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US-Wahlkampf:Trump und Clinton streiten über Konsequenzen aus Orlando

Hillary Clinton will mehr Bomben auf den IS und weniger Waffen für Amerikaner, Trump verschärft seine Anti-Islam-Rhetorik.

Von Johannes Kuhn, Orlando

Der Anschlag von Orlando wird auch den Wahlkampf in den USA verändern. Doch wie? In kurzem Abstand sprachen die beiden Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump am Dienstag über ihre politischen Lehren aus dem Massaker. Die beiden Reden zeigen deutlich, wie unterschiedlich die Pfade sind, die beide Kandidaten im Weißen Haus beschreiten würden.

Die wichtigsten Punkte aus Hillary Clintons Rede vor Anhängern in Cleveland

Clinton betont in klassischer präsidialer Rhetorik den Zusammenhalt der USA in Zeiten der Prüfung: "Wir waren schon immer ein Land des 'wir', nicht des 'ich'." Ihr Hauptanliegen war ein Verbot von Sturmgewehren, wie es der Täter benutzte. Dies fordern viele Demokraten schon lange.

Die Antwort der USA müsse von einem klaren Blick und einer sicheren Hand geprägt sein. "Der Terrorist von Orlando mag tot sein, doch der Virus, der seinen Verstand vergiftet hat, lebt." Die Idee ihres Rivalen Donald Trump, einen Einreisestopp für Muslime zu verhängen, spiele "genau in die Hände der Terroristen". Namentlich nennt Clinton, die zuvor vor einer Politisierung der Tragödie warnte, Trump jedoch nicht.

In der Praxis fordert die ehemalige Außenministerin verstärkte Luftschläge gegen den "Islamischen Staat" in Syrien und eine Zusammenarbeit zwischen Behörden und Privatfirmen, um "einsame Wölfe" besser identifizieren zu können, die häufig online rekrutiert würden. Ob damit eine stärkere Überwachung von Internet-Plattformen gemeint ist, führt sie nicht aus.

Wichtiges Zitat (I): "Orlando macht es deutlich: Wir können diese Bedrohung nicht eindämmen. Wir müssen sie besiegen." Diese Aussage könnte theoretisch jeder Präsident und Präsidentschaftskandidat treffen, doch Clinton ist in diesem Kontext eher zur militärischen Einmischung bereit als Obama.

Wichtiges Zitat (II) An LGBT-Amerikaner gewandt: "Ihr habt Millionen von Verbündeten, die immer auf euch aufpassen werden. Und ich bin eine davon." Damit bekennt sich Clinton deutlich zu einer liberalen Gesellschaft - die Republikaner meiden im Zusammenhang mit dem Anschlag den Aspekt des Hassverbrechens.

Kurz darauf tritt Donald Trump in New Hampshire vor seine Anhänger - er hatte eigentlich eine Rede über die Verfehlungen der Clintons geplant, sich aber angesichts der Ereignisse zu einem Themenwechsel entschlossen. Der Republikaner liest seine Rede erneut vom Teleprompter ab - das lehnt er eigentlich ab, macht es aber in jüngster Zeit häufiger. Die Details:

Trump fordert ebenfalls eine gemeinsame Antwort der Amerikaner auf den jüngsten Anschlag. In diesem Kontext bringt er erneut die Einwanderungspolitik mit dem jüngsten Anschlag in Verbindung. "Tausende um Tausende, viele mit dem gleichen Gedankenprozess wie dieser brutale Killer" kämen ins Land, und "Hunderttausende Muslime" ohne Hintergrund-Check. Das ist allerdings gelogen, der Auswahl und Hintergrundprüfungsprozess für Flüchtlinge aus Ländern wie Syrien dauert in der Regel 18 bis 24 Monate.

Trump wiederholt seinen Vorschlag für einen Einreisestopp für Muslime, bis die USA einen besseren Prüfungsprozess entwickelt hätten. Man werde keine Einwanderer "aus Nationen mit einer nachgewiesenen Geschichte des Terrorismus" aufnehmen.

Die muslimischen Gemeinden in den USA stellt er unter Generalverdacht: Diese müssten "diejenigen ausliefern, von denen sie wissen, dass sie böse sind ... sie wissen, was gespielt wird". Allerdings ist im aktuellen Terrorfall nichts über eine Mitwisserschaft bekannt.

Den Orlando-Attentäter Omar Mateen nennt Trump vom Skript abweichend einen "Afghanen", obwohl dieser wie der Milliardär US-Bürger ist und in New York geboren wurde. Man habe seine Familie einreisen lassen, "und darüber müssen wir sprechen".

Hillary Clinton habe "keine Ahnung, was radikaler Islam ist", erklärt Trump, um raunend anzufügen: "Und wenn sie es tut, wird sie nicht ehrlich darüber sprechen." Die Ideen zur Einschränkung des Waffenrechts verstießen gegen die Verfassung und ließen "nur die bösen Typen" mit Waffen übrig.

Erstaunlich oft - für einen Republikaner - verwendete Trump das Wort "schwul" und den Begriff "LGBT". Floridas konservativer Gouverneur Rick Scott beispielsweise nahm beide Wörter bislang nicht in den Mund. Trump bezeichnet sich sogar als "besserer Freund" der LGBT-Gemeinde, weil Hillary Clinton Islamisten einreisen lasse, die solche Lebensweisen nicht akzeptierten.

Wichtige Zitate: "Wir müssen die Wahrheit darüber sagen, dass der radikale Islam in unsere Gefilde kommt" und "wenn wir nicht beginnen, das ernst zu nehmen, werden wir unser Land nicht mehr haben".

Trump verzichtet auf Beschwichtigungen und staatsmännisches Verhalten, um die Angst vor dem Verlust von Kontrolle und Identität in den Mittelpunkt zu stellen.

© SZ.de/hatr
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