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USA:Der verordnete Tod

Die Injektionskammer in Alabama. Unter Trump sind oder sollten in den vergangenen sechs Monaten 13 Menschen nach Bundesrecht hingerichtet werden.

(Foto: DAVE MARTIN/ASSOCIATED PRESS)

Die Hinrichtung einer Amerikanerin lenkt den Blick auf die Rolle des Staates. Die Trump-Regierung hat die umstrittene Exekution auf Bundesebene zur neuen Praxis gemacht. Auch kurz vor dem Amtswechsel gewährt sie keine Gnade.

Von Andrea Bachstein

Jeder Einspruch war vergebens, Lisa Montgomery ist tot: hingerichtet durch eine Giftspritze, die man ihr in dem riesigen Gefängnis von Terre Haute im US-Bundesstaat Indiana injiziert hat. Es sah zuletzt so aus, als hätte sie noch eine Chance. Das Bezirksgericht Süd-Indiana ordnete Stunden vor der für Dienstag geplanten Vollstreckung an, es solle noch eine Anhörung geben, um festzustellen, ob die 52-Jährige geistig überhaupt begreifen kann, warum der Staat sie in den Tod schickt.

Doch kurz nach Mitternacht wies der Supreme Court, das höchste Gericht der USA, die Anträge ihrer Anwälte ab, und kurz darauf beendete in den ersten Stunden des Mittwoch ein Henker Lisa Montgomerys Leben.

Der scheidende US-Präsident Donald Trump dachte offenbar nicht daran, seine Macht einzusetzen, das Todesurteil in eine lebenslange Strafe umzuwandeln. Montgomery ist so der elfte Mensch, an dem seit vorigem Juli die Todesstrafe nach US-Bundesrecht vollzogen wurde, und die erste Frau seit 67 Jahren. In den USA kann die Vollstreckung der Todesstrafe nicht nur die Justiz von Bundesstaaten anordnen (in 28 von 50 existiert sie noch), sondern auch das Bundesjustizministerium in Washington.

Das Gesetz sieht dies für einige schwere Verbrechen vor und wenn der Bundesstaat, in dem das Urteil fiel, danach die Todesstrafe abgeschafft oder ausgesetzt hat. Aber seit 2003 hat keine US-Regierung dieses Recht ausgeübt. Es gibt nicht viele solcher "federal executions", 47 waren es seit 1927. Trump hat immer wieder erklärt, dass er mehr Hinrichtungen will. Nach dem Plan des Justizministeriums sollten in den letzten sechs Monaten von Trumps Amtszeit 13 Menschen nach Bundesrecht hingerichtet werden.

Trumps damaliger Justizminister William Barr teilte am 25. Juli 2019 mit, dass für Hinrichtungen nach Bundesrecht statt umstrittener Giftcocktails Pentobarbital verwendet werde, das auch zum Einschläfern von Tieren dient. Die Wirkung bei Menschen ist ebenfalls umstritten. Der Schritt Barrs bedeutete juristisch die Wiederaufnahme der Hinrichtungen nach Bundesrecht.

Kim Kardashian setzte sich für eine Begnadigung ein

Vor Montgomery wurden zuletzt am 10. und 11. Dezember zwei Männer hingerichtet. In beiden Fällen gab es nicht nur Widerspruch der Anwälte, sondern auch eine öffentliche Debatte. Ein Verurteilter war mit 40 Jahren der jüngste je Hingerichtete in den USA, Prominente wie Kim Kardashian und Senator Bernie Sanders setzten sich für seine Begnadigung ein. Der Afroamerikaner war mit 18 in einer Gruppe, die ein Paar ermordete, er zündete danach das Auto mit den Opfern an. Der am Tag nach ihm Hingerichtete hatte 20 Jahre zuvor seine zweijährige Tochter missbraucht und getötet. Er war geistig zurückgeblieben, nach Ansicht seiner Anwälte derart, dass dies die Vollstreckung nicht erlaubt hätte.

Die Verbrechen derer, die nach Bundesrecht hingerichtet wurden oder werden sollen, sind besonders schwer und furchtbar. Das gilt auch für Lisa Montgomery. Sie würgte 2004 eine hochschwangere Frau zur Bewusstlosigkeit und entnahm deren Kind. Die Frau verblutete, das Baby überlebte.

Montgomery war jedoch eine psychisch schwerstkranke Frau, psychotisch, traumatisiert. Man stellte Hirnveränderungen bei ihr fest und eine sehr geringe Auffassungsgabe. Sie war außerstande, den Alltag zu bewältigen, etwa ihre Kinder nur anzuziehen. Große Zeit ihres Lebens hatte sie keinen Bezug zur Realität, begriff sie bis zuletzt ihren Anwälten zufolge nur zeitweise.

Lisa Montgomery begriff nicht, was geschieht

Als Tochter einer Trinkerin vermutlich schon hirngeschädigt geboren, erlebte sie eine Kindheit und Jugend voller Horror. Die Mutter misshandelte sie wie der gewalttätige Stiefvater. Vermutlich schon viel früher, mindestens aber seit Lisa Montgomery elf Jahre alt war, vergewaltigte der sie in einem dafür eingerichteten Raum. Er und die Mutter überließen sie zudem anderen Männern zur Vergewaltigung und Misshandlung. Mit 18 heiratete sie einen Sohn des Stiefvaters, er ließ jede Art Gewalt an ihr aus. Die Details sind unfassbar, Montgomery hat Experten zufolge psychische Traumata wie Folteropfer und leidet an einer dissoziativen Störung - sie koppelte Seele und Körper voneinander ab.

Was ihr geschah, ist durch viele Aussagen bezeugt, Fachleute bestätigten ihr schwere psychische und mentale Schädigungen. Bei der Tat war sie vermutlich psychotisch. Eine Verteidigerin sagte, in einem klaren Moment habe Montgomery ihre Tat sehr bedauert. Niemand verlangt, sie freizulassen, aber in Rechnung zu ziehen, dass sie nicht begreift, was geschieht.

Ein weiterer Aufschub ihrer Hinrichtung hätte ihr wohl den Tod durch die Giftspritze erspart. In einer Woche übernimmt Joe Biden das Präsidentenamt, und er hat bereits geäußert, dass er keine federal executions wolle. Möglicherweise kommen so zwei Männer mit dem Leben davon, deren Todesurteile bis 15. Januar vollstreckt werden sollten. Eine Bezirksrichterin in Washington verschob am Dienstag diese Termine auf Mitte März - weil die Todeskandidaten an Covid-19 erkrankt sind. Wegen so entstandener Lungenschäden, lautet die Begründung, könne das Gift zu qualvollem Ersticken wie bei Waterboarding führen. Offen war zunächst, ob auch hier der Supreme Court noch anders entscheidet. Dass dann Donald Trump in seinen letzten Amtstagen noch Gnade walten lassen würde, ist eher unwahrscheinlich.

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