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US-Wahlkampf:"Trumps Video? Ich habe viel Schlimmeres gehört"

GOP Presidential Candidate Donald Trump Holds Rally In Terre Haute, Indiana

"Trump-Fans sind in Terre Haute am lautesten, aber nicht in der Überzahl" sagt Mark Bennett von der Lokalzeitung Tribune-Star

(Foto: Getty Images)

Wer US-Präsident werden will, muss in Vigo County gewinnen - diese Regel gilt seit 1956. Wen wählen die Bewohner in Indianas "Mini-Amerika" dieses Mal und wie reagieren Wählerinnen auf die sexistischen Trump-Sprüche? Ein Besuch.

Brenda Wilson kann die Aufregung nicht wirklich verstehen. "Natürlich ist es nicht gut, dass Donald Trump das gesagt hat, aber ich habe schon viel Schlimmeres gehört", sagt sie. Die Aufnahmen, in denen Trump im Gespräch mit Moderator Billy Bush damit prahlt, als "Star" dürfe er Frauen zwischen die Beine fassen: Für sie ist das "ein Gespräch zwischen Kerlen". Trump habe sich doch entschuldigt und erklärt, dass er heute anders sei: "Ich glaube ihm."

Natürlich hat auch Wilson gehört, dass sich viele Eltern nun fragen, wie sie ihren Kindern erklären sollen, dass ein Präsidentschaftskandidat so redet. Das sei gewiss nicht ideal, doch die 56-Jährige hält das für "Heuchelei": "Die Kinder hören doch die Musik, die im Radio läuft. Die Texte von Beyoncé sind viel anzüglicher." Sie verweist auf einen beliebten Facebook-Post: Wenn Frauen so erzürnt über Trumps Worte seien, warum haben sie 80 Millionen Bücher der Erotik-Serie "50 Shades of Grey" gekauft?

Weil das Video mit Moderator Bush kurz vor der zweiten TV-Debatte publik wurde, geht sie von einer gezielten Attacke "der Clintons und der Medien" aus. Trump habe unter Druck "bewiesen, wie führungsstark er ist" , schwärmt Wilson, die Politologie studiert hat und überaus freundlich ist. An diesem Urteil ändert auch die Tatsache nichts, dass Trump mit drei Frauen auftrat, die Bill Clinton sexuelle Übergriffe vorwerfen: "Diese Frauen haben sehr gelitten und er gibt ihnen die Chance, ihren Schmerz zu äußern."

Wilsons Argument ist typisch: Seine Worte sind auch manchen Trump-Fans zu harsch, doch die Taten von Hillary Clinton seien schlimmer. "Ich kann ihr nicht vertrauen", sagt Wilson. Trumps "Umkleidekabinengerede" ändere nichts daran, dass er als Einziger das korrupte Washington verändern werde. "Er ist wie ein Arzt, der nicht grüßt und sagt: 'Sie sind zu dick, nehmen Sie 30 Kilo ab.' So etwas hört niemand gern, aber es ist nötig für die Heilung."

Dass Amerika krank ist, davon sind Trump-Wähler wie Brenda und ihr Mann Fred überzeugt. Beide betreiben eine Farm und züchten unter anderem Elche und Büffel - und wie groß ihre Loyalität ist, sieht man von weitem: Auf einem Getreidesilo weht eine große "Make America Great Again"-Fahne.

Wie Vigo County wählt, so wählt ganz Amerika

Die Wilson-Farm liegt am Rande von Terre Haute in Indiana, und damit in jenem US-Wahlkreis, der seit 1956 stets für den Kandidaten stimmt, der tatsächlich ins Weiße Haus kommt. Seit 1888 lagen die Bürger nur zwei Mal falsch. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung von Vigo County lebt in Terre Haute an der "Crossroads of America", wo sich die wichtigen Highways 40 und 41 kreuzen. Die Stadt, lange ein Eisenbahndrehkreuz, zog Einwanderer aus Deutschland, Italien oder Ungarn an. Bellwether nennen die Amerikaner solche Orte, die Trends aufzeigen, und Vigo County ist der ultimative Bellwether-Wahlkreis. Und in diesem "Mini-Amerika", wo sowohl George W. Bush als auch Barack Obama zwei Mal siegten, ist die Stimmung heute gedrückt, die Bürger sind polarisiert und frustriert vom ewigen Wahlkampf.

Info

In Vigo County leben 108 000 Menschen, die größte Stadt Terre Haute liegt knapp 300 Kilometer südlich von Chicago und 270 Kilometer östlich von St. Louis - also mittendrin im Mittleren Westen. Verglichen mit dem Rest der USA ist der Wahlkreis viel weißer (88 Prozent, dazu acht Prozent Schwarze) und älter. Das Durchschnittseinkommen beträgt 41 175 Dollar und ist damit niedriger als der US-Durchschnitt (53 000 Dollar). Terre Haute ist noch aus einem anderen Grund bekannt: Hier befindet sich das Bundesgefängnis, in dem 2001 der Oklahoma-Bomber Timothy McVeigh hingerichtet wurde.

"Weil Gewerkschaften hier immer stark waren, sind sehr viele registrierte Wähler demokratisch", sagt Fred Wilson, dessen Familie seit 200 Jahren in Vigo County lebt. "2012 standen in vielen Einfahrten Obama-Schilder. So leise wie jetzt waren die Demokraten nie", sagt der Konservative hoffnungsvoll.

Die Wahrheit ist, dass die Leidenschaft der Trumpisten viele einschüchtert. "Ich hätte Angst, dass mein Auto hier zerkratzt wird, wenn ein Hillary-Sticker drauf klebt", sagt Rachel Megan. Die 24-Jährige aus dem progressiven Ostküstenstaat Connecticut kam zum Studium nach Terre Haute. Mehrere Unis und Colleges sorgen dafür, dass Tausende junge Leute in Vigo County abstimmen. Mit zwei Freundinnen sitzt Megan im "Java Haute"-Coffeeshop über ihren Büchern. Dass es in den USA so viel Sexismus und Rassismus gibt, schockiert sie. "Bei der Wahl geht es um so viel, gerade für junge Frauen", sagt Erin McTiernen, die in Pittsburgh aufwuchs.

Offen spricht keine von ihnen in Indiana über Politik. "Was soll ich mit einem Trump-Fan reden?", fragt die New Yorkerin Emily Fink. Das Pussygate-Video haben alle gesehen und es widert sie an. Rachels Wut ist so groß, dass sie sich als Freiwillige engagieren will: "Ich werde die nächsten Wochenenden so viele Wähler wie möglich anrufen, um für Hillary zu werben. Trump darf nicht Präsident werden."

Hillary Clinton als das kleinere Übel

Ähnlich denken die vier Frauen am Nebentisch. "Ich finde beide peinlich, aber Trump ist natürlich schlimmer", sagt Emily LaGrange. Wie ihre Freundin Megan Ramer wird sie bald 18 und darf am 8. November erstmals wählen - und beide sehen in der Ex-Außenministerin das kleinere Übel. Wie im Rest der USA stand Senator Bernie Sanders, der "demokratische Sozialist", auch in Terre Haute bei jungen Amerikanern hoch im Kurs: "Viele mochten, dass er sich nicht verbiegt", sagt Megan. In ihrer Highschool, so Emily, sei die Wahl ein großes Thema und ihr Jahrgang ist gespalten: "Die Jungs mögen Trump, die Mädchen Clinton."

Die Mütter von Emily und Megan sind wenig begeistert, dass ihre Kinder zur Polit-Premiere eine Schlammschlacht erleben. Das Skandal-Video habe sie nicht überrascht, sondern eher betrübt, sagt Kimberly LaGrange, die Wirtschaft an der Uni lehrt: "Immer wenn man denkt, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, dann passiert so etwas." Auch sie wird für Hillary Clinton stimmen - doch auch sie hat kein Schild im Garten und keinen Aufkleber an der Stoßstange.

Weil kein Wahlbezirk schon so lange wie Vigo County die richtigen Kandidaten wählt, kommen Journalisten regelmäßig nach Indiana - diese Woche ist etwa auch die BBC dort. Fast alle treffen Mark Bennett von der Lokalzeitung Tribune-Star zum Kaffee und er warnt, nicht zu sehr auf das Straßenbild zu achten: Schilder und Aufkleber geben einen falschen Eindruck.

"Politico nannte uns Ende 2015 'Trump County, USA'", erzählt Bennett. Die Trump-Fans seien am lautesten, aber nicht in der Überzahl: Bei der primary im Mai erhielt Trump 8000 Stimmen, während 16 000 Wähler für Clinton oder Sanders stimmten. Bennett, der seit 1985 für die Tribune-Star schreibt, glaubt zudem, dass Trumps vulgärer Ton viele abschrecken wird: "Es gibt eine Menge heimliche Hillary-Fans und es wäre eine große Überraschung, wenn sie nicht gewinnt." Ähnliches erwartet der New Yorker Dokumentarfilmer Don Campbell, der seit einem Jahr an seinem Film "Bellwether 2016" arbeitet. Doch beide rechnen mit einem knappen Ergebnis in Vigo. Landesweit dürfte es anders ausgehen: Die New York Times gibt Clintons Siegchancen aktuell mit 89 Prozent an und die Umfragen aus den swing states sprechen für einen deutlichen Sieg der Demokratin.