Victoria Woodhull Die erste Frau, die US-Präsidentin werden wollte

Victoria Claflin Woodhull wurde 1838 geboren, sie starb 1927 - da durften Frauen immerhin schon wählen.

(Foto: Getty Images)

Vor 144 Jahren bewarb sich Victoria Woodhull für das Amt. Hillary Clintons vergessene Vorgängerin predigte freie Liebe und wollte einen Schwarzen zu ihrem Stellvertreter machen.

Von Susan Vahabzadeh

Hillary Clinton ist die erste Frau, die gute Chancen hat, US-Präsidentin zu werden. Was sie auf jeden Fall nicht ist: die erste amerikanische Präsidentschaftskandidatin. Sie wird mindestens die dritte sein. Charlene Mitchell trat 1968 an, sie war viel radikaler, schwarz und Kandidatin der Kommunisten.

Allererste Bewerberin aber war Victoria Woodhull, die feministischer war als Hillary Clinton. Zu einer Zeit, als Frauen nicht mal Wahlrecht hatten: Woodhull trat 1872 an. Erst 48 Jahre später konnten Frauen in den USA erstmals wählen.

Was Woodhull damals wagte, wirkt noch heute tollkühn. Sie forderte nicht nur Gleichberechtigung, sie stand auch gleich noch ein für fleischlose Ernährung, propagierte freie Liebe, Geburtenkontrolle und verlangte ordentliche sexuelle Aufklärung an allen Schulen, und, ach so, ja: Sie besaß eine Zeitung, und diese hat erstmals das Kommunistische Manifest auf Englisch veröffentlicht.

Wie viel Angriffsfläche würde Woodhull wohl bieten in einem Wahlkampf gegen Donald Trump und seine Anhänger? Man muss allerdings einräumen: Als die Wahlen 1872 im November stattfanden, saß Victoria Woodhull schon im Gefängnis.

Es war von Anfang an eine skandalöse Affäre, die die New Yorker Frauenbewegung um 1870 herum mit Woodhull eingegangen war. Sie gehörte nicht zu dem eher elitären Zirkel aus Feministen und liberalen Vordenkern, die sich für das Frauenwahlrecht einsetzten; die kamen aus der New Yorker Oberschicht.

Was Woodhull tat, wie sie lebte: alles anrüchig

Victoria Claflin Woodhull stammte aus Ohio, die Eltern waren im weitesten Sinne fahrendes Volk, der Vater drehte ahnungslosen Kunden selbstgebraute Medizin an, und man hielt spiritistische Sitzungen ab, was damals allerdings nicht annähernd so abseitig war, wie es heute klingt.

Victoria arbeitete mit Sicherheit als Schauspielerin, vielleicht gar als Prostituierte - auf jeden Fall heiratete sie mehrfach. Alles anrüchig. Sie hat allerdings aus ihren Möglichkeiten das Beste gemacht.

Denn als die New Yorker Suffragetten um Susan B. Anthony und Elizabeth Cady Stanton sich ihrer annahmen, betrieb Victoria Woodhull mit ihrer Schwester Tennie Claflin ein Investment-Büro in der Wall Street.

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Beide Frauen trugen Hosen und hatten sich mit ihrem Investment-Büro einigen Respekt verschafft. Der Stammvater des Vanderbilt-Clans hatte ihnen geholfen, und die Historikerin Barbara Goldsmith will auch herausgefunden haben, mit welcher Methode die Schwestern so erfolgreich waren: Auf ihren Gehaltslisten sollen die Geliebten diverser Öl-, Stahl- und Eisenbahnmagnaten gestanden haben, was für reichlich Insiderwissen gesorgt hätte.

Aber Victoria Woodhull entwickelte zunehmend politischen Ehrgeiz, es reichte ihr nicht, für sich selbst einen Platz in der Gesellschaft erobert zu haben. Die Zeitschrift, die sie mit Tennie herausgab, Woodhull & Claflin's Weekly, warb fürs Frauenwahlrecht, für Selbstbestimmung, veröffentlichte unter anderem eine Reportage über die Vergewaltigungen junger Mädchen bei einem New Yorker Ball.

Einen Afroamerikaner als running mate

Sie wurde dann schließlich Kandidatin einer neu gegründeten Partei, der Equal Rights Party, ihr Vizepräsident sollte der schwarze Intellektuelle und Politiker Frederick Douglass werden.

Es gab tatsächlich Anwälte, die fanden, nirgendwo stünde, dass Frauen nicht kandidieren dürften - Woodhull ging sogar so weit, das Recht so zu interpretieren, es gebe nicht mal ein ausdrückliches Verbot zu wählen, eigentlich stünde das Wahlrecht schließlich allen "geborenen Amerikanern" zu.

Sie kam allerdings mit der Interpretation nicht weit. Auf dem Wahlzettel haben die beiden aber am Ende dann gar nicht gestanden. Und der oberste New Yorker Sittenwächter Anthony Comstock hatte Victoria Woodhull verhaften lassen, er beurteilte die feministischen Schriften als Pornografie.

Woodhull wollte es wieder versuchen. Sie war aber bald in New York gesellschaftlich erledigt, da ging es um einen der größten Gesellschaftsskandale der damaligen Zeit - um einen Priester, Henry Ward Beecher, der eines seiner Schäfchen geschwängert hatte, während ihr Gatte, ein prominenter Journalist, auf Reisen war.

Der Traum von der perfekten Welt

Woodhull hatte das an die Öffentlichkeit gezerrt, sogar Susan B. Anthony, die den Verfassungszusatz geschrieben hat, der den Frauen dann später das Wahlrecht garantierte, musste deswegen vor Gericht aussagen.

Das war den liberalen Intellektuellen von New York dann doch zu skandalös. Beecher kam ungeschoren davon - man durfte also alles tun, aber nicht über alles reden. Schon gar nicht als Frau. Diese Regel hatte Victoria Woodhull verletzt.

Sie wurde bald vergessen. Nur Abtreibungsgegner zitieren sie immer noch. Denn anders als Hillary Clinton, die in diesem Punkt nie wankte, fand Woodhull keineswegs, Abtreibungen sollten erlaubt werden.

Die Abtreibungsgegner sollten sie dennoch besser nicht zitieren, es sei denn, sie erklärten auch, warum Woodhull die Notwendigkeit nicht sah: In der perfekten Welt, die sie gestalten wollte, gab es keine Unterdrückung, keine Misogynie, es würde dort, hoffte sie, "keine Frau ein ungewolltes Kind tragen".

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