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USA:Bidens Werk, Sanders' Beitrag

Joe Biden, Bernie Sanders

Bernie Sanders (r.) gab am Montag eine Wahlempfehlung für seinen vormaligen Konkurrenten Joe Biden ab.

(Foto: AP)

Nur vereint haben die Demokraten eine Chance, Trump aus dem Amt zu werfen. Ideologische Sturheit wird den Anhängern von Sanders nicht den Wahlsieg bringen.

Bernie Sanders hat die Vorwahlen bei den Demokraten verloren. Joe Biden hat die Vorwahlen gewonnen. Deswegen wird Biden der Kandidat der Demokraten für die Präsidentschaftswahl werden, nicht Sanders. So funktionieren Wahlen. Und weil Bidens Gegner im November Donald Trump heißt, der sich für ein "sehr stabiles Genie" hält, der in Wahrheit aber ein erratischer Stümper ist, dürfte es eigentlich für keinen demokratischen Parteianhänger Zweifel daran geben, wem er seine Stimme geben soll. Selbst wer Biden nicht mag, müsste sich überwinden können, ihn zu wählen - alleine aus dem Grund, dass die Alternative Trump ist. So funktioniert Politik.

Die Frage, von der es ganz wesentlich abhängt, ob Joe Biden der nächste Präsident der USA werden wird, ist diese: Haben alle Demokraten das verstanden? Die Antwort lautet: noch nicht.

Einer, der die Lage sehr gut überblickt, ist Bernie Sanders. Der Senator kann dickköpfig sein, doch am Montag gab er eine offizielle Wahlempfehlung für Biden ab. Am Dienstag folgte Altpräsident Barack Obama. Das Wichtigste sei, im November Trump zu schlagen, sagten beide. Das ist nicht nur politisch richtig. Aus den Aufrufen spricht auch die wahltaktische Erkenntnis, dass Biden jede Stimme brauchen wird, um zu siegen. Und das schafft er nur, wenn der tiefe Riss zumindest halbwegs gekittet wird, der die Demokratische Partei und ihre Wähler in einen linken Bernie- und einen gemäßigten Biden-Flügel trennt. Die Wahlempfehlungen von Sanders und Obama waren der Versuch, etwas Kitt in diesen Riss zu stopfen.

Biden ist schuld daran, dass die linke Revolution ausfällt

Doch so hilfreich verhalten sich längst nicht alle im Sanders-Lager. Die Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez zum Beispiel, nach Sanders' Rückzug de facto die neue Anführerin der Parteilinken, versprach zwar, im November "den Kandidaten der Partei" zu unterstützen. Was das wert ist, ist allerdings unklar. Denn bevor sie sich mit Biden auf eine Wahlkampfbühne stelle, müsse der politische Zugeständnisse machen, forderte Ocasio-Cortez. So als sei der Streit darüber, wie weit links der Kandidat stehen soll, nicht gerade in den Vorwahlen entschieden worden. Sanders' Pressesprecherin verbreitete derweil auf Twitter Artikel über eine frühere Mitarbeiterin Bidens, die diesen beschuldigt, sie sexuell bedrängt zu haben.

Vielleicht sind das nur die Nachwehen eines harten Vorwahlkampfes. Man kann die Enttäuschung der Sanders-Anhänger ja sogar verstehen. Die linke Revolution, von der sie geträumt haben, fällt aus, und dafür geben sie Biden die Schuld. Das ist bequemer, als sich einzugestehen, dass in Wahrheit die amerikanischen Wähler keine Lust auf einen sozialistisch angehauchten Staatsumbau haben.

Irgendwann in naher Zukunft sollten Sanders' Unterstützer sich freilich zusammenreißen. Ideologische Sturheit wird ihnen nicht den Wahlsieg bringen. Im Gegenteil: Es ist kein Zufall, dass Trumps Wahlkampfteam, das den früheren Vizepräsidenten stets mehr gefürchtet hat als Sanders, sich derzeit bemüht, die trauernden Bernie-Fans gegen Biden aufzuwiegeln. Trumps Leute wissen, dass die Demokraten im November eine Chance haben, den Präsidenten aus dem Amt zu werfen. Aber nur, wenn sie geeint sind. Je länger der Sanders-Flügel mault und trotzt, desto mehr hilft das Trump.

Die Entscheidung im November ist ganz einfach: Biden oder Trump. Was gibt es da ernsthaft zu überlegen?

© SZ vom 15.04.2020

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