USA:Trumps Nummer Zwei läuft sich warm

Donald Trump, Mike Pence, Paul Ryan

Vizepräsident Mike Pence steht dem Präsidenten immer zur Seite. Bislang bleibt er im Hintergrund - das könnte sich in Zukunft ändern.

(Foto: AP)

Vizepräsident Mike Pence gilt als loyal - doch im Hintergrund bastelt er anscheinend schon an seiner eigenen Kandidatur.

Von Hubert Wetzel, Washington

Manchmal muss man ein bisschen suchen auf den Fotos, die das Weiße Haus von offiziellen Anlässen verbreitet. Wenn der US-Präsident ein Dekret unterzeichnet oder eine Fabrik besucht zum Beispiel. Auf den Bildern ist dann stets groß und im Vordergrund Donald Trump zu sehen. Ein paar Schritte neben oder hinter Trump steht allerdings meistens ein freundlich blickender, etwas stämmiger, grauhaariger Herr. Das ist der Vizepräsident: Michael Richard Pence.

Die meisten Amerikaner würden Pence vermutlich nicht einmal auf der Straße erkennen, wenn er ihnen begegnete. Das liegt zum einen daran, dass in einer von Donald Trump geführten Regierung nur einer der Star der Show ist: Donald Trump. Zum anderen daran, dass der Vizepräsident kaum auftritt. Pence begleitet Trump, er stellt ihn bei Veranstaltungen zuweilen vor, er reist auch in Trumps Auftrag ins Ausland. So vertrat Pence zum Beispiel die Vereinigten Staaten Anfang des Jahres bei der Münchner Sicherheitskonferenz, vor einigen Tagen besuchte er Osteuropa, nächste Woche wird er in Mittel- und Südamerika erwartet. Aber in der breiten amerikanischen Öffentlichkeit spielt der Vizepräsident bisher keine nennenswerte eigenständige Rolle.

Umso erstaunlicher war deswegen ein Artikel in der New York Times am Wochenende, in dem die Zeitung darzulegen versuchte, dass Pence in Wahrheit eine eigene Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2020 vorbereitet. Das klang schon fast nach Putsch. Pence reagierte umgehend, er ließ ein offizielles Dementi verbreiten, in dem er die Schlussfolgerung des Artikels "lachhaft" und falsch nannte. Er arbeite weiter mit aller Kraft für Trump, so Pence. Das musste er tun, denn Trump hasst kaum etwas mehr als Illoyalität, und wer sich einmal verdächtig gemacht hat, hat ein Problem. Inhaltlich freilich bestritt der Vize interessanterweise keinen einzigen der in dem Stück genannten Hinweise darauf, dass er an einer Kandidatur bastelt.

Das erscheint widersprüchlicher, als es in Wahrheit wohl ist. Denn einerseits gilt: Es gibt, nach allem, was man aus der Regierung so hört, in Washington kaum einen loyaleren, überzeugteren Trump-Anhänger als Pence. Der Vize überhäuft den Präsidenten öffentlich mit Lob, bisher ist auch noch keine einzige kritische oder abfällige oder auch nur sarkastische Bemerkung von Pence über Trump bekannt geworden. Das ist bemerkenswert: Viele andere Republikaner tun sich in dieser Hinsicht weit weniger Zwang an, und Pence ist eigentlich kein typischer Trump-Unterling, für den der Präsident der Fixstern des politischen Universums wäre. Bevor er Vizepräsident wurde, war Pence jahrelang Abgeordneter im Repräsentantenhaus und danach Gouverneur des Bundesstaates Indiana. Er kann daher durchaus beurteilen, wie chaotisch und ineffektiv der Präsident regiert. Dennoch - kein böses Wort.

Pence knüpft bereits Kontakte und sammelt Geld

Andererseits weiß Pence, dass Trumps Regierungszeit irgendwann enden wird. Entweder vorzeitig, weil der Präsident aus dem Amt gedrängt wird oder aufgibt; oder in dreieinhalb Jahren, weil Trump 2020 nicht zur Wiederwahl antritt; oder eben erst in sieben Jahren, wenn der amtierende Präsident nicht mehr kandidieren darf. Doch egal, wann es so weit ist - Pence, der bei aller Unscheinbarkeit und Bescheidenheit durchaus Ehrgeiz hat, möchte dann bereit sein, Trump zu beerben.

Dafür legt er derzeit ganz offensichtlich das Fundament. So wenig sich Pence in der Öffentlichkeit zeigt, so fleißig arbeitet er laut New York Times offenbar hinter den Kulissen. So hat er Kontakte zu wichtigen republikanischen Politikern, Parteifunktionären und Spendern geknüpft, er sammelt Geld für Wahlkämpfe, er baut sich ein Netzwerk von Unterstützern auf und lässt sich dort blicken, wo man sich als möglicher Präsidentschaftskandidat eben blicken lässt, zum Beispiel in Iowa, traditionell der Bundesstaat, in dem die erste Vorwahl stattfindet. Egal, ob dahinter nun eine Rivalität zu Trump steht oder nicht, klar ist: Pence kettet sein eigenes politisches Schicksal nicht unauflösbar an Trump.

In der Partei könnte Pence bei einer Kandidatur durchaus mit Sympathie rechnen. Er ist ein klassischer, christlicher Konservativer und kann mit den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Dogmen und Prinzipien der Republikaner weit mehr anfangen als Trump. Das Partei-Establishment würde ihn mit offenen Armen empfangen, denn Pence hat das Kunststück hinbekommen, zwar dem Usurpator Trump treu zu dienen, sich aber selbst dabei nicht allzu sehr zu kompromittieren. So schlägt Pence zum Beispiel einen deutlich härteren Ton gegenüber Russland an als Trump, was viel mehr der alten republikanischen Linie entspricht. In Osteuropa betonte er vor einigen Tagen, dass Amerika an der Seite der Länder dort stehe. Pence würde nie auf die Idee kommen, die Einmischung Moskaus in die US-Wahl öffentlich als Erfindung oder bedeutungslos abzutun. Zugleich lächelt er aber milde, wenn sein Präsident genau das tut.

Am Ende freilich steht Pence vor dem Problem, vor dem alle möglichen Trump-Gegner stehen: Bis nach der Kongresswahl 2018 weiß niemand genau, wie stark der Rückhalt des Präsidenten bei der Parteibasis und bei den Wählern ist. Sich Trump zu früh in den Weg zu stellen, kann daher unangenehme Folgen haben.

© SZ vom 08.08.2017/bemo
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