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Radfahren in München:Die Autos stehen, die Radler fahren

Oberbürgermeister Dieter Reiter eröffnet Pop-up-BikeLane in München, 2020

Der Auftakt: Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) bei der Freigabe des provisorischen Radwegs in der Elisenstraße am 22. Juni dieses Jahres.

(Foto: Florian Peljak)

Auf den fünf Pop-up-Radwegen fließt der Verkehr nicht nur sicherer, sondern auch flotter. Nun sollen Auto- und Fahrradfahrer der Stadt Rückmeldung über die neuen Radstreifen geben.

Von Andreas Schubert

Wer sich noch an den Schlagersänger Peter Petrel erinnert, dem dürfte in München so einige Male dessen Siebzigerjahre-Liedchen "Ich fahr so gerne Rad" einfallen, in dem er sich darüber freut, am Autostau einfach vorbeizufahren. Seit die Stadt Ende Juni an fünf Straßen sogenannte Pop-up-Radwege markiert hat, ist dies zu bestimmten Tageszeiten auch an viel befahrenen Verkehrsachsen möglich. Denn: Auch wenn es sich nicht zu jeder Stunde beobachten lässt, ist die Stauanfälligkeit für Autos in den besagten Straßen gestiegen.

Wie genau sich die neuen Radstreifen auf den Verkehr auswirken, lässt das Planungsreferat derzeit untersuchen, indem es Verkehrszählungen sowie Rückmeldungen aus Bevölkerung und Politik auswertet. Aktuell läuft eine Online-Befragung, an der sich laut Florian Paul, dem Radverkehrsbeauftragten der Stadt, bereits mehr als 1000 Verkehrsteilnehmer beteiligt haben. Gefragt ist die Meinung sowohl von Autofahrern als auch Radlern. Zu finden ist die Umfrage unter diesem Link, sie läuft noch bis zum 5. August. "Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele Leute an der Umfrage teilnehmen", so Paul. Außerdem, so teilt das Planungsreferat mit, werde es eine wissenschaftliche Evaluation geben, die ein Student der Fachhochschule Bochum im Rahmen seiner Masterarbeit erstellt. In die Studie fließen unter anderem auch Befragungen ein sowie Videoaufnahmen der betroffenen Straßen.

Die Ergebnisse sollen dann im Oktober dem Stadtrat präsentiert werden, der dann über das weitere Vorgehen entscheiden soll. Die neuen Radwege jetzt schon pauschal als Staufallen zu bezeichnen, lässt Radverkehrsexperte Paul allerdings nicht gelten. "An vielen Stellen der Stadt gibt es stockenden Verkehr, auch ohne Pop-up-Radwege", sagt er. Dies sei einfach der großen Menge an Autos geschuldet, die nun wieder vermehrt unterwegs seien, respektive den vielen Baustellen in der Stadt.

Auf die seit Mai wieder gestiegene Verkehrsdichte als entscheidenden Staufaktor weist auch der Verkehrsdatenanbieter Tomtom hin, der für die ersten Wochen bereits eine erste Analyse der Verkehrsströme an den Straßen mit Pop-up-Radwegen vorgenommen hat. In der Zusammenfassung stellen die Datensammler fest, dass sich die Verkehrsströme seit Einführung der neuen Spuren im Durchschnitt überall verlangsamt haben.

Die Daten wurden vom 6. bis 20. Mai und vom 29. Juni bis 12. Juli erhoben, also kurz vor und kurz nach der Einführung. Zeiträume der Betrachtung waren die morgendliche und abendliche Rushhour von 6 bis 9 Uhr und von 15 bis 19 Uhr sowie die Zeit zwischen den Verkehrsspitzen (10 bis 15 Uhr) und die Wochenenden von 6 bis 23 Uhr. "Insgesamt konnten wir durchaus sehen, dass sich auf beinahe allen Strecken, die wir analysiert haben, der Verkehrsfluss verschlechtert hat", teilt eine Tomtom-Sprecherin mit. Einzige Ausnahme sei die Rosenheimer Straße am Lilienberg.

Die Ergebnisse könne man bei den durchgeführten Maßnahmen in gewisser Weise erwarten, so die Sprecherin. "Dabei ist allerdings immer zu beachten, dass nicht nur die Radwege Auswirkungen auf den Verkehr haben könnten, sondern auch Baustellen, wie beispielsweise an den Ludwigsbrücken, oder auch die neu errichteten Schanigärten in der Stadt." Zudem sei das Verkehrsaufkommen immer noch nicht auf dem gleichen Niveau wie vor der Corona-Pandemie.

Nimmt man sich nun die einzelnen Straßen vor, so sind die Auswirkungen der Radspuren unterschiedlich. In der Theresienstraße zwischen Türken- und Schleißheimer Straße dauerte die Fahrt auf der 1,25 Kilometer langen Strecke im Durchschnitt zwischen 20 Prozent (Wochenende) und 53 Prozent (Abendverkehr während der Woche sowie freitags von 12 Uhr mittags an) länger. Die Fahrzeit stieg von gut vier auf knapp sieben Minuten. Auffällig ist laut Tomtom dabei, dass sowohl vor Eröffnung des Radwegs als auch danach der Verkehr am Übergang zu Türkenstraße respektive Schleißheimer Straße am schlechtesten fließt im Vergleich zum Rest der Strecke.

Für die Gabelsberger Straße zwischen Arcis- und Türkenstraße (Länge: 516 Meter) gilt: Hier brauchten Autofahrer zwischen 19 Prozent (Wochenende) und 49 Prozent (Rushhour am Morgen) mehr Zeit. Zur Einordnung: Die Fahrt verlängerte sich maximal um 40 Sekunden.

Auf den 621 Metern in der Elisenstraße zwischen Dachauer Straße und Lenbachplatz nahm die Reisezeit im Vergleich zum Mai zwischen 20 Prozent (Morgenverkehr und 27 Prozent (zwischen den Spitzen) zu. Das entspricht bis zu 43 Sekunden. Man könne sehen, teilt Tomtom mit, dass vor wie auch nach der Eröffnung des Radwegs der Verkehr am Übergang zur Dachauer Straße am schlechtesten fließe im Vergleich zum Rest der Strecke. Die Ampel und die Tram-Haltestelle seien mögliche Erklärungen hierfür. Interessanter Aspekt aus Sicht der Datensammler: Obwohl zu allen Tageszeiten (bis auf das Wochenende) weniger Navigationsdaten von Autos erfasst wurden, sei zu sehen, dass sich nach der Eröffnung der Pop-up-Radwege die Reisezeit erhöht und die Durchschnittsgeschwindigkeit verlangsamt habe. In der Gegenrichtung zwischen Lenbachplatz und Dachauer Straße stieg die durchschnittliche Reisezeit am Abend und am Freitagnachmittag am stärksten, und zwar um 95 Sekunden, das sind 86 Prozent. Am Wochenende hielt sich die Verzögerung mit gerade einmal zwölf Sekunden in Grenzen.

Auf der Rosenheimer Straße hat die Reisezeit auf den 915 Metern Strecke zwischen Orleansstraße und Rosenheimer Platz deutlich zugenommen. Abends waren Autofahrer im Schnitt 104 Sekunden länger unterwegs als vor der Markierung der Radspuren. Das entspricht einer Steigerung von 60 Prozent. Morgens dauerte die Fahrt sogar 102 Sekunden länger, was einer Steigerung von 65 Prozent entspricht. In der Gegenrichtung zeichnete sich ab, was viele Pendler vorab befürchteten: Wenn sie abends Richtung Autobahn fuhren, verzögerte sich ihre Fahrt um 70 Prozent: Das heißt, sie brauchten im Schnitt fünf Minuten und 51 Sekunden stadtauswärts, statt vorher drei Minuten und 26 Sekunden. Zu den anderen Zeiten war die Situation entspannter: Hier hat sich die Reisezeit zwischen 13 Prozent (Wochenende und morgens) und 24 Prozent (zwischen den Spitzen) verzögert, maximal um 40 Sekunden.

Auf dem 250 Meter langen Abschnitt der Rosenheimer Straße zwischen Lilienstraße und Am Lilienberg hat sich seit der Markierung der Pop-up-Bikelane die durchschnittliche Fahrzeit am Morgen sogar um 13 Sekunden verringert, abends um sieben Sekunden verlängert.

Tomtom weist darauf hin, dass die Baustellen rund um die Ludwigsbrücken die Analyseergebnisse beeinflussen können. "Unter Umständen kann man die Veränderungen nicht direkt auf die Einführung des Pop-up-Radwegs zurückführen", heißt es in der Analyse.

Bleibt noch die Zweibrückenstraße: Stadteinwärts hat sich hier die Fahrzeit um bis zu 35 Sekunden am Morgen und 33 Sekunden am Abend verlängert. Stadtauswärts blieb die Fahrzeit fast unverändert. Abends waren die Autos sogar zehn Sekunden schneller an der Isarparallele. Zusammenfassend stellen die Analysten von Tomtom fest, dass der Verkehr insgesamt in der Stadt zu bestimmten Tageszeiten wieder zugenommen hat. Besonders auffällig sei dabei, dass gerade am Wochenende im ganzen Stadtgebiet auf den Straßen deutlich mehr los war. "Dies könnte an den gewählten Zeitpunkten liegen, da Anfang Mai die Leute aufgrund von Corona noch vorsichtiger waren und eher zu Hause geblieben sind", teilt das Unternehmen mit. Auf den Strecken mit den Pop-up-Radwegen herrsche dagegen tendenziell eher weniger Verkehr. Ob es direkte Ausweichrouten zu den Strecken mit Pop-up-Radwegen gibt, sei allerdings aus den Daten schwer herauszulesen: Rund um die Elisen-/Theresien-/Gabelsbergerstraße spielten möglicherweise auch die neu eingerichteten "Schanigärten" eine Rolle, die den Verkehr verlangsamen können. Radbeauftragter Paul weist explizit darauf hin, dass die Maßnahmen zur Sicherheit der Radfahrer erfolgt seien. "Verkehrssicherheit ist höher einzustufen als der Verkehrsfluss", sagt er.

Radler zumindest kommen nun nicht nur sicherer, sondern auch flotter voran. Manch einer wird Peter Petrels Melodie vor sich hinsummen, der weiland zu fröhlichem Dixieland-Gedudel über Autofahrer lästerte: "Dann tret ich ins Pedal und sage ,Ihr könnt mich mal'. Alle überholen, ich genieß den Tag, ich fahr so gerne Rad."

© SZ vom 03.08.2020
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