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Präsidentschaftswahl:Das US-Wahlrecht ist altmodisch, aber gerecht

Iowans Wait In Line At Polling Stations On The Last Day Of Early Voting

Wähler in Cesar Rapids/Iowa stehen Schlange, um ihre Stimme abgeben zu dürfen.

(Foto: MARIO TAMA/AFP)

Das Gremium der Wahlleute, das den Präsidenten bestimmt, gilt vielen als undemokratisch und überkommen. Und doch: Es sollte erhalten bleiben.

Kommentar von Claus Hulverscheidt

Im schlechtesten Fall wird die Wahl an diesem Dienstag so ausgehen: Joe Biden holt vier, vielleicht gar fünf Millionen Stimmen mehr als sein Kontrahent Donald Trump - und wird dennoch nicht US-Präsident, weil der Amtsinhaber in ein, zwei entscheidenden Bundesstaaten hauchdünn vorn liegt. Es wäre bereits das zweite Mal, dass Trump die Wahl gewinnt, obwohl er sie landesweit eigentlich verloren hat. Das gab es bisher noch nie.

Schuld an einem solchen Ausgang wäre das Wahlsystem, das besagt, dass der Präsident nicht direkt vom Volk bestimmt wird, sondern von einem Komitee aus 538 Entsandten. Sie kommen, in unterschiedlicher Zahl, aus allen 50 Bundesstaaten und wählen im Normalfall den Kandidaten, der jeweils bei ihnen daheim gewonnen hat. Mit der Zwischenschaltung dieses sogenannten Electoral Colleges wollten die US-Gründerväter unter anderem verhindern, dass die Bürger versehentlich einen Volksverführer oder Dummkopf ins Weiße Haus entsenden. Trumps Wahl 2016 hat gezeigt, dass der Mechanismus nur bedingt funktioniert. Die Kritik, das Gremium sei undemokratisch und antiquiert, ist seither noch deutlich lauter geworden.

Doch so verständlich manche Vorbehalte auch sind, so sehr stellt sich die Frage, ob eine Direktwahl des Präsidenten durch das Volk tatsächlich besser wäre. Die USA sind historisch, geografisch und soziologisch gesehen ein völlig anderes Land als etwa die Bundesrepublik, die auf nicht einmal vier Prozent der US-Fläche kommt und in der, daran sei kurz erinnert, Kanzlerin und Präsident auch nicht direkt gewählt werden. Anders als in Deutschland ist in den USA gelebter Föderalismus aber nicht nur Kür, sondern Pflicht: Zu unterschiedlich sieht die Welt aus in New York und Wyoming, in Kalifornien und Nebraska, zu weit sind Washingtons Regierende von den Problemen des Ranchers in Montana entfernt. Ohne das eindeutige Bekenntnis zum Föderalismus, zur Entscheidung vor Ort, hätte es die Vereinigten Staaten nie gegeben. Das darf, das muss sich auch im Wahlsystem widerspiegeln.

Montana, dieser mit Wäldern, Bergen und Seen so gesegnete Flecken Erde, ist ein gutes Beispiel: Der Staat hat mehr Fläche als Deutschland - und ein Achtzigstel der Bevölkerung. Ginge es im Rennen um die Präsidentschaft allein darum, die Mehrheit der Amerikaner hinter sich zu versammeln, könnten die Bürger Montanas und zwei Dutzend weiterer extrem dünn besiedelter Bundesstaaten daheimbleiben, ihre Stimmen fielen schlichtweg nicht ins Gewicht. Zwei Drittel des US-Staatsgebiets wären so ausgeschlossen, die Wahl würde allein in den großen Städten und Ballungsräumen an den Küsten und den Großen Seen entschieden.

Schlimmer noch: Mit dem Wegfall des Einflusses ginge ein massiver Verlust an politischen Inhalten einher, denn die Präsidentschaftsbewerber wären ja gewissermaßen gezwungen, sich nur noch um urbane Themen zu kümmern - von Mietpreisen über Kriminalität bis zur geschlechtergerechten Sprache. Für die Sorgen der Landbevölkerung, die ohnehin oft das Gefühl hat, abgehängt zu sein und die Welt der Städter nicht zu verstehen, wäre endgültig kein Platz mehr. Die Spaltung der Gesellschaft würde so weiter vertieft.

Das Electoral College hat politische Parteien, den Bürgerkrieg und die Entwicklung der USA von der Kolonie zur Weltmacht überdauert. Mag sein, dass es antiquiert und reformbedürftig ist. Seine Abschaffung aber sollte gut überlegt sein.

© SZ/mkoh
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