USA:Bleivergiftung aus dem Wasserhahn

USA: Der Wasserturm in Flint im US-Bundesstaat Michigan.

Der Wasserturm in Flint im US-Bundesstaat Michigan.

(Foto: AFP)

Die Bewohner der US-Stadt Flint in Michigan sind mehrheitlich arm und trinken seit Monaten verseuchtes Wasser. Über dieses Behörden-Versagen debattieren nun Bernie Sanders und Hillary Clinton.

Von Nicolas Richter, Washington

Die Ingenieure haben jetzt einen Monat Zeit, um die bleiernen Rohre zu finden. Man wird diese Rohre ausgraben und austauschen, aber es ist schon zu spät, denn monatelang ist das Blei schon in das Trinkwasser dieser armen Stadt gelangt, monatelang haben die Menschen dieses Wasser getrunken und sich damit gewaschen, und ebenso lang haben sie es ihren Kindern zu trinken gegeben und sie darin gebadet. Die Bleirohre im Boden kann man entfernen, nicht aber das Blei, das schon in die Körper der Menschen gelangt ist, und was dieses Blei dort anrichtet, besonders bei den Jüngsten, das wird man erst in vielen Jahren erfahren.

Der Skandal um bleihaltiges Trinkwasser in Flint, einer sterbenden Industriestadt mit 100 000 Einwohnern im nördlichen US-Staat Michigan, beinhaltet all die üblichen Zutaten von Umweltskandalen in den Vereinigten Staaten: hoher Kostendruck, inkompetente Aufseher, gleichgültige Politiker, und, auf der Opferseite, arme Bürger überwiegend dunkler Hautfarbe ohne politischen Einfluss. Aber das Ausmaß hat das Land doch erschüttert. "Der Staat hat euch im Stich gelassen", bekannte Rick Snyder, der zuständige Gouverneur von Michigan. "Nicht zu erklären und nicht zu entschuldigen", rügte Präsident Barack Obama - der Umstand vor allem, dass örtliche Behörden das Wasser noch laufen ließen, als sie schon wussten, dass es mit Schwermetall belastet war.

Gereizte Haut und Haarausfall

Die Geschichte beginnt mit dem wirtschaftlichen Niedergang, der den früher so stolzen Autostaat Michigan seit Jahrzehnten plagt. Gleich mehrere Städte sind so überschuldet, dass sie unter staatlicher Zwangsverwaltung stehen. Flint, einst Geburtsstätte der amerikanischen Auto-Industrie, bezog sein Trinkwasser jahrzehntelang aus der Nachbarstadt Detroit, wobei Detroit die Wasserpreise zuletzt ständig erhöhte, weil es selbst dringend Geld brauchte. Schließlich entschied sich Flint, das Wasser aus einem neuen Pipeline-Projekt zu beziehen, das aber noch nicht abgeschlossen ist. Um diese Zeit zu überbrücken, verwendete die Stadt Wasser aus dem nahen Fluss.

Anders als das bisherige Wasser aus dem Lake Huron weist das Flusswasser einen hohen Chlorid-Gehalt auf, was Metalle stark rosten lässt. Die Stadt hätte diesem Wasser ein Mittel gegen Korrosion beimischen können, was Experten zufolge nicht viel mehr als hundert Dollar am Tag gekostet hätte. Stattdessen fraß sich das Wasser tief in die maroden Leitungen der Stadt, darunter auch bleihaltige Rohre. Die Bewohner bemerkten den Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Wasser im April 2014 sofort: In weiten Teilen der Stadt kam aus den Leitungen gelbe bis braune Brühe, es stank, die Leute klagten über gereizte Haut und Haarausfall.

Doch das Wasser aus dem Flint River floss dann noch anderthalb Jahre lang durch die geschundenen Leitungen Flints und in die Küchen und Badezimmer seiner Bewohner. Im Herbst 2015 stellten Ärzte in Flint schließlich fest, dass sich die Zahl auffälliger Bleiwerte im Blut von Kindern unter fünf Jahren verdoppelt hatte, seit die Stadt ihr eigenes Trinkwasser produzierte. Erst dann räumten die Behörden ein, dass sie es mit einem Notfall zu tun hatten. Seit Oktober 2015 erhält Flint sein Trinkwasser wieder aus Detroit, aber die Leitungen sind inzwischen so angegriffen, dass sie womöglich noch immer Blei abgeben. Für die Kinder ist der Schaden ohnehin nicht wieder gutzumachen: Jene im Alter unter fünf Jahren sind besonders empfindlich, bei ihnen können selbst geringe Mengen Blei zu Entwicklungsstörungen führen.

Kinderärztin Mona Hanna-Attisha

"Es herrscht eine existenzielle Angst unter den Bewohnern von Flint, dass deren Kinder vergiftet wurden und ein Leben lang unter den Folgen leiden müssen."

Inzwischen ermitteln die Staatsanwälte

Gesundheitsgefährdung durch Blei ist in den USA allgegenwärtig, und meist sind es arme Menschen, die ihr am meisten ausgesetzt sind. In etlichen älteren Gebäuden haftet noch immer bleihaltige Farbe an den Wänden; besonders in Sozialwohnungen passiert es oft, dass abblätternde Farbreste von Kleinkindern in den Mund gesteckt und geschluckt werden. Und unter der Erde sowie in Häusern verlaufen noch immer Millionen Wasserleitungen aus Blei, obwohl sie vor 30 Jahren per Gesetz verboten wurden. Immer wieder gerät Blei in das Trinkwasser, und immer wieder verschweigen es die örtlichen Behörden über Monate, bevor sie die Verbraucher warnen.

Kaum ein Fall aber wurde so nachlässig oder gar zynisch gehandhabt wie der in Flint. Wenige Monate nach der Umstellung Anfang 2014 fingen örtliche Ärzte an, über auffällige Hautreizungen und Haarausfall ihrer Patienten zu berichten. Im Herbst 2014 erklärte der Autokonzern General Motors, er werde im örtlichen Werk das Leitungswasser meiden, weil es Motorenteile beschädige. Nach weiteren Berichten über Chemikalien im Wasser entschied der Stadtrat im März 2015, das Wasser für die Stadt wieder von Detroit zu kaufen, wurde aber vom staatlichen Zwangsverwalter überstimmt: Er nannte den Beschluss der Stadträte "unverständlich" und wies darauf hin, dass man Geld sparen müsse.

Der Gouverneur trotzt den Demonstranten, die seinen Rücktritt verlangen

Im Juni 2015 stellte die Bundesumweltbehörde EPA fest, dass der Bleigehalt in Flint den Grenzwert um das Tausendfache überschritten hatte. Aber die EPA veröffentlichte ihr Ergebnis nicht; stattdessen versuchte sie, die Behörden in Michigan unter Druck zu setzen, was nicht gelang. Der Gouverneur, das belegen seine mittlerweile veröffentlichten E-Mails, wusste von den Wasserproblemen seit Februar 2015, tat aber nichts. Die E-Mails seiner Zuarbeiter zeigen, dass die Verantwortlichen die Probleme in Flint systematisch verharmlosten und Kritiker unter anderem als "Anti Alles" bezeichneten. Im September 2015 schrieb der Bürochef zum Beispiel an den Gouverneur: "Die Umweltbehörde des Staates Michigan hat das Gefühl, dass manche in Flint das sehr heikle Thema von Bleivergiftungen bei Kindern für ein politisches Spiel missbrauchen und die Verantwortung dem Staat zuschieben wollen."

Inzwischen laufen strafrechtliche Ermittlungen gegen unbekannt. Etliche Verantwortliche in Michigan sind zurückgetreten, etwa der Chef der staatlichen Umweltbehörde und der Bürochef Snyders. Der Gouverneur selbst trotzt den Demonstranten, die seinen Rücktritt verlangen.

Während die Verantwortlichkeiten im Detail noch zu klären sind, stellen Politiker bereits eine verstörende Diagnose über den Zustand der amerikanischen Gesellschaft. "Hätten die Kinder in einem reichen Vorort von Detroit vergiftetes Wasser getrunken oder wären darin gebadet worden, so hätte der Staat bestimmt früher gehandelt", sagt die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton, die Flint kürzlich besucht hat und in der Nacht auf Montag dort mit Bernie Sanders über die Situation debattieren wird. Aber die Bevölkerung der einst so lebendigen Industriestadt Flint ist eben nicht reich, und sie ist mehrheitlich auch nicht weiß, sondern überwiegend arm und schwarz.

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