan.

Fragwürdig ist auch die Nähe zu externen Beratern. Beraterfirmen kommen zum Zuge, deren Mitarbeiter zu Spitzenbeamten im Haus teils freundschaftliche Beziehungen führen. Im Bundestag befasst sich deshalb ein Untersuchungsausschuss damit.

German Defense Minister von der Leyen briefs the media at the EU Parliament in Brussels

Quelle: REUTERS

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Weil von der Leyen als Verteidigungsministerin immer wieder in der Kritik steht, ist vom einstigen Ruhm immer weniger übrig. In den Wettbewerb um den CDU-Vorsitz ist sie nicht mehr eingetreten. Das Aufpäppeln der Bundeswehr hat sie komplett in Besitz genommen. Der Ruf nach Brüssel kommt deshalb für die Öffentlichkeit überraschend - auch, weil sie bei der Europawahl nicht als Spitzenkandidatin angetreten ist. Bei den Europaparlamentariern bekommt sie deshalb heftigen Gegenwind.

Aber von der Leyen gilt als überzeugte Europäerin und kündigt schon vor der Wahl am Dienstag an, unabhängig vom Ausgang der Abstimmung im Europäischen Parlament am Mittwoch als Verteidigungsministerin zurückzutreten. Sie empfinde tiefen Dank für die Zeit bei der Bundeswehr. Dort hat sie manches zum Guten gewendet, aber der Truppe auch neue Probleme beschert - das ist die Bilanz, mit der sie nach Brüssel aufbricht. Die Abgeordneten im Parlament wählen sie mit einer sehr knappen Mehrheit zur neuen Kommissionspräsidentin. Am 1. November tritt sie ihr neues Amt an.

© SZ.de/dayk
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