Geheimdienst:Das steht im Verfassungsschutzbericht

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Geheimdienst: Der Verfassungsschutzbericht 2021 in gedruckter Form bei der Vorstellungs-Pressekonferenz

Der Verfassungsschutzbericht 2021 in gedruckter Form bei der Vorstellungs-Pressekonferenz

(Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Reichsbürger, Rechtsextreme und Linksextreme haben Zuwachs, die Zahl der Islamisten geht leicht zurück, die Szene bleibe aber gefährlich. Die wichtigsten Einschätzungen der Verfassungsschützer in der Übersicht.

Rechts, links, islamistisch, antisemitisch, diffus: Der Extremismus bekommt in Deutschland immer mehr Schattierungen. Das zeigt der Verfassungsschutzbericht für 2021, der in Berlin vorgestellt wurde. Die größte Gefahr für die Demokratie in Deutschland stellt unterdessen der Rechtsextremismus dar, wie Thomas Haldenwang, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, betonte. Den gesamten Bericht finden Sie hier zum Download.

Die verschiedenen Bedrohungen aus Sicht des Inlandsgeheimdienstes in der Übersicht.

Rechtsextremismus

Die Zahl der Menschen mit rechtsextremistischen Einstellungen ist erneut leicht gestiegen. Laut Bericht wuchs das Personenpotenzial im rechtsextremistischen Spektrum binnen eines Jahres um rund 1,8 Prozent auf 33 900 Menschen an.

Der leichte Anstieg hat nichts damit zu tun, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz inzwischen die AfD als Verdachtsfall im Bereich des Rechtsextremismus einstuft. Denn der Bericht deckt nur die Entwicklung im Jahr 2021 ab, und die Partei hatte im vergangenen Jahr präventiv gegen die Beobachtung als Verdachtsfall geklagt. Das Urteil des Kölner Verwaltungsgerichts, das dem Bundesamt jetzt die Verdachtsfall-Beobachtung gestattet, erging erst im März 2022. Die AfD-Nachwuchsorganisation (Junge Alternative/JA) und die "Anhänger des formal aufgelösten Personenzusammenschlusses 'der Flügel' (Verdachtsfall)" werden im Bericht als "Sonstiges rechtsextremistisches Personenpotenzial in Parteien" aufgeführt. Dieser Kategorie rechnete der Verfassungsschutz im vergangenen Jahr 7500 Menschen zu.

Versuche von Rechtsextremisten, die Corona-Pandemie und die Flutkatastrophe im Juli zur Gewinnung von Sympathisanten zu nutzen, waren nach Einschätzung des Verfassungsschutzes letztlich nicht von Erfolg gekrönt. Knapp 40 Prozent der Rechtsextremisten hält der Verfassungsschutz für gewaltorientiert. Sorge bereitet dem Verfassungsschutz, dass die in den USA entstandene rechte "Siege"-Ideologie in Deutschland zunehmend an Bedeutung gewinnt - gerade unter Minderjährigen, die sich im Internet radikalisieren. Die Anhänger dieser Ideologie wollten "durch gezielte terroristische Akte gegen Infrastruktur, Angehörige von Minderheiten und demokratische politische Führungspersönlichkeiten" einen Zusammenbruch des "verhassten demokratischen Systems" herbeiführen.

Reichsbürger

Die Zahl der "Reichsbürger" ist laut Bericht angewachsen: von etwa 20 000 auf nunmehr 21 000 Anhänger. Hier spielten wohl die Proteste gegen Corona-Schutzmaßnahmen eine Rolle. Die sogenannten Reichsbürger und Selbstverwalter zweifeln die Legitimität der Bundesrepublik Deutschland an. Sie weigern sich oft, Steuern zu zahlen. Zu den gut 30 überregional aktiven Gruppierungen zählt der Inlandsgeheimdienst unter anderem Gruppen mit Namen wie "Staatenbund Deutsches Reich" oder "Königreich Deutschland".

Linksextremismus

Einen Zuwachs um knapp 1,2 Prozent auf nunmehr 34 700 Menschen beobachtet der Verfassungsschutz im Linksextremismus. Der Anteil der Linksextremisten, die Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele ausüben oder dies zumindest billigen, lag demnach im vergangenen Jahr bei knapp 30 Prozent. Zunehmend professionell ist aus Sicht des Verfassungsschutzes die Aufklärung rechtsextremistischer Netzwerke und vermeintlicher Gegner durch sogenannte Antifa-Recherchegruppen. "Vereinzelt bestehen auch Kontakte in Verwaltungsstrukturen, über die rechtswidrig Personendaten oder vertrauliche Informationen erlangt werden können", heißt es im Jahresbericht.

Islamisten und islamische Terroristen

Die Anhängerschaft islamistischer Gruppen ist nach Einschätzung der Kölner Behörde erstmals seit vielen Jahren leicht geschrumpft: um etwa 1,5 Prozent auf 28 290 Menschen. An Anziehungskraft verloren demnach besonders salafistische Gruppen. Vor allem von dschihadistisch motivierten Einzeltätern und Kleinstgruppen gehe aber nach wie vor eine große Gefahr aus, warnt der Verfassungsschutz. Die salafistische Szene sei heterogener geworden, betonte Bundesinnenministerin Nancy Faeser: "Die geringere Sichtbarkeit dieser Szene verringert aber nicht das Gefährdungspotenzial."

Neuer Phänomenbereich

Erstmals in einem Verfassungsschutzbericht aufgeführt ist das im April 2021 neu eingerichtete Beobachtungsobjekt "Demokratiefeindliche und/oder sicherheitsgefährdende Delegitimierung des Staates". In dieser Kategorie fasst der Inlandsgeheimdienst sehr unterschiedliche Gruppierungen und Akteure jenseits des klassischen Links-rechts-Schemas zusammen: Gruppen und Einzelpersonen, die bestimmte, teilweise antisemitisch unterlegte Verschwörungserzählungen verbreiten, das demokratische Staatswesen in Zweifel ziehen oder dieses rundheraus ablehnen. Dazu, wie groß die Zahl der Anhänger dieser heterogenen Szene ist, gibt es noch keine Einschätzung.

Ausländische Geheimdienste

Hauptakteure in Deutschland sind laut Bericht nach wie vor Russland, China, Iran und die Türkei. Russische Spionage war 2021 den Angaben zufolge vor allem auf Fragen der Energieversorgung und europäische Diskussionsprozesse zu den EU-Sanktionen fokussiert. Chinesische Cyberakteure versuchten seit einigen Jahren vermehrt, personenbezogene Daten, etwa von Telekommunikationsunternehmen, Versicherungen, Reiseunternehmen, Online-Diensten oder Behörden zu erlangen. Auch mit dem Ziel, regierungskritische Menschen "zu überwachen und zu verfolgen".

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