USA:Kampf um Virginia

USA: Wahlkampfauftritt von Barack Obama in Virginia

Es geht um das Vorzeigeprojekt der Demokraten: Der frühere US-Präsident Barack Obama kam zu einem Wahlkampfauftritt für Terry McAuliffe.

(Foto: Ryan M. Kelly/AFP)

Joe Bidens Demokraten steuern bei den Gouverneurswahlen auf eine symbolträchtige Niederlage zu, weil er Teile seiner Wählerschaft enttäuscht. Besuch in einem Bundesstaat, in dem Extreme aufeinanderprallen.

Von Fabian Fellmann, Richmond

Die Alarme aus der Wahlkampfzentrale der Demokraten treffen im Stundentakt in der Mailbox ein. Es gehe um "alles oder nichts", eine Niederlage bedeute "game over", die Demokratie werde "zerstört". Stets ist die Botschaft dieselbe: Die Gouverneurswahlen in Virginia am Dienstag in einer Woche sind auch ein Referendum über eine mögliche Rückkehr von Donald Trump.

Die Weckrufe belegen, wie nervös der demokratische Kandidat Terry McAuliffe ist, mit gutem Grund. Lange hatte der 64-jährige Unternehmer, der bereits von 2014 bis 2018 Gouverneur war, in Umfragen komfortabel geführt. Doch seit Ende August hat der Republikaner Glenn Youngkin Boden gutgemacht. Inzwischen folgt der 54-Jährige seinem Gegner so dicht auf den Fersen, dass dessen Vorsprung auf den statistischen Fehlerbereich geschmolzen ist.

"Viele sind enttäuscht von Joe Biden."

Es geht in der Tat um viel mehr als eine spannende Lokalwahl. Gerade erst haben die Demokraten die Kontrolle über beide Parlamentskammern und die Regierung übernommen, erstmals seit fast 30 Jahren. Sie legalisierten Marihuana, schafften die Todesstrafe ab, erhöhten den Mindestlohn, verlängerten die Öffnungszeiten der Wahlurnen. Das zuvor konservative Virginia wurde von den Demokraten zum progressiven Vorbild für alle Südstaaten erklärt. Ein Vorbild, das akut gefährdet ist.

Nun holen die Demokraten ihre prominentesten Köpfe zu Hilfe. Joe Biden wird am Dienstag für McAuliffe werben, Vizepräsidentin Kamala Harris war schon da, und am vergangenen Samstag reiste Barack Obama in die Hauptstadt Richmond. "Wir stehen an einem Wendepunkt in Virginia, den Vereinigten Staaten, der Welt", rief der frühere Präsident ins junge Publikum. "Ich weiß, dass ihr müde seid. Aber wir können es uns nicht leisten, müde zu sein." Obama bat inniglich darum, wählen zu gehen, und um Geduld: Es sei schwierig, Jahrhunderte der Diskriminierung rückgängig zu machen.

Wahl in Virginia / USA

"Biden macht einen tollen Job", sagt Leslie Hall, 73, (links). Gemeinsam mit der gleichaltrigen Brenda Johnson (rechts) besuchte sie die Wahlkampfveranstaltung für Terry McAuliffe in Richmond.

(Foto: Fabian Fellmann)

Die Botschaft war maßgeschneidert auf die Afroamerikaner, knapp ein Fünftel der Einwohner Virginias. Gelingt es den Demokraten, sie zu mobilisieren, haben sie Aussichten auf einen Wahlerfolg. Nicht zu überzeugen brauchte Obama die 73-jährige Leslie Hall. "Biden macht einen tollen Job", sagt die Afroamerikanerin aus Richmond. "Aber seine Hände sind gebunden, weil der konservative Senat alles blockiert." Bei allem Frust über die nationale Ebene gelte es, den Fortschritt im eigenen Staat abzusichern, fügt Brenda Johnson, 73, an.

Jüngere Afroamerikanerinnen hingegen dürften den Urnen eher fernbleiben. Demokratische Parteivertreter bezeichnen diese Prognose als Erfindung der Medien, doch Cenaya Reed sieht die Belege im eigenen Umfeld. "Viele sind enttäuscht von Joe Biden. Es geht nicht schnell genug vorwärts", sagt die 20-jährige Studentin der Virginia Commonwealth University. "Es gab keine echte Polizeireform, unsere Wahlrechte wurden nicht gesichert. In unseren Quartieren sind die Schulen schlechter, es gibt bei uns weniger Parks und mehr Umweltverschmutzung, unsere Kinder haben noch immer nicht die gleichen Chancen."

Wahl in Virginia / USA

"Unsere Kinder haben noch immer nicht die gleichen Chancen", sagt Studentin Cenaya Reed.

(Foto: Fabian Fellmann)

Die andere Welt in den Bergen

Ganz anders als diese Stimmen aus den urbanen Gebieten klingen die Wähler in den Appalachen im Süden und Westen des Staats. In den Berggebieten scheinen die Uhren nur noch rückwärts zu laufen. Der Boom der Kohlewirtschaft ist längst vorbei, passé sind jene Tage, in denen die Minenarbeiter Demokraten wählten, weil sich ihre Gewerkschaften für bessere Arbeitsbedingungen einsetzten.

Inzwischen darbt die Kohleindustrie, die Lokalpresse ist voll von Polizeibildern mutmaßlicher Drogendelinquenten, jedes zweite Geschäft ist verrammelt, viele der einfachen Behausungen sind heruntergekommen, nur die wenigen Wohlhabenden bewohnen Häuser aus Stein.

Solche Gebiete scheinen für die Demokraten verloren. Zuhauf sind ihre Amtsträger zum politischen Gegner übergelaufen. Einer von ihnen ist Gerald Arrington, der gewählte Staatsanwalt in Buchanan County, wo Trump jüngst 83 Prozent der Stimmen holte. Er sei stets ein Libertärer gewesen, sagt Arrington, doch weil seine Familie demokratisch war, hielt er der Partei lange die Stange. Seit jeher sei seine Gegend konservativ geprägt, sehr religiös, für freien Waffenbesitz, entschieden gegen Abtreibung und die "LGBTIQ-Bewegung", sagt Arrington in einem fensterlosen Sitzungszimmer in Grundy.

"Uns haben alle vergessen."

"Unsere Werte haben sich nicht verändert. Die demokratische Partei ist nach links gerutscht", sagt Arrington. Er hat soeben die Partei verlassen, weil er mit der Kritik an der Polizei und mit den Reformen der Strafjustiz nicht einverstanden war, wie zuvor drei lokale Sheriffs. Arrington ist unzufrieden mit den Politikern in Richmond und in Washington: "Uns in den Appalachen haben alle vergessen."

Vergessen fühlt sich auch Aaron. Der Mitdreißiger fischt mit zwei Freunden nach Regenbogen- und Goldforellen im Flüsschen Levisa Fork in Grundy. Er lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass er zu Trumps Anhängerschaft gehört. Die Medien beäugt er kritisch, seinen Nachnamen und sein genaues Alter mag er deshalb nicht nennen. Die Beschwerden der Afroamerikanerinnen über die schleppende Gleichberechtigung wischt der bärtige Mann beiseite: "Wir haben im Sezessionskrieg für die Abschaffung der Sklaverei gekämpft. Für mich ist das Thema erledigt."

Aaron treibt vielmehr die Inflation um, der Umstand, dass der Preis einer Tankfüllung für seinen Pick-up von 30 auf über 50 Dollar gestiegen ist, dass Bauholz teurer geworden ist, dass die globalen Lieferketten ins Stocken geraten sind. Klar ist für Aaron, dass den US-Präsidenten die Schuld daran trifft: "Biden kann nicht einmal einen ganzen Satz bilden."

Selten sind hier demokratische und unentschiedene Wähler wie Paris Parker, der frühmorgens in einem Tankstellenshop in Tazewell seinen Kaffee schlürft. "Hier würden die meisten einen Kohlkopf wählen, sofern er von den Republikanern nominiert wird", sagt der Handwerker. Er selbst hingegen wolle zuerst prüfen, wofür die Kandidaten stehen. Unbeantwortet bleibt, ob das die gewohnte Ausflucht ist eines Wählers, der seine Trump-Präferenz nicht an die große Glocke hängen will.

Entschieden würden die Wahlen indes keineswegs in solch ultra-republikanischen Gegenden, urteilen Fachleute, sondern in den dicht bevölkerten Agglomerationen Virginias, allen voran jenen, die an die Bundeshauptstadt Washington grenzen. In Arlington etwa, weltweit bekannt wegen seines riesigen Soldatenfriedhofs, waren im vergangenen Herbst kaum Trump-Schilder zu sehen. Jetzt jedoch leuchtet hier und dort ein rotes "Youngkin for Governor" in den Vorgärten. Bei den Wählern ohne Parteizugehörigkeit sind laut Umfragen nicht etwa die Klima- oder die Minderheitenpolitik ausschlaggebend, die die Demokratische Partei auf Trab halten. Was dort beschäftigt, sind der Zustand des Arbeitsmarkts, die Pandemiebewältigung und die Sicherheitslage. Bidens Antworten darauf überzeugen diese Wählerschichten offensichtlich zu wenig, seine Umfragewerte sind so schlecht wie die keines anderen demokratischen Präsidenten.

Demokraten fahren risikoreiche Strategie

Die Strategie der Demokraten, den republikanischen Kandidaten Glenn Youngkin als Trump-Fanatiker zu verteufeln, scheint hier nicht zu greifen, im Gegenteil: Sie riskieren, pragmatische Mittewähler abzuschrecken. Diese könnten darum umso mehr versucht sein, zumindest die Mehrheit im Parlament Virginias wieder den Republikanern zuzuschanzen.

Der Republikaner Youngkin hat das Seine getan, um solche Wechselwähler für sich zu gewinnen. Der frühere Fondsmanager hat moderate Töne angeschlagen und wohl wiederholt mit den Trumpisten geflirtet, ohne jedoch klar für den früheren Präsidenten Stellung zu beziehen. Youngkin sei ein Trump im Schafspelz, kritisieren die Demokraten.

Einige Beobachter wenden hingegen ein, Youngkin versuche damit geschickt, die Republikaner zu einen. Seine Strategie könnte aufgehen. Der Betreiber einer historischen Pension etwa sagt, er habe zwar nicht für Trump gestimmt, aber in Virginia sei jetzt ein Machtwechsel vonnöten.

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