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Verkehrspolitik:Jetzt sollten Politiker den Verkehr nach der Pandemie planen

Verkehr

Bahnen und Busse werden weniger genutzt als vor der Pandemie, das Auto mehr. Doch langfristig wird das vor allem in Städten nicht funktionieren.

(Foto: dpa)

Corona werde der Umwelt guttun, hieß es eine Zeit lang. Aber nun zeigt sich, dass Menschen wegen des Virus' wieder mehr Auto fahren. Das muss nicht so bleiben.

Kommentar von Michael Bauchmüller

Was wurde dem Coronavirus nicht schon alles an erfreulichen Folgen für die Umwelt zugeschrieben. Bessere Luft in Ballungsräumen, geringerer Ausstoß von Treibhausgasen. Mehr Raum und Ruhe für seltene Arten, seit der Tourismus nicht mehr in jeden Winkel führt. Viele dieser Effekte sind nur Momentaufnahmen, leider, zumal mancher Trend eher Anlass zur Sorge gibt.

Denn die Angst vor dem Virus treibt viele Menschen offensichtlich zurück ins Auto. Am eigenen Steuer droht keine Infektion durch unbekannte Sitznachbarn, hier braucht man keine Maske. Busse und Bahnen dagegen bleiben oft leer, ihre Betreiber - wie zuletzt die Deutsche Bahn - beklagen Rekordverluste. Dabei sollten gerade öffentliche Verkehrsmittel helfen, Städte von Lärm und Abgasen zu befreien, sie lebenswerter zu machen und den Verkehr insgesamt klimafreundlicher. Doch nun rollt die Verkehrswende rückwärts.

Geradezu verzweifelt wirken da die Versuche, etwa die Bahn als Massenverkehrsmittel zu retten, sei es durch eine strengere Maskenpflicht, mehr Kontrollen oder garantierte Sitzabstände. Der größte Vorteil der öffentlichen Verkehrsmittel, eine große Zahl von Menschen schnell und kostengünstig von A nach B zu transportieren, ist durch Corona zu ihrem größten Manko geworden. Gleichzeitig sind die Spritpreise günstig wie lange nicht; und zum Herbst hin werden viele auch wieder die Muskelkraft auf dem Rad gegen den Verbrenner tauschen.

War es das also mit der Verkehrswende? Läutet Corona die Renaissance der autogerechten Stadt ein? Das wäre fatal, aber es wird auch nicht funktionieren. Zum einen, weil die wachsende Zahl an Autos die Städte schon vor Corona an Grenzen gebracht hat. Würden die vielen Zweitautos, die mittlerweile unter deutschen Carports und an Straßen parken, noch häufiger genutzt, wird das die Infrastruktur kaum verkraften - die Folge: Stau.

Zum anderen hat sich an den Bedürfnissen der Städter (jedenfalls in ihrer Eigenschaft als Anrainer) nichts geändert. Sie verlangen nach besserer Luft und weniger Lärm. Ein wachsender motorisierter Individualverkehr aber ist mit höherer Lebensqualität in Städten nicht zu vereinbaren.

Strengere Tempolimits, neue Radspuren

Viele Städte, etwa Paris, Brüssel oder Mailand, haben gezeigt, wie es anders laufen kann. Mit der Pandemie haben sie eine neue Langsamkeit entdeckt, sei es durch großräumige Tempolimits, durch das Umwidmen von Straßenspuren oder das Ausweisen neuer Radwege. In deutschen Großstädten finden sich nun behelfsmäßige Radwege, gedacht allerdings zunächst nur für den Übergang.

Es wird aber eine Zeit nach Covid-19 geben, mit ähnlichen Problemen wie vorher, mit der Rückkehr zu alten Verhaltensmustern. Die Chance der deutschen Verkehrspolitik - und auch der kommunalen Planer - liegt darin, jetzt Infrastrukturen und Regeln für diese Zeit danach zu schaffen. Über die Rettung angeschlagener öffentlicher Verkehrsunternehmen hinaus müssen sie auch deren Zukunftsinvestitionen verteidigen.

Sie können, gerade auch angesichts eines wieder wachsenden Autoverkehrs, strengere Tempolimits in Städten verhängen - und auch auf Autobahnen. Sie können temporäre Radspuren, wo immer es sinnvoll ist, verstetigen, mehr Raum für Fußgänger schaffen und so den Platz in der Stadt neu verteilen.

Wäre doch schön, wenn manches Umweltproblem der Vergangenheit so nie wieder aufträte.

© SZ vom 03.08.2020/gal

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